Platz acht im Mehrkampffinale bei der Olympiapremiere – die erst 16-jährige Helen Kevric hat in Paris beeindruckt. In Zukunft will sie noch besser werden, um im Konzert der ganz Großen mitzumischen.
Bei all dem Spektakel, das sich am Donnerstagabend in der Arena von Paris-Bercy abgespielt hatte, war manch einer durchaus verwundert, wie gefasst und gelassen Helen Kevric hinterher vor den Journalisten stand. Es war doch so viel Aufwühlendes passiert.
Da war der riesige Hype um den Superstar des Turnens, Simone Biles. Da war dieser verrückte Showdown um die Goldmedaille, den sich das US-Girl mit der Brasilianerin Rebeca Andrade geliefert hatte – erst in der letzten Übung des Mehrkampffinals am Boden machte Biles ihre sechste olympische Goldmedaille perfekt. Da waren die erneut zahlreichen Prominenten auf der Tribüne. Und da war, natürlich, das, was Helen Kevric selbst geleistet hatte.
Platz acht im olympischen Mehrkampffinale. Mit gerade einmal 16 Jahren. Und doch analysierte sie den Abend so ruhig, als habe sie gerade lediglich den Mattenwagen aus der Garage der Schulturnhalle geschoben. Immerhin: Sie weiß, wie sie wirkt. „Ich sehe immer gelassen aus“, meinte Helen Kevric – und gab dann zu, dass die Fassade doch ein wenig darüber hinwegtäuscht, war wirklich in ihr vorgeht: „Im Wettkampf bin ich trotzdem nervös.“
Diese Nervosität hatte sie am Donnerstagabend jedoch besser im Griff als noch in der Qualifikation. Weshalb da am Ende ein Ergebnis stand, das durchaus beeindruckend war. Auch auf die Turnerin selbst. Achtbeste Turnerin der Welt, „das hört sich schon ganz schön an, muss ich sagen“. Und wenn man sie so über das reden hört, was da noch kommt, merkt man schnell: Helen Kevric hat Lust, das noch zu steigern.
Finale am Stufenbarren am Sonntag
Zunächst steht ihr dritter olympischer Auftritt in Paris an – das Finale am Stufenbarren am Sonntag (15.40 Uhr). Der Weltmeister Lukas Dauser tritt dann am Montag (11.45 Uhr) am letzten Tag der Turnwettkämpfe am Barren an und will um eine Medaille kämpfen. Trotz des Muskelbündelrisses, den er sich im Vorfeld der Spiele zugezogen hatte.
Um den Endkampf am Stufenbarren live und vor Ort in Paris mitzuerleben, haben derweil Helen Kevric’ Eltern ihren Aufenthalt in der französischen Hauptstadt verlängert. Ihre Tochter verspricht: „Ich werde auch da mein Bestes geben.“ Tatsächlich hatte sie an diesem Gerät schon besser geturnt als sie es bisher in Paris zeigte, „da ist noch Potenzial“, sagt sie vielsagend. Die Besten an diesem Gerät sind noch ein bisschen voraus, aber doch nicht mehr weit entfernt.
Den Blick über die Spiele von Paris hinaus wagt Helen Kevric ohnehin mit viel Selbstbewusstsein – und großer Lust, diesen Schritt hinein in die absolute Weltspitze zu gehen. „Ich freue mich auf diese Zeit“, sagt sie, „ich will meine Übungen noch schwieriger machen.“ Also mit einem höheren Ausgangswert versehen, der noch bessere Wertungen verspricht. Wie das aussehen kann, durfte sie beim spannenden Mehrkampffinale live beobachten.
„Es war beeindruckend“, sagte sie zum extrem engen Rennen um die Medaillen. Das Simone Biles mit einer spektakulären Boden-Übung ganz am Ende für sich entschied. Apropos Biles: Als die US-Amerikanerin 2019 bei der Turn-WM in Stuttgart zu Gast war, bat Helen Kevric sie um ein gemeinsames Foto. Das Mädchen aus Ostfildern war damals gerade elf, Biles schon Olympiasiegerin von Rio. Nun, fünf Jahre später, standen die beiden gemeinsam im Mehrkampffinale. Simone Biles ist mittlerweile 27 Jahre alt.
Auch Hambüchen war beim Olympiadebüt 16 Jahre jung
Helen Kevric betont gern: „Ich bin erst 16.“ Womit sie meint, dass sie noch genügend Zeit hat, sich nach vorn zu entwickeln. Es soll nichts überstürzt werden, auch wenn sie zuletzt alles daran gesetzt hatte, schon in Paris ihre ersten Olympischen Spiele zu bestreiten. In einem engen Qualifikationsrennen hatte sie sich gegen die routinierte Elisabeth Seitz durchgesetzt.
Nach den Spielen steht erst einmal der Urlaub mit der Familie an, danach geht es gleich wieder ins Trainingslager. Doch auch das Leben außerhalb der Turnhalle bekommt wieder mehr Priorität. Nachdem Helen Kevric für Olympia mit der Schule zuletzt ausgesetzt hatte, muss sie im kommenden Schuljahr ihren Realschulabschluss machen. Und sich dann vielleicht an einem deutschen Turnstar orientieren.
Ein gewisser Fabian Hambüchen war ebenfalls 16 Jahre jung, als er in Athen 2004 erstmals bei Olympia startete. Er wurde damals 23. im Mehrkampf, Siebter am Reck – und später Gewinner der Bronze-, Silber- und Goldmedaille (Peking 2008, London 2012, Rio 2016). Das wären ganz schön große Fußstapfen.
Helen Kevric aber lächelt nur, als sie darauf angesprochen wird. Und bleibt ganz gelassen – äußerlich zumindest.