Tabea Alt, Trainerin Marie-Luise Probst-Hindermann, Coach Robert Mai: Lachen erlaubt Foto: Baumann

Sie ist die größte Begabung im deutschen Frauenturnen. Aber Talent allein reicht im Hochleistungssport nicht aus. Hinter den Erfolgen von Tabea Alt (16) steckt knallharte Trainingsarbeit, eiserne Disziplin und ein System aus Helfern, das Topleistungen erst möglich macht.

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Stuttgart - Es gibt im Kunstturnen diese Momente, in denen besorgte Eltern den Atem anhalten und in Gedanken flehen: „Jessas, Kind. Pass auf!“ Dann wandert der bange Blick zu den Trainern. „Sind Sie sicher, dass da nichts passiert?“ Wer jemals auf diesem elend schmalen Schwebebalken das Gleichgewicht zu halten versuchte, fürchtet sich nun mal, wenn die Tochter auf dem zehn Zentimeter breiten Holz einen Salto nach dem andern dreht.

Mirjam Alt knetet die Hände und sagt: „Na, ja. Ich mach mir schon Sorgen, aber man gewöhnt sich dran.“ Sie selbst war ja mal ganz gut im Turnen. Ihr Mann auch. Außerdem ist ihre Kleine schon eine Große. So oder so. Denn wer was versteht vom Hochleistungssport mit Schrauben, Salti und Grätschen, der sagt, dass Tabea Alt (16) aus Ludwigsburg das Beste ist, was Deutschland in dieser Sportart an Nachwuchshoffnungen zu bieten hat. Aber Erfolg ist nichts, was man geschenkt bekommt.

Abends total kaputt

Es ist 5.20 Uhr, ihr Handy-Wecker klingelt. Tabea Alt schält sich aus dem Bett, löffelt das Müsli aus Obst, Milch und Haferflocken. Sie trinkt Wasser und Saft. Um 6.30 Uhr startet Mirjam Alt den Wagen. Abfahrt nach Stuttgart. Um 7.15 Uhr beginnt das zweistündige Früh-Training im Kunstturnforum. Dann fährt sie ein Helfer nach Untertürkheim in die Wirtembergschule. Um 13.30 Uhr ist sie wieder zurück. Pause bis 14 Uhr. Danach trainiert sie wieder – bis 17 Uhr. Mit dem Taxi Mama geht es nach Hause. Kurz was essen. Dann lernen, Hausaufgaben machen. Gegen 22 Uhr geht das Licht aus. „Ich bin dann meistens total kaputt“, sagt Tabea Alt. So läuft es zweimal in der Woche. An den anderen Tagen kehrt sich der Rhythmus um. Schule, Training, Schule, Training. Samstags ist gegen Nachmittag Schluss. Aber meistens ist sie am Wochenende sowieso beim Wettkampf oder Lehrgang. Zeit für sich selbst ist das, was sie am wenigsten hat.

Ihre Mutter redet manchmal so, als müsste sie sich entschuldigen für das Leben, das ihre Tochter führt. „Eine Kindheit im herkömmlichen Sinn“, sagt Mirjam Alt, „hat sie nicht gehabt.“ Kindergeburtstage? Tut uns leid! Als die Freundinnen zum ersten Mal in die Disco gingen, steckte Tabea vermutlich in irgendeiner Wettkampfphase. Natürlich haben sie zu Hause oft darüber diskutiert. Auch darüber, ob es fair gegenüber Simon ist, ihrem Sohn. Ob er zu kurz kommt. Aber es ist ja nicht so, dass sie plötzlich vor der Entscheidung standen: Karriere im Leistungssport, ja oder nein? „Das wächst und entwickelt sich über die Jahre“, sagt Mirjam Alt, „und die Familie stellt sich darauf ein.“ Die Kleine bewegte sich eben gern, hüpfte wie ein Äffchen über die Geräte, ahmte die Großen nach. Dann wurden Talentsichter auf sie aufmerksam. Mit acht Jahren kam sie ans Stuttgarter Kunstturnforum.

