Eine Dokumentation auf Arte erzählt die Geschichte der Chippendale-Shows: Männer strippen vor Frauen – ein Konzept, das seit über 40 Jahren funktioniert.
Stuttgart - Arte ist nichts Menschliches fremd. Wer sich unter dem deutsch-französischen Kulturfernsehprogramm weiterhin nichts weiter vorstellen kann als eine trockene Ansammlung von Problemfilmen in Experimentalästhetik und Themenabende über die südosteuropäische Tanzszene, der hat’s wirklich schon lang nicht mehr eingeschaltet.
Und verpasst beispielsweise an diesem Sonntag zur besten Sendezeit nicht nur das zauberhafte US-Familien-Roadmovie „Little Miss Sunshine“, sondern gleich danach auch noch die Dokumentation „Die Geschichte der Chippendales“. Wobei der Untertitel „Strip, Sex and Crime“ unmissverständlich deutlich macht: Nein, in dieser knappen Stunde geht es nicht um alte englische Möbel aus dem 18. Jahrhundert, sondern um diese Show, in der sich eine Reihe junger und sportlich gebauter Männer für einen in der Regel knackevollen Saal voll kreischender Frauen jedweden Alters ausziehen.
Warum Chippendales? Wegen ein paar alten Stühlen
Das Format kennt zumindest dem Hörensagen nach wohl jeder; auch in Deutschland sind Chippendale-Shows zumindest auf mittelgroßen Bühnen weiterhin unterwegs. Man mag den Umstand, dass es solche Veranstaltungen gibt und dass die Eintrittskarten weiterhin gern gekauft werden, angesichts der inzwischen fast grenzenlosen sexuellen Freiheiten im Internet für überholt halten. Doch beim zweiten Nachdenken wird die Sache doch interessant: Da die Chippendale-Show ja offenbar schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat – woher stammt nur die Idee, die auf so frappierende Weise die übliche Sex-Hierarchie der beiden Geschlechter scheinbar auf den Kopf stellt und Männer zum begafften Sexobjekt von Frauen macht? Kann es wirklich sein, dass dieses Format im prüden, bigotten, puritanischen, weißen Amerika geboren wurde?
Die beiden deutschen TV-Journalistinnen und Dokumentaristinnen Nicola Graef und Julia Zinke haben im Auftrag des SWR die Geschichte der Chippendales erforscht – und um gleich mit der wichtigsten Info schon mal zu glänzen: Die Männerstripshow heißt deswegen so wie eine Sammlung alter Möbel, weil in der sehr heruntergekommenen Disco namens „Destiny II“ in Los Angeles ein paar kaputte Stühle herumstanden, die der nicht besonders stilkundige Besitzer eben für Chippendales hielt.
Sind Frauen gern Voyeurin?
Ansonsten war in dem Laden, den der aus Indien eingewanderte Somen Banerjee 1979 erworben hatte, trotz Tanz, Alkohol und einigen Backgammon-Spieltischen erschreckend wenig los – bis ihm ein Mensch namens Paul Snider vortrug, eine Show anzubieten, die es sonst zu der Zeit nirgendwo anders gab: nicht etwa Frauen, die für Männer strippen (das gab es auch in Los Angeles -zigfach), sondern Männer, die für Frauen strippen – ausschließlich für Frauen; Männer sollten als Zuschauer keinen Zutritt haben.
Taugen Frauen wirklich zur Voyeurin? Und ertragen Männer es ernsthaft, ihren Körper vor einer großen anonymen Schar lauter, fordernder Mädels Stück für Stück entblößen und dabei mit dem Hintern so stimmig zu wackeln, bis es wirklich auch noch in der letzten Reihe quietscht? Das sind gerade aus feministischer Sicht eine Reihe hoch spannender Fragen, die auch die beiden Autorinnen bei ihrer Recherche sicher im Blick hatten. So richtig klar ist in ihrem Film aber nur ein Ergebnis: Feministen waren Somen Banerjee und seine Kompagnons ganz sicher nicht. Sondern knallharte Geschäftsleute.
Nie ein feministisches Konzept
Nein, die „Chippendales“ waren zu keinem Zeitpunkt ein feministisches Konzept. Wer die Choreografien studiert – als Mann kann man das beispielsweise auf Youtube-Kanälen – durchschaut schnell die genau definierten Regeln eines solchen Abends: Die Herren bleiben stets stark und muskulös, sie verkörpern traditionelle Männerrollen (Polizist, Bauarbeiter, Soldat, Matrose; alles geklaut von der schwulen Popgruppe Village People), sie nähern sich den Frauen im Publikum fordernd, bringen sie eben zum Kreischen, treiben sie also in die angeblich urweibliche Hysterie. Und vor allem: Der Männer-Strip kommt anders als bei Frauen nie zum ultimativen Punkt – es bleibt zum Schluss immer der entscheidende letzte dünne Fetzen Stoff. Der Mann gibt sich eben doch nicht preis. Und warum auch? Die Frauen sind’s auch so zufrieden.
So richtig in die Tiefe geht die Doku leider nicht, bietet aber die schillernde Oberfläche einer Popkulturgeschichte der 1980er und 1990er-Jahre, in der dann auch Madonna und Mark Wahlberg eine Rolle spielen. Und kriminell wird es dann auch noch: Die „Chippendales“ bringen in den USA derart viel Gewinn, dass sich die Eigentümer untereinander per Auftragskiller jagen. Männer bleiben halt doch stets Männer. Eben so deutlich hätte es diese Doku auch mal sagen können.
Arte, Sonntag, 26. Juli 2020, 21.55 Uhr