Türkisches Netzwerk im Südwesten Erdogans Vertrauter bezahlt Waffen für Türken-Rocker

Von Franz Feyder 

Der Osmanen Germania Boxclub unterhält sehr gute Kontakte zum türkischen Geheimdienst MIT. Foto: dpa
Der Osmanen Germania Boxclub unterhält sehr gute Kontakte zum türkischen Geheimdienst MIT. Foto: dpa

Ein Jugendfreund des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan finanziert Waffenkäufe, hetzt seine Landsleute in Deutschland auf und organisiert Proteste gegen den Bundestag. Abhörprotokolle deutscher Sicherheitsbehörden alarmieren.

Stuttgart - Das Mikrophon ist eingeschaltet. Die Kamera läuft. Mehmet Bagci läuft zur Hochform auf: „Wir wollen die Jugendlichen von der Straße holen. Wir wollen, dass sie sich mit Sport beschäftigen. Ihnen Arbeit besorgen. Von ihrer Drogensucht weg, von ihrer Alkoholsucht weg“, sagt er mit einer Stimme, bei der Schweigermütter dahin schmelzen. Der graumelierte Bart ist sauber gestutzt. Die Haare sind gegelt und das schwarze Designer-Shirt spannt beim Weltpräsidenten des Osmanen Germania Boxclubs (OGBC) nur am Oberarmen und Brustkorb.

Ein Märchen, bewerten Ermittler, als sie am 27. April 2016 um 17.24 Uhr bei einem Telefonat Bagcis mithören. Seit Wochen haben sie sich auch elektronisch an seine Fersen geheftet, weil sie den 46-jährigen krummer Geschäfte verdächtigen. Telefonat für Telefonat, SMS für SMS dringen die Ermittler tief in ein bedrohliches Netzwerk aus Politik und Organisierter Kriminalität ein.

In diesem Gespräch am 27. April schlägt der damalige Chef der rockerähnlichen Gruppe ganz andere als sozial engagierte Töne an, wie Berichte und Protokolle belegen, die nach gemeinsamen Recherchen unserer Zeitung und dem ZDF-Politikmagazin „Frontal21“ vorliegen. In ihnen fassen die Fahnder auch zusammen, wie sich Bagci damit brüstet, er und seine Kumpane würden von türkisch-stämmigen Geschäftsleuten in Deutschland Geld erpressen. Freimütig berichtet der Chef-Osmane von den „sehr guten Kontakten“, die er zum türkischen Geheimdienst MIT unterhalte. Und dass er mit seinen Männern jetzt dieses „PKK-Ding“ in Stuttgart regeln würde.

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Das „PKK-Ding“, das ist die Demonstration am 10. April 2016, bei der in der Stuttgarter Innenstadt ein stundenlanger Kampf zwischen Kurden und Türken tobte. Mittendrin die Polizei, die von der Brutalität der Krawalle überrascht wurde. Am Abend zählte sie mehr als 50 verletzte Beamte. Für Bagci eine unerledigte Sache. Niemand würde ihn und seine Osmanen von ihrem Ziel abbringen, fassen die Ermittler in eigenen Worten das Gespräch zusammen. Die Osmanen seien bereit, für ihre Sache zu sterben und zu töten.

Tage später sollte eine in Deutschland erscheinende, türkische Zeitung den Rest des mitgeschnittenen Gespräches zitieren: „Wir sind bereit dazu und haben bewusst diesen Weg eingeschlagen. Außerdem erwarten wir die Unterstützung unserer Geschäftsleute und die Unterstützung des Staates.“

Erdogan-Vertrauter in Deutschland aktiv

Staatliche Hilfe, die längst beschlossen war, als Bagci telefonierte. Gemeinsame Recherchen der Stuttgarter Nachrichten und von Frontal 21 zeigen, dass Bagci und seine Osmanen am jenem 10. April 2016 längst von Metin Külünk betreut wurden. Wenige Tage zuvor hatte der Abgeordnete der türkischen Regierungspartei in Köln während eines Kongresses der Union der Europäisch-Türkischen Demokraten (UETD) zusammen mit Bagci und dessen Osmanen für ein Foto posiert – zum Dank dafür, dass die Muskelmänner als Saalschutz während der Konferenz fungierten. Wenige Tage später – so stellten die Ermittler fest – flog Bagci in die Türkei, um „den türkischen Staat um finanzielle Hilfe zu bitten“.

