Ein Meisterwerk: Mackes Blick auf eine Moschee. Foto: Agentur für Kunstvermittlung

Von Tunesien geht etwas Magisches aus - dies inspiriert vor allem die Maler. Vor 100 Jahren reisten August Macke und Paul Klee durch das Land.

Tunis - Und diese Stadt soll einst Künstler fasziniert haben? Kaum zu glauben - Tunis ist auf den ersten Blick eher unansehnlich. Wer als Neuankömmling auf dem mehrspurigen Asphaltband vom Flughafen Richtung Innenstadt fährt, sieht Schutthaufen allüberall, Plastikmüll, vom Wind in alle Richtungen verweht, verbeulte, eingerissene Leitplanken, dann wieder jede Menge Unrat. Hässliche, halb fertige Bauten säumen die Straße, nur selten sind Arbeiter zu sehen, die an die Betonklötze Hand anlegen. Immerhin, der Müll ist als nationales Problem erkannt, und die neue, dynamische Tourismusministerin Amel Karboul - sie hat in den 90er Jahren Maschinenbau an der Universität Karlsruhe studiert - ist entschlossen, ihn zu bekämpfen. Sie will die Schätze ihres Landes, das historische Erbe Tunesiens, wieder erstrahlen lassen. Und davon gibt es gar nicht so wenige.

Das Land mit seiner 3000-jährigen Geschichte habe mehr zu bieten als Strände und Hotels, sagt die 40-Jährige voller Überzeugung. Karboul hat viel zu tun, aber die Voraussetzungen für ein neues Aufblühen des Tourismus sind gut - die Kultur soll die treibende Kraft sein. Politische Verwerfungen hat sie nicht zu befürchten: Im Gegensatz zu Ägypten herrscht ein parteiübergreifender Konsens im Land, die Menschen sehnen sich nach Stabilität. Wie Ägypten kann sich Tunesien auf seine Historie stützen - und in einer kleinen Nische leuchtet sie auf ganz besondere Weise.

Drei Maler des Expressionismus sind es, die dort vor 100 Jahren zu großer Form finden: Im April 1914 reisen August Macke, Paul Klee und Louis Moilliet nach Tunis. Nur elf Tage bleiben sie, aber es reicht, um in der Kunstszene bleibende Spuren zu hinterlassen. In Tunis selbst, im Künstlervorort Sidi Bou Said, in Hammamet und in Kairouan sprüht der Sauerländer August Macke (1887-1914) nur so vor Kreativität. Heiter, leicht und unbeschwert wirken die Bilder des Deutschen.

„Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar“

„Die Natur muss in uns neu entstehen“, lautet sein Credo. Sein Schweizer Kompagnon Paul Klee (1879-1940) reagiert auf das intensive tunesische Licht geradezu euphorisch: „Die Farbe hat mich. Ich brauche nicht nach ihr zu haschen. Sie hat mich für immer, ich weiß das. Das ist der glücklichen Stunde Sinn: Ich und die Farbe sind eins. Ich bin Maler.“ Sätze voller Glückseligkeit, in seinem Tagebuch verewigt. „Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar“, erklärt er seinen Bewunderern. Von der legendären Tunisreise, in deren Verlauf Hunderte von Zeichnungen, Aquarellen und Ölgemälden entstehen, schwärmt noch heute die Szene. Licht und Farbe werden dank Klee und Macke zu einem zentralen Thema der Malerei des 20. Jahrhunderts.

Ja, von den Orten, in denen die Besucher aus Europa Station machen, geht nach wie vor ein Zauber aus. In der Medina von Tunis, weitab der deprimierenden Müllberge der Vorstädte, ist er seit Menschengedenken zu Hause - in dieser riesigen orientalischen Schatzkammer, diesem Labyrinth von Gassen mit Geschäften, die in Farbenpracht schwelgen, den Besucher mit exotischen Gerüchen betören. Das recht kleine Grand Hotel de France, in dem sich Macke einquartiert hatte - ein eher unauffälliger Jugendstilbau aus der französischen Kolonialzeit -, verströmt einen märchenhaften Charme. Ebenso hat der Vorzeigestadtteil Sidi Bou Said, ein paar Kilometer außerhalb, seine magische Wirkung behalten.