Aufregung vor dem ersten großen Wettkampf

Marie-Luise Probst-Hindermann und Robert Mai, ihre Trainer, erzählen gern die Geschichte von Tabea Alts erstem großen Wettkampf, den deutschen Jugendmeisterschaften. Sie war zwölf und musste sich vor Aufregung zweimal übergeben. Danach purzelte sie dreimal vom Schwebebalken. Nach der Übung lief sie zu Robert Mai und zischte: „So Robbie, und jetzt greifen wir richtig an.“ Dann sprang sie den Yurchenko mit ganzer Schraube. Premiere in ihrer Altersklasse.

Hochleistungssportler zeichnen sich dadurch aus, dass sie weit mehr von sich verlangen als andere Menschen. „Aber Tabea“, erzählt Marie-Luise Probst Hindermann, „stand sich damit früher öfter auch mal selbst im Weg.“ Robert Mai nickt: „Wir mussten sie ab und zu bremsen.“ Manchmal gab es im Training Szenen, die an ein steckengebliebendes Auto erinnerten. Kein Vor mehr und kein Zurück. Und je mehr Tabea Alt wollte, um so tiefer saß sie mit ihren Erwartungen fest. Aber einer konnte helfen.

„Sie ist immer offen für Neues und bereit, in sich reinzuschauen“, sagt Bruno Hambüchen, ihr Mentaltrainer, „das hat sie anderen voraus.“ Während der Vorbereitung auf die Olympischen Spiele in Rio sprachen sie oft miteinander am Telefon. „Sie war unzufrieden, trat auf der Stelle“, sagt der Diplom-Pädagoge, „in solchen Situationen geht dann das Kopf-Kino los.“ Er spielte mit ihr die Situationen gedanklich durch, zeigte ihre Wege auf, machte Vorschläge. „Dann entscheidet Tabea aber selbst, was für sie das Richtige ist“, sagt der Onkel von Reck-Olympiasieger Fabian Hambüchen. Es funktionierte. Vielleicht auch deshalb, weil Tabea Alt alles aufschreibt, was ihr weiter hilft. Wenn sie vor großen Wettkämpfen die Nervosität gefangen nimmt, blättert sie darin. „Dann lese ich: Ach, das hatten wir doch schon mal. Und das habe ich so und so in den Griff bekommen.“ Doch es gab auch Tage, an denen alles am seidenen Faden hing.

Irgendwas tut immer weh

„Sie hat uns Sorgen gemacht“, bestätigt Ulla Koch, die Bundestrainerin. Das harte Training vor Olympia, noch dazu steckte sie mitten in der Pubertät, klagte über Rückenschmerzen. Die Physiotherapeuten und Ärzte am Olympiastützpunkt Stuttgart halfen, wo sie konnten. Die Trainer veränderten die Übungseinheiten, und in München checkte sie ein Mann, dem sie unter Turnern wahre Wunderdinge nachsagen. Cyrus Salehi ist Physiotherapeut der deutschen Nationalmannschaft, er war selbst mal ein prima Turner, und er sagt über sich, dass er ein „Gelenkmechaniker“ ist, der den Menschen immer erst ganzheitlich betrachtet, ehe er versucht „dem Körper seine Möglichkeit zur Kompensation von Problemen wieder zurückzugeben“. Was kein Fehler ist, wenn eine 16-Jährige einen gestreckten Doppelsalto mit ganzer Schraube zu ihren bevorzugten Übungen am Boden zählt. Tabea Alt zuckt mit den Schultern und sagt: „Wir Turner haben immer irgendwo ein Problem. Irgendwas tut immer weh.“ Ihre Gesundheit ruinieren müssen sie deshalb aber nicht.

Nach Rio verordneten ihr Eltern, Trainer und Mediziner eine dreimonatige Schonzeit – mit verringerter Trainings-Intensität. Beim Bundesliga-Finale mit dem MTV Stuttgart ging sie nur beim Sprung an den Start. Es reichte trotzdem zum Meistertitel. Inzwischen darf sie sich wieder voll belasten. An diesem Wochenende turnt Tabea Alt beim DTB-Pokal in der Stuttgarter Porsche-Arena. Ihre Mutter sagt mit fester Stimme: „Wir achten sehr darauf, dass Tabea nicht verheizt wird.“ Aber der Grat ist schmal.

