Dimitrios Rimenidis trainiert so gut wie jeden Tag im Kunst-Turn-Forum in Bad Cannstatt Foto: Schwäbischer Turnerbund

Dimitrios Rimenidis vom TSV Schmiden ist 13 Jahre alt, Leistungsturner und Musiker. Er liebt seine Hobbys, aber seine Woche ist voll mit Terminen. Bleibt da noch Zeit für Dinge, die andere in seinem Alter beschäftigen?

Fellbach - Wie ein Windrad dreht sich Dimitrios Rimenidis um die Klimmzugstange, nur das der Antrieb nicht der Wind, sondern sein eigener Körperschwung ist. Die neuen Turnelemente sollten ihm beim Deutschland-Pokal im vergangenen November den Sieg bringen.

Dimitrios Rimenidis ist Leistungssportler und Musiker

Letztlich erreichte er den fünften Platz in seiner Altersklasse. Das Video zu den Vorbereitungen findet man auf Instagram, wo dem 13-jährigen rund 17 900 Menschen folgen. Knapp drei Wochen später postete er dort ein neues Video. Dieses Mal steht er auf einer Bühne, die in blaues und violettes Licht getaucht ist, und singt. Im Hintergrund hört man Stimmen, als Bildunterschrift hat er Hashtag „schulfest“ geschrieben.

Für den Bad Cannstatter sind Wettkämpfe und Auftritte inzwischen fast schon Routine, er ist Leistungssportler und Musiker. Mit einem Jahr ging er beim TSV Schmiden bereits ins Kinderturnen, mit fünf hat er angefangen, im CIS-Chor, einem Knabenchor in Stuttgart, zu singen. Anfang 2018 rückte er dann in das erste Männerteam der Turner des TSV Schmiden auf und nahm an der Castingshow „The Voice Kids“ teil. Er schaffte es bis ins Halbfinale, produzierte seine eigene CD und turnte parallel bei den Wettkämpfen der Verbandsliga. Für all das braucht es Talent. Doch hinter den Erfolgen steckt auch ein straffer Zeitplan. Bleibt bei so viel Einsatz noch Zeit dafür, Kind zu sein?

Vor sechs Uhr am Abend ist er meistens nicht zu Hause

An einem warmen Abend Ende Juni sitzt Dimitrios Rimenidis mit seiner Mutter Eftichia Vassiloudi am Wohnzimmertisch. Er kam gerade von seinem Training im Kunst-Turn-Forum. An sechs Tagen in der Woche trainiert er dort beim Schwäbischen Turnerbund drei bis fünf Stunden lang. Die restliche Zeit übt er zu Hause in Bad Cannstatt Klavier und geht zum wöchentlichen Gesangsunterricht an der Musikschule „Music Planet“. Vor sechs Uhr am Abend ist er meistens nicht zu Hause.

Es ist, als würden vier Kräfte an ihm ziehen: Musik, Sport, Schule, Familie. „Eigentlich ist er immer zu spät“, erzählt seine Mutter. „Und man muss immer bitten.“ Sie muss bitten, dass die Schule ihn für das Training im Kunst-Turn-Forum in Bad Cannstatt freistellt, sie muss bitten, dass der Musiklehrer darüber hinwegsieht, wenn ihr Sohn es zum Unterricht nicht rechtzeitig schafft. Wer als Kind oder Jugendlicher seine Belastungsgrenze nicht erkennt und akzeptiert, droht später an Burnout zu erkranken. Nur wo ist diese Grenze?

Sein Traum sind die deutschen Meisterschaften

Dimitrios Rimenidis ist ehrgeizig. Er will Bauingenieurwesen studieren, weil er in Mathematik und Physik gut ist und gerne zeichnet. Er will aber auch im Turnen noch besser werden. Sein Traum sind die deutschen Meisterschaften. Selbst wenn er keine Lust hat, übt er deshalb an den Geräten. Denn jede Woche ohne Training könnte ihn den Vorsprung zu den Letzten im Kader und seinen Platz beim Schwäbischen Turnerbund kosten. Doch es machen sich auch bereits die ersten Verletzungen bemerkbar. Zuerst hatte er eine Leistenzerrung auf der rechten Seite. Danach war es die linke, die schmerzte. Auch die Handgelenke spürt er immer wieder. Seine Mutter sorgt sich. Sie sagt aber auch, solange es ihm Spaß mache, bleibe ihr nichts anderes übrig, als ihn zu unterstützen. Und sie merkt, dass ihr Sohn durch seine Hobbys reifer wird.

Den Kunst-, Geigen- und Gitarrenunterricht hat er bereits aufgehört

Vor „The Voice Kids“ war es ihm peinlich, vor anderen zu singen, jetzt trat er beim Schulfest auf. Und beim Turnen lernt er nicht nur Körperbeherrschung, sondern auch zu verlieren. Anstatt an ihm zu zerren, gibt sie deshalb nach, plant den Urlaub mit der Familie so, dass er den Strand und das Meer genießen kann und die Trainingspause trotzdem nicht zu lange ist. Und sie beobachtet ihren Sohn genau. Lacht er? Ist er demotiviert? Den Kunst-, Geigen- und Gitarrenunterricht hat er bereits aufgehört, weil es ihm zu viel wurde. Singen will er trotzdem noch. Zwar „ist Sport schon jetzt der Hauptberuf“, wie er selbst dazu sagt, doch vielleicht zwingen die Verletzungen ihn irgendwann, das Turnen aufzugeben. Auch deshalb war die Corona-Pandemie für Dimitrios Rimenidis Erholung. Sein Körper konnte heilen, sein Geist auch. Während des Lockdowns vertrödelte er die Zeit auf Youtube, schaute sich Künstler an, malte Ölbilder oder spielte einfach nur Fußball. Und er konnte in dieser Zeit Kraft für die nächsten Wettkämpfe und Auftritte sammeln, für seine Hobbys, die er liebt.

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