Ein Festival der Farben

Im Café des Nattes, hoch über dem Golf von Tunis, sitzen die Gäste auf einer weißen Freitreppe und einem Balkon in gleißender Sonne - ein orientalischer Wohlfühlort. Macke hat in Sidi Bou Said seine bekanntesten Werke entstehen lassen. Klee notiert: „Die Stadt liegt so schön da oben und blickt weit ins Meer.“ Auch Hammamet - 60 Kilometer südlich von Tunis entfernt, heute ein Touristeneldorado - hat es den Künstlern aus Europa angetan. Türkisblau das Meer, weiß die Strände, tiefrot der Himmel bei Sonnenuntergang. Ein Festival der Farben. 100 Kilometer weiter die letzte Etappe des Malertrios, das mit dem Zug reist: Kairouan.

Auch hier, jedenfalls im Innern der vierten heiligen Stadt des Islam (nach Mekka, Medina und Jerusalem), mag sich in 100 Jahren nicht viel verändert haben. Die Sidi-Okba-Moschee ist eine der ältesten der Welt, mit einem prächtigen, von Arkaden umfassten Innenhof. Die Rufe der Muezzins erschallen heute wie damals über das Häusermeer hinweg. Kairouan hat sein Renommee als Teppichparadies bewahrt - es wird geknüpft, geknotet und gewebt, mit dickem Faden in allen Farben. Die Moderne ist eingezogen, aber die Tradition erhalten geblieben. Klee drückt seine Euphorie so aus: „Welch ein Aroma, wie durchdringend, wie berauschend und klärend zugleich.“

Am 17. April geht es zurück, erst nach Tunis, dann nach Europa. Macke hat nicht mehr lang zu leben. Ende September 1914 fällt er in Frankreich auf dem Schlachtfeld des Ersten Weltkriegs. Sein Vermächtnis aber ist unauslöschlich. Zusammen mit Klee hat er für die Europäer den tunesischen Zauber sichtbar gemacht. Ein Zauber, dem selbst der Müll nichts anhaben kann.

Infos zu Tunesien

Anreise
Flüge mit der tunesischen Fluggesellschaft Tunisair ab Frankfurt am Main oder München ab 234 Euro. Die Flugdauer beträgt rund zweieinhalb Stunden, www.tunisair.de .

100 Jahre Tunisreise
Vor genau 100 Jahren reiste eine Gruppe deutscher Künstler um August Macke nach Tunesien. Die Fahrt inspirierte sie zu vielen ihrer Werke. Aus Anlass des Jubiläums gibt es vom 10. April bis zum 28. Mai 2014 eine Fotoausstellung im internationalen Kunst- und Kulturzentrum „Dar Cherif“ auf Djerba. Zu sehen sind Tunesienfotos von August Macke, Gabriele Münter und Wassily Kandinsky sowie Fotos von einem deutschen und tunesischen Fotografen, vom 30. Mai bis 30. Juni dann in der Galerie „Cherif Fine Art“ in Sidi Bou Said.

Von August bis September findet eine Ausstellung tunesischer Teppichweberei, inspiriert von Paul Klee, auf Djerba, in Sidi Bouzid und in Kasserine statt, www.goethe.de/tunis .

Kunstreisen
Die Stuttgarter Agentur für Kunstvermittlung bietet aus Anlass der Tunisreise der Künstler Klee, Macke und Moilliet am 19. Juni einen Besuch in Bern an, wo sich das Zentrum Paul Klee befindet. Dort sind in einer Ausstellung (Führung mit Dr. Ulrich Weitz) viele der über die ganze Welt verstreuten Werke der drei Maler zusammengeführt. Im Herbst finden weitere Termine zum 100. Jahrestag der Tunisreise statt. www.reisen-kunstvermittlung.de .

Das Reiseunternehmen Studiosus hat ebenfalls die Kunst- und Kulturstätten Tunesiens im Programm, www.studiosus.com .

Hotels
Sehr gut untergebracht ist man im Hotel Regency bei Tunis im Stadtteil La Marsa. Ein Doppelzimmer für zwei Erwachsene ist schon ab 109 Euro zu haben. www.regencyhotel-tunis.com .

Empfehlenswert auch das Hotel Ramada Plaza in Tunis/Gammarth. Das Doppelzimmer kostet rund 115 Euro, www.ramadaplaza-tunis.com .

Ausflüge
Ein absolutes Muss ist ein Besuch der Medina (Altstadt) von Tunis mit ihrem Labyrinth von Einkaufspassagen. Und bezaubernd ist auch Sidi Bou Said, einer der charmantesten Orte des Mittelmeers. www.tunesien.info

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