Hätten die Eltern die Begabung und Leidenschaft ihrer Tochter schon früh einschränken sollen? „Sie ist glücklich, so wie es ist“, sagt die Mutter, „wir hatten da als Eltern nie ein schlechtes Gewissen.“ Wer Tabea Alt erlebt bei Wettkämpfen oder auch im Training, der kann nicht ernsthaft das Gegenteil behaupten. Und vielleicht ist das alles ja noch immer erst der Anfang. „Sie ist sehr reif, sehr fokussiert und sie saugt alles auf, was sie weiterbringen kann“, sagt Bundestrainerin Ulla Koch, „sie liebt ihren Sport, opfert sich aber nicht.“ Es bleibt immer noch ein bisschen Zeit für Jule, ihre beste Freundin. Und mal für einen Jungen schwärmen? „Och“, sagt sie, „das natürlich auch.“ Aber ein Freund? „Hmm, wäre möglich, aber schwierig.“ Sie sagt, dass sie das alles einfach mal auf sich zukommen lässt.

400 Euro von der Sporthilfe

Klaus Kärcher, ihr Manager, ist begeistert von ihrer warmherzigen Offenheit und ihrer Bereitschaft, auf andere zuzugehen. Typen wie sie kommen an. Kleinere Sponsoren konnte er ihr schon verschaffen, aber reich werden, sagt der Sport-Promoter aus Fellbach, könne man im Turnen nicht. Tabea Alt bekommt als A-Kaderathletin Unterstützung von der Deutschen Sporthilfe (rund 400 Euro im Monat), über Werbeverträge dürfte jährlich eine niedrige fünfstellige Summe fließen. Allerdings nur dann, wenn sie unverletzt bleibt und die vereinbarten Leistungsziele erreicht. Die eigentlichen Gönner sind der Staat – rund 200 000 Euro kostet die Ausbildung von der Nachwuchs- zur Spitzenturnerin – und natürlich die Eltern.

Mirjam Alt arbeitet, wenn es die Zeit erlaubt, in der Zahnarztpraxis ihres Mannes. Ansonsten definiert sie sich als „helfende Beobachterin“ auf dem Karriereweg ihrer Tochter. Der nicht nur aus Kunstturnen besteht. Nach dem Abitur, sagt Tabea Alt, wolle sie Medizin studieren. Was Martin Bizer, Rektor an der Eliteschule des Sports, für eine gute Idee hält. Zwar hat sie das vergangene Schuljahr wegen Olympia in Rio mehr oder weniger versäumt, aber ihre Schulzeit am Wirtemberg-Gymnasium wird gestreckt, Nachführunterricht hilft ihr, den Anschluss nicht zu verpassen. „Sie ist eine sehr gute Schülerin“, sagt Martin Bizer. Sie verfüge über die nötige Härte gegen sich selbst, über eine enorme Zielstrebigkeit und sie verliere trotz ihrer Erfolge nicht die Bodenhaftung. „Ich prophezeie ihr eine große Zukunft.“

Das große Ziel: Olympia 2020

Die sie, wenn alles gut geht, zu ihren zweiten Olympischen Spielen 2020 in Tokio führen könnte. „Wenn du in die Halle kommst, die Olympischen Ringe überall siehst“, erzählt Tabea Alt, „dann ist das unfassbar intensiv. Das ist Gänsehaut, Aufregung, Freude.“ Sie sagt, dass es diese Momente sind, für die sie jeden Tag trainiert. „Du fühlst die Anspannung, die Blicke der Zuschauer, deiner Teamkolleginnen, du siehst in die Gesichter der Kampfrichter. Dann turnst du deine Übung. Und wenn sie geklappt hat, ist es schön, nur noch schön.“

Sie steht auf, rückt den Stuhl zurecht und sagt mit dem Blick zur Uhr: „Sorry, ich muss zum Training.“ So ein Schwebebalken ist manchmal eben schmaler als man denkt.

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