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Nach der Vize-Europameisterin Elisabeth Seitz hat ist ein eigenes Element beim Turnen benannt.

Stuttgart/Mannheim - Es gibt nicht viele Turner auf der Welt, die ein Element ihr Eigen nennen dürfen. Elisabeth Seitz ist gerade 18 Jahre alt geworden und gehört schon dazu.

Wie man einen Handstand macht, lernen die meisten in der Schule. Eine Rolle vorwärts? Kein Problem. Einen Flickflack? Auch den kann man - etwas Talent vorausgesetzt - hinbekommen. Weil es Lehrwege dafür gibt, weil es Tausende zuvor auch schon geschafft haben.

Kompliziert wird es dann, wenn man ein Element turnen will, das zuvor noch kein Mensch auf der Welt ausprobiert hat. Elisabeth Seitz hat genau das getan. Den Schaposchnikowa, einen Aufschwung vom unteren zum oberen Holm am Stufenbarren, beherrscht sie seit Jahren, ebenso wie den Schaposchnikowa mit halber Drehung. Warum also, dachte sich die Turnerin, sollte das nicht auch mit einer ganzen Drehung funktionieren?

Mit ihrer Heimtrainerin Claudia Schunk und Bundestrainerin Ulla Koch machte sich die Mannheimerin an die Arbeit. Gar nicht so leicht. "Wir mussten uns erst überlegen, wie das funktionieren könnte, es gab ja noch keine Vorgaben", erklärt sie, "aber ich bin ja koordinativ ganz gut drauf."

Also probierte Eli Seitz drauflos. Erst mal nur am unteren Holm, dann vom unteren an den oberen - mit dicken Matten, für den Fall des Fallens. Und gefallen ist die Mannheimerin einige Male. "Weil es eine ganze Drehung ist, nur auf den Rücken, das ist nicht so schlimm", sagt sie. Das Ganze wurde gefilmt und in Zeitlupe wieder und wieder studiert. "Mit der Zeit bekommt man ein Gefühl, wie es sein muss", erklärt Eli Seitz. Es dauerte gerade einmal vier Monate, bis das Gefühl perfekt war. Ende August, bei den deutschen Meisterschaften in Göppingen, staunten Publikum und Kampfrichter nicht schlecht. So etwas hatten sie noch nie gesehen.

Bei der WM in Tokio Mitte Oktober präsentierte Elisabeth Seitz ihr Element dann erstmals einem internationalen Kampfgericht - das war die Voraussetzung für die Aufnahme in den Code d'Pointage, sozusagen die Bibel der Turner. Darin sind alle Elemente der Sportart verzeichnet, inklusive ihrer Schwierigkeitsgrade. Einige von ihnen sind benannt nach ihren Erfindern. Es gibt den Gienger am Reck, den Tsukahara am Sprung, den Belenki am Pauschenpferd - und seit Tokio gibt es eben auch den Seitz am Stufenbarren.

Erst nach und nach realisierte Elisabeth Seitz, was sie da geschafft hatte - etwas, das einer deutschen Turnerin zuletzt vor 26 Jahren gelungen war. "Jetzt ist mir bewusst, was das für einen Stellenwert hat, ich habe mich quasi ins Geschichtsbuch des Turnens eingetragen", sagt sie, "das macht mich schon stolz."

Der Seitz ist allerdings beileibe nicht das Einzige, worauf die Vize-Europameisterin im Mehrkampf stolz sein kann. Den Def-Salto, einen Gienger mit eineinhalb Drehungen, hat Elisabeth Seitz zwar nicht erfunden, dennoch ist sie derzeit eine von nur drei Turnerinnen auf der Welt, die dieses Teil der höchsten Schwierigkeitskategorie G beherrschen - und die einzige, die es auf internationalen Wettkämpfen präsentiert. Es ist ein riskantes Element, weil die Turnerin den rettenden Holm erst sieht, wenn sie schon längst wieder dran hängt - oder eben nicht. "Das Risiko muss man eingehen", sagt die Athletin von der TG Mannheim, die am 4. November 18 Jahre alt geworden ist.

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