Symbol des türkischen Einflusses: Die Zentralmoschee der Ditib in Köln Foto: dpa

Groß angekündigt war nichts weniger als ein Neustart beim umstrittenen Islamverband Ditib. Doch findet der tatsächlich statt? Landespolitiker in Baden-Württemberg sagen nein.

Stuttgart/Köln - Klare Kritik an der Neuaufstellung des größten deutschen Islamverbands Ditib kommt von der FDP im Land. „Die Äußerungen aus Köln sprechen nicht für ein inhaltliches Umdenken“, sagte der liberale Landtagsabgeordnete Nico Weinmann unserer Zeitung. „Das hört sich eher wie die Weigerung an, strukturelle Veränderungen vorzunehmen. „Eine Beeinflussung von außen darf nicht stattfinden“ so der Abgeordnete aus Heilbronn. Weinmann forderte eine völlige Loslösung von Ditib (Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion) von der türkischen Regierung und der Religionsbehörde Diyanet in Ankara. Der Kernvorwurf vieler Politiker: Ditib-Moscheen sind aus der Türkei gesteuert, verbreiten eine abgrenzende Form des Islam und verhindern die Integration.

Auch die Sozialdemokraten im Land beurteilen den verkündeten Neuanfang von Ditib skeptisch: „Bislang ist die Ankündigung eines Neustarts nichts mehr als ein Versuch, aus den Negativschlagzeilen zu kommen. Wer einen Neustart glaubhaft angehen wolle, „muss dies transparent tun und deutlich machen, was genau darunter verstanden wird“, sagte Reinhold Gall, der parlamentarische Geschäftsführer der SPD im Landtag.

„Die Aussage des Ditib-Vorsitzenden, das Thema‚ aus der Türkei eingesetzte und gesteuerte Imame, sei für Ditib abgeschlossen, lassen erhebliche Zweifel am angekündigten Neustart zu“, fügte der der ehemalige Innenminister hinzu. Für die SPD sei wichtig, dass es keine Einflussnahme durch die türkische Religionsbehörde gebe. Dafür müsse Ditib bei der Neuaufstellung sorgen. Der SPD-Politiker verwies aber auf eine vielfach gute Zusammenarbeit auf kommunaler Ebene im Südwesten.

Gegen „Forderungen von außen“

Ditib will nach anhaltender Kritik einen Neustart angehen, seine Arbeit und Struktur aber nicht „abrupt“ ändern. Die Ditib sei zur „Zielscheibe“ geworden, es habe viele „unberechtigte Angriffe“ gegeben, aber auch eigene Versäumnisse, sagte der neue Vorsitzende Kazim Türkmen am Mittwoch vor Journalisten in Köln. „Es ist dringend eine Deeskalation und eine Rückbesinnung auf Sachthemen nötig.“ Es brauche Zeit, die Türkisch-Islamische Union als größte Islam-Organisation in Deutschland zu verändern. Und Basis solcher „Prozesse“ sollten „innere Dynamiken“ sein, nicht „Forderungen von außen“, stellte Türkmen klar.

Erst in der vergangenen Woche war – wie berichtet – bekannt geworden, dass die türkische Religionsbehörde gemeinsam mit Ditib zum Jahresbeginn eine internationale Konferenz zur Zukunft der Muslime in Europa abgehalten hatte. In der gemeinsamen Abschlusserklärung der Konferenz, an der auch führende Vertreter der vom Verfassungsschutz beobachteten Muslimbrüder teilnahmen, wurde die Universalität des Islams betont und einem „deutschen Islam“, wie ihm Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) vorschwebt, eine Absage erteilt.

Der grüne Stuttgarter Bundestagsabgeordnete Cem Özdemir sagte unserer Zeitung, mit Kölner Treffen und Beschlüssen strecke „Erdogan seinen langen Arm immer weiter nach Europa aus.“ Im Gefolge des Treffens forderten Landtagsabgeordnete von CDU, SPD und Grünen in Nordrhein-Westfalen ihren Verfassungsschutz auf, eine Beobachtung des Islamverbandes zu prüfen. Nach Spionagevorwürfen und Kriegspropaganda ruht in NRW die Zusammenarbeit mit Ditib. Gleichzeitig überprüft die dortige Landesregierung, ob es sich bei Ditib überhaupt um eine Religionsgemeinschaft handelt.

„Altgediente Ditib-Kader“

In Baden-Württemberg hat „die Landesregierung Ditib scharf im Blick und bewertet die Entwicklungen mit wachsamem Auge“, sagte ein Sprecher von Innenminister Thomas Strobl (CDU). „Selbstverständlich verfolgen wir die Entwicklungen genau und prüfen laufend, ob die Kooperation mit Ditib überhaupt fortgesetzt wird – und falls ja, wie.“ Ditib ist nach eigenen Angaben mit rund 900 Moscheen der größte Moscheeverband in Deutschland. In Baden-Württemberg gehören ihm 163 Gemeinden an.

Auch Sicherheitskreise im Südwesten bewerten den Neubeginn kritisch: Dieser erfolge nur „symbolisch nach außen“, so ein Experte. Ditib passe sich nur den politischen Gegebenheiten an. „Das sieht man schon allein am neuen Führungspersonal – darunter altgediente Ditib-Kader.“

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