In Beziehungen entwickeln sich Paare oft in verschiedene Richtungen. Warum das nicht das Ende einer Partnerschaft sein muss und die Liebe sogar vertiefen kann, erklärt Paartherapeut Eric Hegmann.
Bei Eric Hegmann schütten Paare regelmäßig ihr Herz aus. Neben seiner Tätigkeit als Paartherapeut in Hamburg hat er gerade eine Reihe von Paaren in einem TV-Studio empfangen, das seiner echten Praxis nachempfunden ist. In einer jeweils mehrstündigen Intensivsitzung therapiert er dort Paare, Kameras zeichnen die gesamte Sitzung auf, ohne Cut. Meist würden die Paare schnell vergessen, dass die Öffentlichkeit sozusagen mit auf der Couch sitzt, sagt Hegmann, denn eine solche Sitzung sei für die Paare schließlich sehr fordernd. Bevor die nächste Staffel von „Die Paartherapie“ ab diesem Montag zu sehen ist, sprach Hegmann mit uns darüber, was man bei einer Fernseh-Paartherapie lernt, wie man gut mit Unterschieden umgeht und danach stärker wieder zusammenfindet.
Herr Hegmann, warum lassen sich Paare mit Ihnen bei der Paartherapie filmen?
Das sind ganz großartige, mutige Menschen, die etwas ausprobieren wollen, die ein Thema haben, bei dem sie selbst als Paar nicht weiterkommen. Die sagen aber auch ganz klar: „Wir machen das auch, um Leute zu inspirieren.“
Kann die Fernsehtherapie eine echte Paartherapie ersetzen?
Das nicht. Aber viele Paare kommen zu mir und sagen: „Wir haben alle Folgen am Stück gesehen und hatten danach die besten Gespräche seit Jahren. Das würden wir jetzt gerne fortführen.“ Die Serie kann die Hürde abbauen, eine Paartherapie aufzusuchen.
Sie arbeiten seit knapp 20 Jahren als Therapeut. Was machen Paare immer wieder falsch, die zu Ihnen kommen?
Viele zeigen auf den anderen und sagen: „Ich habe schon alles probiert, jetzt bist du dran, du musst dich verändern.“ Das ist total menschlich. Aber Paartherapie bedeutet niemals, Ziele für den Partner zu setzen, es ist auch kein Partnerfixing durch den Therapeuten oder die Therapeutin. Die Therapie dreht sich immer um die Frage: Was will ich selbst verändern, für welche Veränderungen bin ich bereit, um ein besserer Partner zu werden?
Ist es nicht manchmal legitim, sich Veränderungen beim Partner oder der Partnerin zu wünschen, wenn man unter bestimmten Dingen leidet?
Mir geht es um etwas anderes. Wenn ich die Menschen nach solchen Forderungen an den Partner frage, was sie selbst schon versucht haben zu verändern, kommt als Antwort häufig: „Nix! Ich habe versucht, so zu bleiben, wie ich bin.“ Dieses Ringen um Veränderung macht den Paaren meist sehr stark deutlich, dass es dem anderen genauso schwer fällt, sich zu verändern, wie mir selbst. Wenn man sich dann die Frage stellt, wie man sich gegenseitig unterstützen kann, werden aus Gegnern plötzlich Verbündete. Das ist nicht einfach, aber ich gebe den Leuten Werkzeuge, damit sie das probieren können.
Warum müssen wir uns überhaupt verändern. Wäre es nicht einfacher, sich jemanden zu suchen, der möglichst gleich tickt?
Das funktioniert nie auf Dauer. Wir suchen bei der Partnerwahl natürlich ohnehin nach Gemeinsamkeiten, nach einer gemeinsamen Wellenlänge. Am Beginn einer Beziehung gibt es daher eine symbiotische Phase. Danach kommt grundsätzlich aber irgendwann mal die Differenzierungsphase. Das kann auch erst nach zehn, zwanzig Jahren passieren. Nämlich dann, wenn ich feststelle, dass wir uns in der Beziehung in verschiedene Richtungen entwickelt haben und ich nicht mehr glücklich bin. Dann stellt sich die Frage, wie wir mit diesen Unterschieden umgehen. Manchmal versuchen beide, den anderen von dieser Entwicklung abzuhalten, um in die symbiotische Phase zurückzukehren. Aber diese Symbiose ist immer bedroht, sie wird durch jede Veränderung infrage gestellt.
Wie sollte man stattdessen damit umgehen?