Ihr Fürsprecher dabei: Metin Külünk. Als Beauftragter für im Ausland lebende Türken ist er häufig in Deutschland unterwegs. Er tritt bei Veranstaltungen der UETD auf. Und vor allem gehört ihm das Ohr des türkischen Präsidenten Recep TayyipErdogan. Schon seit gemeinsamen Jugendtagen in Istanbul, als sie sich zusammen auf einem Bolzplatz fotografieren ließen.

Auch mit einem anderen Mann an Külünks Seite gibt es zuhauf Fotos: Sie zeigen den Erdogan-Vertrauten mit Yilmaz Ilkay Arin. Er war bis zu diesem Frühsommer Vorsitzender der einflussreichen und mitgliederstarken UETD-Gruppe Rhein-Neckar in Mannheim. Die UETD steht der türkischen Regierungspartei AKP nahe, sie hat sich deutschlandweit als Verein organisiert.

Immer wieder hörten die Fahnder auch bei den zahlreichen Telefonaten Arins mit Külünk mit. Sie gewannen den Eindruck: Arin und sein Onkel gehören zu den wichtigsten Befehlsempfängern des Erdogan-Vertrauten in Deutschland. Daran ließ auch Arin in anderen Gesprächen keinen Zweifel aufkommen: Sein Chef sei Külünk. Und er mache, was der ihm auftrage.

Aufruf zu Gewalt gegen Kurden in Deutschland

Külünks Aufträge sind für die offizielle türkische Außenpolitik wenig schmeichelhaft. So forderte er in Telefonaten in Deutschland lebende Türken auf, Kurden „mit Stöcken auf den Kopf“ zu schlagen. Attacken, die gefilmt werden sollen. Die Videos seien dann dem türkischen Staat zu übergeben. So könne jeder sehen, was mit denen passiere, die sich gegen die Politik von Staatsoberhaupt Erdogan erheben würden.

Külünk will für diese Auseinandersetzung offenbar nichts dem Zufall überlassen. In einem Erkenntnisbericht notierten die Ermittler im April 2016, dass die Osmanen-Truppe „über die Verbindungen des Ilkay Arin und des AKP-Abgeordneten Külünk 20 000 Euro bekamen, um dafür Schusswaffen zu kaufen“.

Drei Wochen später fing die hessische Polizei einen Waffentransport ab und beschlagnahmte eine Maschinenpistole des tschechisch-jugoslawischen Typs Skorpion. Bei ihren Ermittlungen schlossen sie so den Kreis, der AKP, UETD, Osmanen und den türkischen Geheimdienst MIT miteinander verbindet: Fortan recherchierten die Kriminalen auch zu dem in Salzburg lebenden Mehmet D., den sie als Agenten des Nachrichtendienstes enttarnten.

In einem späteren Report heißt es, zur Radikalisierung der in Deutschland tätigen Gruppen trügen „insbesondere der Kontaktaufbau einerseits zu türkischen Funktionären der AKP / UETD – und damit regierungstreuen und regierungsnahen Organisationen in der Türkei – sowie andererseits auf der zweiten Schiene zu Angehörigen des türkischen Geheimdienstes MIT in erheblichem Maße bei“. Ein Dreieck, in dem jeder mit jedem vernetzt sei.

Die Ermittler gewannen im Sommer 2016 verstärkt den Eindruck, die Osmanen agierten als Schlägertruppe, als verlängerter Arm Ankaras in Deutschland. Das wird ihnen zwischen dem 20. Mai und dem 3. Juni klar. Im deutschen Bundestag diskutieren die Abgeordneten eine Resolution, die sie am 2. Juni verabschieden wollen. Für sie ist das Massaker, bei dem Soldaten und Polizisten des Osmanischen Reiches während des I. Weltkrieges zwischen 300.000 und 1,5 Millionen Armenier abschlachteten, Völkermord. Die türkische Führungsspitze tobt.

