Der Hamburger Publizist und Herausgeber Jakob Augstein Foto: dpa/Karlheinz Schindler

Die Klage über wachsende Hetze in den sozialen Netzwerken wächst. Nun erforscht der Hamburger Journalist Jakob Augstein in einer TV-Doku die deutsche Debattenkultur. Und kommt zum Ergebnis: Alles wird gut, wenn die Diskussionen „weiblicher“ werden.

Berlin -  Fernsehzuschauer kennen Jakob Augstein aus „Augstein und Blome“ bei Phoenix. In der Diskussionssendung tauscht sich der Journalist mit Nikolaus Blome aus, durchaus konfrontativ, meistens ziemlich unterhaltsam. Mit der Frage, wie in Deutschland Debatten geführt werden, beschäftigt sich der Film „Die empörte Republik“. Regie führt Tim Klimeš, Augstein ist nur der „Presenter“, wie er betont. Der Sender 3 Sat zeigt die „filmessayistische Reise durch die Republik“ am Samstag, 14. September, um 19.20 Uhr.

Klimeš und Augstein gehen der Frage nach, wie Debatten in der Gegenwart funktionieren, in der die sozialen Medien zum Forum schneller und manchmal aggressiver Auseinandersetzungen werden. „Es gibt substanzielle Unterschiede zwischen der Debattenlandschaft vor fünf oder zehn Jahren und der heute“, sagte Augstein bei der Vorstellung des Films in Berlin. Die Debatten in der vordigitalen Zeit seien schon deshalb anders gewesen, „weil sie weniger Teilnehmer hatten“.

„Debatten werden diverser“, sagt die Google NewsLab-Chefin

Aus Augsteins Sicht geht es um mehr als nur darum, wie Menschen Argumente austauschen oder miteinander streiten: „Wahrheit entsteht in der Debatte“, sagte der Journalist und Herausgeber der Wochenzeitung „Freitag“. Deshalb sei die Debatte der Ort der Demokratie.

Für den Film unterhält er sich mit einer Reihe von Gesprächspartnern, die mit dem Thema Erfahrung haben. Mit Jan Fleischhauer etwa, dem streitbaren Kolumnisten, der lange bei „Spiegel Online“ veröffentlichte und inzwischen zum Burda-Verlag gewechselt ist. Oder mit Isabell Sonnenfeld, Leiterin des Google NewsLab in Berlin. Durch die Digitalisierung hätten mehr Menschen Zugang zu den Debatten, argumentiert sie. „Das macht sie diverser.“ Und Schuld an der Polarisierung sei nicht der digitale Wandel: „Das gesellschaftliche Auseinanderdriften ist in der analogen Welt schon da.“

„Es darf ja auch jeder Idiot wählen“, meint Stefan Aust

In Brüssel trifft Augstein Julia Reda, ehemalige Abgeordnete im Europäischen Parlament für die Piratenpartei und schon von daher kontroverse Debatten gewohnt. Sie sieht die Entwicklung im Vergleich zum vordigitalen Zeitalter ebenfalls positiv: Unterm Strich sei gut, dass im Internet diejenigen eine Stimme bekämen, die vorher nicht gehört worden seien, sagt sie – die Demonstranten gegen die Abholzung des Hambacher Forsts etwa oder die Jugendlichen, die sich bei Fridays For Future engagierten.

In Berlin trifft sich Augstein auch mit Stefan Aust, seit Jahrzehnten Journalist, lange „Spiegel“-Chefredakteur. „Es ist zweifellos der Fall, dass die Debatten früher eleganter geführt wurden als heute“, sagt Aust pragmatisch. „Das ist ja auch der Nachteil der Demokratie.“ Jeder Idiot dürfe wählen und im Zweifel auch gewählt werden. „Warum sollte dann nicht auch jeder Idiot im Internet seine Meinung veröffentlichen dürfen?“

Jakob Augstein beobachtet die Entwicklung der Debattenkultur besorgt, aber nicht verzweifelt. Und zumindest mit der Hoffnung, dass die Debatten ziviler werden könnten, wenn sie in Zukunft weiblicher würden und von Leuten geführt, die mit der neuen digitalen Welt vertraut seien. „Muss aber nicht so sein.“

„Die empörte Republik“, Samstag, 14. September 2019, 19.20 Uhr auf 3 Sat

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