Turnerin Pauline Schäfer-Betz im Training bei den Olympischen Spielen von Paris. Foto: IMAGO/Schreyer/IMAGO/Schreyer

Pauline Schäfer-Betz hatte Missstände angeprangert – und stand plötzlich ohne persönlichen Coach da. Dann kam Kay-Uwe Temme ins Spiel. Die Geschichte einer besonderen Sportler-Trainer-Beziehung.

Kay-Uwe Temme hat ein Problem. Und er weiß: Er muss sich dieser Herausforderung stellen. Einen Weg, diese zu umgehen, gibt’s diesmal einfach nicht. Er muss: hinschauen. Was er sonst versucht zu vermeiden.

 

Nun ist der Chemnitzer kein Typ, dem irgendwelche Horrorstreifen vorgesetzt werden, bei dessen wildesten Szenen er sich ein Kissen vors Gesicht hält. Temme ist seit einigen Jahren der Trainer von Pauline Schäfer-Betz, einer der besten deutschen Turnerinnen. Doch wenn die frühere Weltmeisterin am Schwebebalken, ihrem Paradegerät, eine Wettkampfübung turnt, dann packt das Kay-Uwe Temme einfach nicht. Er schaut dann lieber weg. Doch in Paris ist das, wie gesagt, nicht möglich.

Gerben Wiersma, der Bundestrainer der deutschen Turnerinnen, hat generös auf eine Olympia-Akkreditierung verzichtet – damit die jeweiligen Heimtrainer der drei Athletinnen ganz nah bei ihren Schützlingen sein können. Wenn an diesem Sonntag die Turnerinnen in Paris-Bercy die Qualifikation turnen, teilen sie sich die Betreuung nach Geräten auf. Kay-Uwe Temme steht also am Rand des Schwebebalkens. Bei allen drei Turnerinnen – die dann Zuspruch und Feedback wollen. „Ich würde ja gerne“, sagt er lachend, „aber diesmal kann ich wohl nicht wegschauen.“

Dieser Hang zur Nervosität, während Pauline Schäfer-Betz turnt, wurde erst kürzlich einem breiten Publikum vorgeführt. Der ARD-Turnexperte Philipp Sohmer drehte eine vierteilige Dokumentation über den Weg der Turnerinnen und Turner zu den Olympischen Spielen. Auch in der Trainingshalle von Pauline Schäfer-Betz wurde gefilmt – und die Tonspur hielt den einen oder anderen trockenen Spruch von Kay-Uwe Temme fest.

Trockene Kommentare mit Kult-Charakter

„Zu rennst an wie ne wilde Hilde“, sagt er einmal – mit seinem sächsischen Dialekt. Oder: „Noch zwei da unten – aber ganz ohne Gezeter.“ Es gibt weitere Beispiele. Und wer die Geschichte von Pauline Schäfer-Betz kennt, wird da womöglich hellhörig.

Denn die Turnerin hat ja vor einigen Jahren die Zustände in der Trainingsarbeit am Stützpunkt in Chemnitz angeprangert. Es ging um Druck, die Art des verbalen Coachings und auch um Schmerzmittel, die stets verschrieben worden waren. Im Zentrum ihrer Vorwürfe: die Trainerin Gabriele Frehse.

„Es war eine Berg- und Talfahrt“, erinnert sich kurz vor den Spielen von Paris die heute 27-Jährige an die vergangenen Jahre. Und sie weiß: „Ohne Kay wäre es damals das Ende meiner sportlichen Karriere gewesen.“ Aber auch für den Coach war es eine einmalige Chance und Herausforderung zugleich. „Kay hatte keine Wahl, ich auch nicht“, sagt Pauline Schäfer-Betz, „im Prinzip hat man zu uns gesagt: Macht mal. Aber keinem war klar, ob das funktioniert.“

Für den früheren Turner gab es gleich zwei Hindernisse. Einerseits hatte er sich nach seiner aktiven Karriere geschworen: „Ich betrete nie wieder eine Turnhalle.“ Er war selbstständig im Bereich Autohandel, doch „es ging wirtschaftlich bergab“. Da kam der Anruf des KTV Chemnitz gerade recht. Aber: Von Turnen der Frauen hatte Kay-Uwe Temme nicht wirklich viel Ahnung. Trotzdem wagten sie das Experiment – und der Coach sagt heute: „Am Anfang war es eine Zweckgemeinschaft, aber wir haben schnell einen Weg gefunden.“

Das bestätigt Pauline Schäfer-Betz, die gut mit der knorrigen und direkten Art ihres Trainers klarkommt. Denn: Das für sie Wichtigste ist gegeben. „Ich versuche, an jeder Stelle auf Augenhöhe zu agieren. Ich gehe mit einer 27-jährigen Frau so um, wie man mit einer 27-jährigen Frau umzugehen hat“, sagt Kay-Uwe Temme. Sein Schützling lobt: „Es ist eine ganz andere Art, wie miteinander umgegangen wird.“ Also lobt sie die „angenehme Trainingsatmosphäre“ – auch, „wenn es bei uns mal rumpelt“.

Nachhilfe in Social Media

Dass sie es gemeinsam zu den Spielen von Paris geschafft haben – es sind Schäfer-Betz’ dritten – macht sie nun besonders stolz. Und entsprechend glücklich ist Pauline Schäfer-Betz, dass ihr Coach sie auch nah betreuen kann. „Es ist für mich sehr schön, dass mein Trainer mitfahren darf, wir das zusammen erleben und uns für die harte Arbeit in den vergangenen Jahren so belohnen können“, sagt sie. Obwohl es in der Vorbereitung Verletzungsprobleme gegeben hat, sind Finalteilnahmen das Ziel. Gerne am Schwebebalken.

Egal, wie es laufen wird, Pauline Schäfer-Betz wird die Momente ihrer dritten Olympischen Spiele auf Bildern festhalten und in den sozialen Medien posten. Und damit in einer Welt, die Kay-Uwe Temme bis vor Kurzem noch fremder war, als die gymnastischen Elemente im Turnen der Frauen. Aber: Auch hier macht er Fortschritte – notgedrungen.

„Pauline“, erzählt er grinsend, „hat mir einen Instagram-Account eingerichtet, „sonst hätte ich ja gar nichts mitbekommen.“ Von seiner kleinen neuen Popularität, die er seit der Ausstrahlung der Doku-Serie erlangt hat. Macht er sich darüber Gedanken? Natürlich nicht. Ist halt nicht so sein Ding. Auch die vier Folgen hat er sich noch nicht angeschaut. „Das will ich mal in Ruhe mit Bier und Chips machen“, sagt er. Zunächst konzentriert er sich lieber auf die Arbeit in der Turnhalle. Wobei das ja mittlerweile nicht mehr der einzige Ort ist, wo er auf Pauline Schäfer-Betz trifft.

Die nämlich ist, das machte sie kurz vor Paris öffentlich, liiert mit dem Fußballer Niklas Landgraf. Der kickt beim Halleschen FC – und ist der Sohn von Kay-Uwe Temme. „Dass man den Schwiegervater eher kennt als den Freund“, sagt der 52-Jährige, „kommt sicher selten vor. Ich hatte aber null Einfluss darauf.“

Fast wie damals, als er Trainer von Pauline Schäfer-Betz wurde.