Ich gehe mit meinen Paaren nach der Differenzierung immer in eine Explorationsphase. Das heißt, die Partner machen das, was sie glauben, dass ihnen guttut. Wenn man sich danach zusammensetzt und bespricht, was gut war und was man ändern würde, erlebt man dadurch nicht trotz der Unterschiede, sondern wegen der Unterschiede eine neue, besonders tragfähige Verbindung. Zu dieser Verbindung kommen Sie aber nicht, wenn Sie nicht anfangen die Unterschiede zu akzeptieren und zu erleben, dass diese wie eine Ergänzung sein können. Da kommen Sie aber nur hin, wenn Sie es ausprobieren.
Es braucht also Konflikte, Gespräche die wehtun, um sich als Paar weiterzuentwickeln?
Ja. Wenn man sich selbst zurücknimmt und der Harmonie wegen Konflikte nie anspricht, werden diese auch nie geklärt. Es braucht die Reibung, um Konflikte zu lösen. Vermeidung dagegen bedeutet, dass die Partner auseinanderwachsen.
Können diese Gespräche und Konflikte ohne Verletzungen stattfinden?
Ich fürchte, ein gewisser Schmerz wird immer dabei sein. Aber Sie können sich natürlich bemühen, die Partnerin oder den Partner so wenig wie möglich vorsätzlich zu verletzen. Ich kann mir vornehmen, dass ich in dem Gespräch nicht die Person bin, die jammert oder anklagt, sondern die Person, die nachfragt, neugierig ist, unterstützt. Das kann ich trainieren. In den meisten Fällen wird das Gegenüber auch anders reagieren.
Und ich kann versuchen, einen Kommentar über mich nicht persönlich zu nehmen, sondern ganz bei der Person zu lassen. Ich kann sagen: „Okay, das ist dein Wunsch. Das verletzt mich auch. Aber erzähl mir mehr, damit ich es verstehe. Woher kommt dieser Wunsch? Warum brauchst du das?“ Der Gedanke ist, mehr über die Bedürfnisse der anderen Person zu lernen.
Häufig kracht es, wenn man ohnehin schon unter Strom steht. Welche Rolle spielen äußere Umstände bei Konflikten in der Beziehung?
Sie können davon ausgehen, dass der Stress in der Beziehung deutlich geringer ist als derjenige, den Sie von außen mittragen. In so einer Situation reagiert man auf Autopilot, also nach Strategien, die man als Kind irgendwann als sinnvoll erlebt oder sich abgeguckt hat. Meine Partnerin oder mein Partner aber auch. Wenn man das aus der Distanz betrachtet, stellt man fest, dass man gerade nicht anders kann.
Warum fällt es uns danach so schwer, aufeinander zuzugehen und sich zu entschuldigen?
Selbstvorwürfe sind ein ganz wichtiger Teil dabei. Ich weiß ja, dass ich mich scheiße verhalten habe. Da ist oft eine Stimme im Kopf, die mich beschimpft, wie furchtbar ich wieder gewesen sei. Und wenn die andere Person mir dasselbe signalisiert, ist das schwer auszuhalten, das kommt dann ja von dem wichtigsten Menschen in meinem Leben. Aber auch die Fähigkeit das auszuhalten kann man lernen.
Abschließend: Wann ist eigentlich der richtige Zeitpunkt für eine Paartherapie?
Wenn Sie Paare fragen, die sich getrennt haben, sagen diese häufig, die Entscheidung für eine Paartherapie sei einige Jahre zu spät gewesen. Da sind dann oft so viele Verletzungen passiert, dass Sie die auch nicht mehr heilbar sind. Daher: Es gibt kein zu früh. Je verliebter Sie sind, desto besser ist der Zeitpunkt für die Paartherapie. Denn Sie können dann total spaßig und freundlich und gelöst anfangen, Werkzeuge zu lernen, die Sie dann aber in Ihrem Beziehungsleben hoffentlich gar nicht brauchen.
Der TV-Paartherapeut
Praxis
Eric Hegmann, Jahrgang 1966, arbeitet seit knapp 20 Jahren als Paartherapeut und Single-Coach mit Praxis in Hamburg. Dazu hat er zahlreiche Bücher zu Liebe und Partnerschaft veröffentlicht und berät das Partnerportal Parship.
Medien
Die zweite Staffel von „Die Paartherapie“ mit Eric Hegmann ist ab diesem Montag in der ARD Mediathek abrufbar. Die erste Staffel kann man dort ebenfalls noch ansehen. Zusätzlich gibt es einen Paartherapie-Podcast, seit Anfang November läuft die bereits dritte Staffel.