Der angeklagte Sanel M. wird in den Gerichtssaal geführt Foto: dpa

Wieso verpasste Sanel M. der 22-jährigen Tugce den fatalen Schlag? Ihre Freundinnen berichten vor Gericht, was in der Novembernacht passierte – und verwickeln sich in Widersprüche.

Darmstadt - Im tödlich verlaufenen Streit zwischen der Studentin Tugce Albayrak und dem mutmaßlichen Täter Sanel M. hat offenbar keiner von beiden versucht, der direkten Konfrontation aus dem Weg zu gehen. Das legen erste Zeugenaussagen nahe, die sechs Freundinnen der Verstorbenen am Montag, dem zweiten Verhandlungstag, vor dem Landgericht Darmstadt abgegeben haben. Jedoch gab es zwischen den verschiedenen Aussagen auch erhebliche Unterschiede.

Nach Aussage einer Freundin habe der 18-jährige Sanel M., der wegen Körperverletzung mit Todesfolge angeklagt ist, in der Tatnacht am 15. November 2014 in einer Offenbacher McDonald’s-Filiale zwar mit den wüsten Beleidigungen begonnen. Tugce und ihre Freundinnen hätten sich aber auf den Streit eingelassen und Sanel M. und dessen Freunde ebenfalls beleidigt. Das bestätigten allein drei der Zeuginnen übereinstimmend. Eine Zeugin berichtete gar, Tugce sei von ihrem Charakter her eine Person gewesen, die sich in solchen Situationen nur schwer hätte zurückhalten können. Die drei anderen Zeuginnen konnten sich an wüste Beschimpfungen Tugces selbst nicht erinnern oder behaupteten sogar, diese hätte es insbesondere unmittelbar vor der Tat nicht ­gegeben.

Sanel M. und seine Freunde hätten die Mädchen in dem Schnellrestaurant von Anfang an beleidigt, betonte eine 22-Jährige. Als sie eine laute Auseinandersetzung aus der Toilette im Untergeschoss gehört hätten, sei Tugce aufgesprungen und nach unten gerannt. Einer 20 Jahre alten Zeugin zufolge hatte Tugce dort zuvor zwei junge, angetrunkene Mädchen bemerkt. Zwei Freundinnen seien Tugce auf die Damentoilette gefolgt, wo Sanel und zwei seiner Freunde im Türrahmen standen und mit den 13 Jahre alten Mädchen diskutierten, die auf dem Boden saßen.

Tugce habe die jungen Männer aufgefordert zu gehen und sich nach dem Wohlergehen der Mädchen erkundigt. Zwei oder drei Männer Mitte dreißig sollen Sanel und einen seiner Kumpels dann im Schwitzkasten nach oben gebracht haben. Dabei habe Sanel M. Tugce gedroht. Eine andere Zeugin sprach von gegenseitigen Beleidigungen zwischen den Gruppen auf der Treppe. Widersprüchliche Aussagen gab es auch darüber, ob eine der Freundinnen kurz vor Sanel M.s Schlag, durch den Tugce das Bewusstsein verlor, versucht hatte, die 22-jährige Deutschtürkin noch zurückzuhalten. In der Vernehmung durch die Polizei hatte eine von Tugces Freundinnen noch geschildert, Tugce habe sich losgerissen und sei auf Sanel M. zugegangen, der selbst durch einen Freund zurückgehalten wurde. Vor Gericht konnte die Zeugin sich nun nicht mehr an das aktive Verhalten Tugces in der Szene erinnern. Eine weitere Zeugin, die sich zum Tatzeitpunkt in unmittelbarer Nähe befand, widersprach dieser Darstellung deutlich: „Tugce wurde nicht zurückgehalten und hat sich auch nicht losgerissen.“

„Halt die Klappe, du kleiner Hurensohn“, soll Tugce gerufen haben

Strittig ist nach dem zweiten Prozesstag und den Zeugenaussagen, inwieweit Tugce Sanel M. kurz vor dem todbringenden Schlag beleidigt hat. Gegenüber der Polizei hatten mehrere von Tugces Freundinnen noch ausgesagt, Sanel M. hätte sich schon an seinem Auto befunden und sei im Begriff gewesen aufzubrechen, als Tugce ihm „Halt die Klappe, du kleiner Hurensohn“ hinterherrief – was Sanel M. offenbar zum Ausrasten brachte. Mit ihren eigenen Aussagen konfrontiert, wollten mehrere der Zeuginnen diese Wortwahl vor Gericht nicht mehr bestätigen.

Inwieweit das Gericht sein Urteil auf die ersten Zeugenaussagen von den Freundinnen der verstorbenen Studentin stützen kann, ist somit ungewiss. Sowohl der Vorsitzende Richter Jens Aßling als auch die Verteidiger von Sanel M. hielten den Zeuginnen die Widersprüche in ihren Aussagen vor. Darüber hinaus hatte mehrere der jungen Frauen in ihren Aussagen vor Gericht betont, sie hätten das Überwachungsvideo, das die Tat zeigt, lediglich allein oder zu zweit gesehen und sich anschließend nicht darüber ausgetauscht oder gar in ihrer Deutung der Geschehnisse abgesprochen.

Auf nachdrückliches Fragen von Sanel M.s Verteidiger Stephan Kuhn gestand eine von Tugces Bekannten dann jedoch, dass die Frauen die Videos aus der Tatnacht sehr wohl in einer größeren Gruppe angeschaut hätten. „Ich fühle mich von Ihnen unter Druck gesetzt“, beschwerte sich die Zeugin beim Anwalt. Der antwortete mit einer scharfen Frage: „Darf ich das so verstehen, dass auch nichts von dem, was Sie bei der Polizei gesagt haben, der Wahrheit entspricht?“

Auch der Vorsitzende Richter Aßling fand klare Worte gegenüber der Zeugin. „Sie bringen uns, sich selbst und irgendwann alle anderen in Schwierigkeiten. Jetzt ist der Augenblick, in dem Sie noch etwas geraderücken könnten“, mahnte er. Die 26-jährige Einzelhandelskauffrau reagierte sichtlich überfordert und lehnte eine neuerliche ­Aussage ab.

Der Prozess gegen Sanel M. geht am Montag mit der Vernehmung weiterer Zeugen weiter. Außer den Freundinnen Tugces sollen auch die Kumpels von Sanel M. gehört werden. Das Gericht hat insgesamt 60 Zeugen geladen und zehn Verhandlungstage angesetzt. Das Urteil soll voraussichtlich Mitte Juni fallen.

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