Kurz vor den Kommunalwahlen stockt in Filderstadt die Aufarbeitung der Affäre um die Verbindungen zu den Grauen Wölfen. Doch es gibt weitere Vorwürfe von Migranten.
„Klar sind die Grauen Wölfe bei Integra Filder aktiv“, sagt ein Filderstädter über den angesehenen Migrantenverein. „Das ist schon lange so.“ Integra und die Grauen Wölfe pflegten „sehr gute, freundschaftliche“ Kontakte, erzählt der Mann. Auch zum türkischen Konsulat in Stuttgart existierten Verbindungen. Das gemeinsame Ziel, so der Mann: „Es geht darum, bei türkischstämmigen Mitbürgern die nationale Identität und den Glauben beizubehalten.“ Sein Ziel ist das nicht: Er ist Alevit, zählt zu einer in der Türkei diskriminierten Minderheit, und schon seit Anfang der 90er Jahre in der Integrationsarbeit engagiert.
Personelle Verflechtungen
Aus Sorge um die Sicherheit seiner Familie möchte der Mann seinen Namen nicht in der Zeitung lesen. Er ist Mitglied bei der SPD, die durch drei Gemeinderatskandidaten mit Bezügen zum Deutsch-Türkischen Freundschaftsverein, dem örtlichen Ableger der rechtsextremen Grauen Wölfe, für Aufruhr im Wahlkampf gesorgt hat. „Was habt ihr dort zu suchen?“, habe er seine Partei gefragt, als er vom Fastenbrechen einer SPD-Delegation, angeführt vom Nürtinger SPD-Bundestagsabgeordneten Nils Schmid, mit den türkischen Rechtsradikalen erfuhr.
Die Filderstädter SPD distanzierte sich inzwischen von den drei belasteten Gemeinderatskandidaten, die aber weiter auf ihrer Wahlliste stehen. Ein weiterer Bürger mit Migrationshintergrund hält sich wegen der berichteten Nähe zu den Grauen Wölfen ebenfalls von Integra fern. Sicherheitskreise bestätigen „personelle Verflechtungen zwischen Integra und den Grauen Wölfen“.
Zwei der SPD-Gemeinderatskandidaten waren in der Vergangenheit auch bei Integra aktiv: Die Graue-Wölfe-Frauenfunktionärin Gülten Ilbay nahm 2019 an der Integra-Plakataktion „Für ein friedliches Miteinander“ teil. Die mit ihr befreundete Müesser Keles organisierte 2014/15 dort Frauen-Aktiv-Treffs, wo auf einem Flyer der Graue-Wölfe-Verein als Anlaufstelle genannt wird, sowie ein Jugendprojekt.
Migrantenverein: nur „Mutmaßungen“
Integra selbst weist die Vorwürfe einer Verflechtung mit den Grauen Wölfen als „Mutmaßungen“ zurück. „Ausdrücklich distanziert sich der Vorstand von Integra Filder e.V. hiermit vom Deutsch-Türkischen Freundschaftsverein e.V.“ heißt es auf der Internetseite des Migrantenvereins. „Die Behauptungen und/oder Anschuldigungen Ihrer Informanten entsprechen durchweg nicht den Tatsachen“, teilt der Vereinsvize Mehmet Havlaci mit. Allerdings behauptete der Verein zunächst gegenüber der Stadt, die Verwaltung habe 2012 den Auftrag gegeben, den Kontakt zum Freundschaftsverein zu pflegen. Nach einem Gespräch mit der Verwaltungsspitze rückte der Verein wieder davon ab. Er sei mit dem bisherigen Stand der Aufklärung seitens Integra „nicht zufrieden“, betont der Oberbürgermeister Christoph Traub. Er hatte die Förderung von Integra bis auf Weiteres gestoppt. Er habe weitere Fragen zu Verbindungen zwischen Integra und Freundschaftsverein.
Die scheinen berechtigt: So sagt Integra öffentlich, in seiner Sozialarbeit sei man „ausschließlich für die unpolitische Frauengruppe“ des Graue-Wölfe-Vereins tätig gewesen. Dass diese unpolitisch sei, ist völlig abwegig. Von der Frauenfunktionärin und Ex-SPD-Kandidatin Gülten Ilbay liegen Fotos vor, auf der sie den Wolfsgruß zeigt. Der Migrantenverein behauptet auch, mit Ilbay habe es seit 2014 keine Zusammenarbeit mehr gegeben. Doch an der Plakataktion nahm sie noch 2019 teil.
Die ebenfalls betroffene FDP – der Integra-Vorsitzende Yilmaz Keles ist FDP-Gemeinderatskandidat und Ehemann der Ex-SPD-Kandidatin Müesser Keles – zeigt sich mit der Aufklärung durch Integra dennoch zufrieden. „Ich begrüße die klar formulierte Distanzierung von jeglichem Extremismus“, sagt der FDP-Fraktionschef und Landtagsabgeordnete Dennis Birnstock. Und: An seiner Haltung zu Yilmaz Keles habe sich „nichts verändert“. Er wisse von keiner „direkten Verbindung zu den Grauen Wölfen“.
Keine Versäumnisse?
Die Grünen-Fraktion erkennt keine eigenen Versäumnisse, obwohl die Gemeinderätin Andrea Jelic 2017 zum Fastenbrechen beim Filderstädter Freundschaftsverein auftauchte und man nichts dagegen hatte, dass die örtlichen Grauen Wölfe bis 2019 beim städtisch begleiteten Forum Interkulturelles Miteinander (FIM) mitwirkten. Sie seien gegen „jede Zusammenarbeit mit Rechtsextremen“, teilen die Gemeinderätinnen Catherine Kalarrytou, die auch als FIM-Sprecherin fungiert, und Andrea Jelic mit.
Die Filderstädter SPD bleibt zerstritten. Die Affäre „klebt uns am Bein“, räumt Fraktionschef Walter Bauer ein. Zu Integra wolle er nichts sagen. Anders SPD-Kandidatin Ines Schmidt: „Ich wünsche mir bei Integra einen Neuanfang, auch personell“, das zeichne sich aber leider nicht ab. Für die Freien Wähler ist die Sache klarer: „Gerade Integrationsarbeit muss wachsam sein, nicht in Kontakt mit Gruppen zu stehen, die eine Integration gezielt verhindern“, sagt Fraktionschef Stefan Hermann.