Ist die olympische Idee noch zeitgemäß? Fabian Hambüchen hat zu dieser Frage eine klare Meinung. Zudem sieht der Reck-Olympiasieger von 2016 gute Chancen, dass es in Paris eine Turn-Medaille gibt.
Er war viermal bei Olympischen Spielen, hat drei Medaillen gewonnen, darunter Gold vor acht Jahren in Rio. Auch in Paris wird der Reck-Olympiasieger Fabian Hambüchen dabei sein – als TV-Experte. Denn: Die olympische Idee begeistert ihn nach wie vor. Bekommt er nun einen Nachfolger als deutscher Olympiasieger im Turnen?
Herr Hambüchen, Sie waren vor Beginn der Spiele Teil des olympischen Fackellaufs. Wie war’s mit dieser bedeutenden Flamme in der Hand?
Höchst emotional. Aber am Anfang auch ein bisschen wild.
Wieso das?
Ich wusste ja überhaupt nicht, wer außer mir an diesem Tag die Fackel tragen würde. Dann sind wir in die Nähe von Nantes gefahren, und ich wurde in eine Turnhalle, gefühlt im Niemandsland, gebracht. Dort traf ich dann auf die anderen – und habe gemerkt: Ich bin der einzige Nicht-Franzose. Zum Glück spreche ich ein bisschen Französisch.
Kannten Sie die anderen zumindest vom Namen her?
Nein, denn anders als ich waren es keine ehemaligen Olympia-Athleten, sondern einfach Menschen, die sich in der dortigen Region für den Sport einsetzen. Das fand ich eigentlich sehr schön zu sehen. Und es war eine Riesenehre, Teil des Fackellaufs gewesen zu sein.
Wie weit durften Sie das Feuer denn tragen?
Na ja, ich hatte mir das vielleicht ein bisschen spektakulärer vorgestellt – aber nach 200 Metern war meine Strecke auch schon wieder zu Ende. Aber: Ich hab mir extra lange Zeit gelassen und bin langsam gelaufen. (Lacht)
Sie haben selbst an vier Olympischen Spielen teilgenommen. Haben Bronze, Silber und Gold gewonnen und die Spiele aus deutscher Sicht damit geprägt. Wie ist Ihr Blick auf Olympia?
Für mich sind die Olympischen Spiele – und das gilt über die Karriere hinaus – einfach das Event schlechthin. Für Sportlerinnen und Sportler, aber auch für Sportfans. Schon als Kind habe ich davon geträumt, teilzunehmen und Olympiasieger zu werden. Ich war dann tatsächlich viermal dabei – und jede einzelne Teilnahme war ein absolutes Highlight für mich. Olympia hat mich geprägt, nicht nur sportlich.
Inwiefern noch?
Es sind die Begegnungen, die die Spiele ausmachen. Aus denen entstehen dann auch Freundschaften, die weit über das Karriereende hinaus halten. Meine Frau und ich haben im vergangenen Jahr ein großes Hochzeitsfest gefeiert, da waren viele internationale Gäste da – unter anderem mein früherer Rivale am Reck, Epke Zonderland. Olympia – das ist eine große Familie mit Werten, die mein Leben heute noch bestimmen.
In der öffentlichen Wahrnehmung hat die olympische Idee in den vergangenen Jahren aber auch stark gelitten, nicht ohne Grund.
Das ist richtig. Vor allem wurden in den vergangenen Jahren die Spiele aus den falschen Gründen an bestimmte Städte und Länder vergeben. Gerade deshalb bedeutet Paris 2024 aber auch eine Riesenchance für die olympische Bewegung.
Warum?
Frankreich ist ein sportbegeistertes Land, und das Konzept der Spiele wurde nachhaltig gedacht, es werden fast ausschließlich bereits bestehende Sportstätten genutzt, und nach zwei durch Corona eingeschränkten Veranstaltungen sind nun wieder Zuschauer dabei. Sicher, Olympia ist politisch und wird es immer bleiben. Und es wird auch immer Themen geben, die als Grund angeführt werden, die Spiele nicht auszutragen. Aber: Mit der Vergabe an Städte, die die Austragung vernünftig und nachhaltig hinbekommen, kann man den guten Ruf der Olympischen Spiele wieder herstellen.
Dennoch stellt sich immer wieder die Frage: Ist Olympia noch zeitgemäß?
Aus meiner Sicht: ein klares Ja. Gerade in der heutigen Zeit sollte solch ein Sportfest doch seinen Platz haben. Menschen kommen friedlich zusammen, Barrieren werden überwunden, Respekt und Fairplay werden großgeschrieben – das alles ist doch mehr denn je zeitgemäß.
Wie stehen Sie einer deutschen Olympia-Bewerbung gegenüber?