Der Mann im Hintergrund

Und agitiert – auch mit Protesten in Deutschland. Allerdings, so notieren Ermittler gestützt auf abgehörte Telefonate, dass die meisten Demonstranten daran „nicht aus eigenem Antrieb, um der Sache willen, teilnahmen, sondern durch Hintermänner wie den AKP-Abgeordneten Metin Külünk ‚gekauft’ wurden“. Der AKP-Mann selbst, heißt es weiter, habe dabei „nicht an vorderster Front zu erkennen sein sollen, so dass von außen eben nicht der Anschein erweckt werde, dass der türkische Staat im Kontext der bevorstehenden Demonstrationen die Fäden zieht“.

An Külünks Seite: der Mannheimer UETD-Mann Arin. Zur Kundgebung vor dem Brandenburger Tor zogen Mehmet Bagci und seine Osmanen im charakteristischen Kuttenornat auf.

Offenbar ein gewinnbringender Einsatz für die Muskelmänner: Spezialisten des Hamburger Landeskriminalamtes beobachteten am 1. Juni 2016 gegen 14.30 Uhr, wie Külünk Osmanen-Chef Mehmet Bagci in der Potsdamer Straße in Berlin „mit hoher Wahrscheinlichkeit zwei Briefumschläge überreicht, in denen sich vermutlich Geld befand“.

Für die lauschenden Ermittler wurde der Verdacht ihrer Hamburger Kollegen um 14.58 Uhr Gewissheit: Bagci telefonierte da mit seinem Stellvertreter, Selcuk Sahin. Er habe sich, plauderte der Chefosmane, mit Külünk getroffen und von diesem Geld bekommen. Wenig später fragte UETD-Mann Arin per SMS nach, wie viel Geld der Erdogan-Freund Bagci übergeben habe.

Külünk – Mitte Mai nach Deutschland geeilt – erhält seine Anordnungen von höchster Stelle. Am 1. Juni 2016 rief er um 22.21 Uhr den türkischen Außenminister Mevlüt Cavusoglu an. Der Erdogan-Vertraute wollte wissen, ob er noch eine Protestkundgebung in Berlin organisieren solle. Dem Chefdiplomat war diese Entscheidung zu heiß. Er reichte das Telefon weiter – an Staatspräsident Erdogan selbst.

Dem empfahl Külünk, auf eine weitere Kundgebung in Deutschland zu verzichten, weil er lediglich 50 bis 300 Teilnehmer statt der gewünschten 4000 – 5000 aufbieten könne. Das würde dann „komisch aussehen“. Die Ermittler fassen zusammen. „Stattdessen wolle man einen schwarzen Kranz vor dem Bundestag niederlegen. Erdogan teilt Külünk mit, dass man darüber entscheiden und sich zeitnah melden wolle.

Die Beteiligten schweigen

Die Berliner Proteste scheinen der Durchbruch der Osmanen zu Erdogan gewesen zu sein. Im Oktober 2016 reiste Bagci nach Istanbul, um den Chefberater des Staatspräsidenten um Unterstützung zu bitten und ihm zu versichern, dass die Osmanen fortan für Erdogan in Deutschland den „Anti-Terrorkampf“ übernähmen. In Juni 2017 folgten Ermittler der Kommunikation von Bagcis Stellvertreter Selcuk Sahin. Der offerierte dem Sohn Erdogans, Bilal, er werde ihm in Deutschland einen Investor für seine Geschäfte besorgen.

Die beiden Osmanen-Chefs Bagci und Sahin sitzen derzeit in Untersuchungshaft. Allerdings nicht wegen politisch motivierter Straftaten, sondern für Delikte unter Rockern. Bagcis Anwalt verwies in einer Reaktion auf die Anfrage unserer Zeitung und des ZDF darauf, dass er wegen eines komplizierten Kontaktverfahrens in sechsTagen keine Rücksprache mit seinem Mandanten halten könne, um die Fragen mit ihm zu besprechen. Arin und Külünk reagierten auf unsere Anfragen nicht.

Über elektronische Netzwerke wird kommuniziert das Netzwerk jetzt nicht mehr. Kurze Zeit, nachdem hessische Ermittler den Verbindungsbeamten des Bundeskriminalamtes in der deutschen Botschaft in Ankara um Auskunft über diverse türkische Politiker und Spitzenbeamte ersuchten, wurde es schlagartig still im Äther.

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