Joe Biden  versucht beim TV-Duell Boden zurückgewinnen, den Präsident Barack Obama mit seinem schwachen Auftritt bei der TV-Debatte mit Romney verspielt hatte.

Washington - Der Druck auf beide Vizepräsidenten-Kandidaten war groß. Für die Demokraten sollte Joe Biden eine Art Retter sein, Boden zurückgewinnen, den Präsident Barack Obama mit seinem schwachen Auftritt bei der TV-Debatte mit Herausforderer Mitt Romney verspielt hatte. Auf dem jungen Paul Ryan lastete die Erwartung, dass er Stolperfallen umgeht und Romneys Aufschwung nicht gefährdet. Am Ende legten beide am Donnerstagabend eine Leistung hin, aus der ihre jeweiligen Anhänger Honig saugen können, wie es ein Fernsehkommentator formulierte. Und beide bescherten den Amerikanern ein Rededuell mit Unterhaltungswert. Es ging richtig zur Sache - und das praktisch von der ersten Minute an.

Er sei wohl zu höflich gewesen, hatte Obama seine maue Vorstellung beim Zusammentreffen mit Romney in der Vorwoche erklärt. Das konnte man seiner Nummer 2 nun wirklich nicht vorwerfen. „Was für einen Haufen Schwachsinn“, sagte der 69-Jährige schon zum Auftakt, als Ryan Obama außenpolitische Führungsschwäche vorwarf.

Biden und Ryan liefern sich Schlagabtausch

Und auch danach tat der alte Hase Biden alles, was Obama aus unerfindlichen Gründen versäumt hatte. Seien es Afghanistan, Romneys Steuerpläne oder die geplanten tiefen Einschnitte ins soziale Netz, mit denen der rigorose Sparpolitiker Ryan zumindest teilweise den gewaltigen Schuldenberg der Nation abbauen will. Punkt für Punkt arbeitete sich Biden an den Ausführungen des Gegners ab. Keine Gelegenheit ließ er sich entgehen, Widersprüche und vermeintliche Schwachstellen aufzudecken. So versäumte er es im Gegensatz zu Obama auch nicht, Ryan die Behauptung Romneys unter die Nase zu reiben, wonach 47 Prozent der Amerikaner im Grunde Sozial-Schmarotzer seien.

Auch Ryan (42) ließ sich nicht lumpen. Es sei bekannt, „die Worte, die aus Ihrem Mund kommen, fallen nicht immer so aus, wie sie es sollten“, sagte er während eines erhitzten Schlagabtausches über Wirtschaft und Arbeitslosigkeit. Gemein war Bidens lose Zunge, die Obama in der Vergangenheit mehr als einmal in Verlegenheit gebracht hatte. „Ich sage aber immer, was ich denke“, konterte Biden prompt - eine Anspielung darauf, dass Romney im Laufe des Wahlkampfes wiederholt Positionen verändert hat.

"Profi gegen junge Kanone"

Seit Tagen hatte sich in den USA ein regelrechter Hype um die Vizekandidaten-Debatte aufgebaut. Mit jedem Prozentpunkt, den Romney in Umfragen aufholte, wurde die Spannung größer. Sind sonst Vizepräsidenten-Debatten in Wahlkämpfen eher zweitrangig, wurde diesem Duell große Bedeutung beigemessen. „Der Profi gegen die junge Kanone“, „Bringt Joe das Schiff wieder auf Kurs?“ titelten Zeitungen.

Dabei punktete Biden mit seiner langjährigen Erfahrung vor allem in der Außenpolitik, während sich Ryan am besten in seinem Metier Wirtschaft und Sparen behauptete. Beide fielen sich wiederholt ins Wort. Über weite Strecken quittierte Biden die Äußerungen seines Gegners mit einem breiten Lächeln.

So etwa, als Ryan sagte, der jüngste Terroranschlag auf das US-Konsulat in der libyschen Stadt Bengasi sei Zeichen eines breiteren Problems. „Was wir auf unseren Fernsehschirmen sehen, ist das Zerfallen der Außenpolitik Obamas, das die Welt chaotischer und uns weniger sicher macht“, kritisierte der Kongressabgeordnete. Im Internet wurde Bidens Lächeln später heiß diskutiert und von vielen als herablassend bewertet.

Er sei stolz auf seinen „Running Mate“, zitierten Medien Romney noch in der Nacht. Er habe sich gut gehalten, bescheinigten Ryan auch Fernsehkommentatoren. Biden seinerseits dürfte es zumindest geschafft haben, nach der aufgekommenen Panik-Stimmung im eigenen Lager neue Energie in den Obama-Wahlkampf zu pumpen. Damit, so formulierte es CNN-Politanalyst David Gergen, „hat er Obama zumindest eine Woche Zeit erkauft“. Am kommenden Dienstag ist der Präsident selbst wieder gefragt - dann trifft er zum zweiten Mal auf Romney.

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