Ich bin zu 1000 Prozent dafür, dass sich Deutschland noch einmal um Olympische Spiele bewirbt. Wir hatten vor zwei Jahren in München die European Games, im kommenden Jahr findet die Universiade in der Region Rhein-Ruhr statt – und zuletzt hat doch auch die Fußball-EM gezeigt, dass die Deutschen nicht per se gegen sportliche Großveranstaltungen im Land sind. Nun hoffe ich, dass die Euphorie aus Paris auch nach Deutschland schwappt.
Wie wichtig wären Olympische Spiele im Land für die Entwicklung des Sports?
Sie hätten einen riesigen Einfluss auf den Sport, das Vereinsleben, die Kinder und Jugendlichen. Ich weiß, dass allein meine Erfolge bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen für einen größeren Andrang bei den Turnvereinen gesorgt haben. Bei Olympia im eigenen Land hätte der Nachwuchs die Möglichkeit, Idole aus vielen Sportarten hautnah zu erleben. Ich wüsste also nicht, was gegen Olympische Spiele in Deutschland sprechen würde.
Wie stehen denn die Chancen für einen weiteren Turn-Olympiasieger in den kommenden Tagen von Paris? Barren-Weltmeister Lukas Dauser wäre ein Kandidat.
Wichtig ist zunächst: Nachdem er sich ja kürzlich noch verletzt hat, ist er wieder gut in Schuss. Auf ihn können wir uns wirklich freuen, auch wenn er aufgrund der Blessur nicht an allen Geräten turnen wird. Aber am Barren gehört er sicher zu den Medaillenkandidaten.
Ist er durch die Verletzung zumindest die Rolle als Goldfavorit am Barren los geworden?
Als solchen hab ich ihn, ehrlich gesagt, nie gesehen. Schließlich gibt es den Chinesen Zou Jingyuan, der nach seinem Olympiasieg in Tokio 2021 seinen Titel verteidigen will. Wenn er durchkommt, wird es für die anderen sehr, sehr schwer. Aber: Alle kochen nur mit Wasser – und in so einem Finale ist immer alles drin.
Wie sehr behindert denn die jüngste Bizepsverletzung Lukas Dauser?
Ich sage es mal so: Seine Chancen sind deswegen nicht kleiner geworden. Ich gehe davon aus, dass er das abrufen kann, was er auch vor der Verletzung am Barren turnen konnte. Eine Medaille ist absolut drin.
Lukas Dauser betont immer wieder Ihren Anteil an seinen Erfolgen. Wie groß ist der denn?
Zunächst einmal verbindet Lukas und mich eine jahrelange Freundschaft, denn wir kennen uns wirklich schon sehr lange. Im Turnen sehe ich mich zum einen als eine Art Mentor. Ich habe zum Beispiel den Kontakt zu meinem Onkel Bruno hergestellt. Mit dem habe ich schon sportpsychologisch zusammengearbeitet. Und ich darf Lukas zusammen mit Klaus Kärcher im Bereich Management unterstützen. Ich stehe mit Rat und Tat zur Seite – und bin dankbar, dass er mich da einbezieht.
Ihr Anteil . . .
Davon würde ich nie sprechen. Denn am Ende steht er allein auf der Matte und am Gerät. Nur er ist dann dafür verantwortlich, was passiert. Aber noch einmal: Ich freue mich, dass ich ihn auf dem Weg nach oben begleiten durfte.
Womöglich ist das seine letzte Chance auf eine olympische Medaille. Darf man diesen Gedanken zulassen?
Mich hat der Gedanke damals in Rio eher beflügelt. Ich wusste: Es sind meine letzten Spiele – und ich habe erneut das Glück, noch einmal dabei sein zu dürfen. Also sagte ich mir: Genieße es! Das hat mir immer wieder ein kleines Lächeln ins Gesicht gezaubert – und die Nervosität etwas genommen.
Sie haben nach dem Olympiasieg in Rio das Reck mit nach Hause genommen. Sollte Lukas Dauser tatsächlich Gold holen – bringt er dann den Barren mit?
(Lacht) Ich hoffe es doch. Zumal es ein bisschen einfacher wäre als damals. Aber: Erst soll er mal machen.
Aus Stuttgart sind die 16-jährige Helen Kevric und der 19-jährige Timo Eder für das deutsche Turnteam dabei. Welche Rolle spielt das Alter bei Olympischen Spielen?
Ich war damals auch 16 Jahre alt, als ich in Athen das erste Mal dabei gewesen bin. Ich erinnere mich, dass ich alles vor allem total aufregend fand. Als Jugendlicher machst du dir noch nicht so einen Kopf. Ich glaube, Helen und Timo werden zwar durchaus nervös sein, es aber vor allem genießen. Ich bin sicher, sie werden eine gute Leistung abliefern.