Kämpferische Schwestern: Selma Wels (li.) und Inci Bürhaniye Foto: dpa

Der Berliner Binooki-Verlag übersetzt türkische Bücher. Die Politik in der Türkei erschwert die Arbeit.

Berlin - Als die Schwestern Inci Bürhaniye und Selma Wels vor bald acht Jahren den Binooki-Verlag in Berlin aufmachten, galt die Türkei mit ihrer dynamischen Wirtschaft und proeuropäischen Regierung in Deutschland noch als Vorbild für die Region. Ihr Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan wurde als mutiger Reformer gefeiert, der entschlossen die Tabus der türkischen Politik angeht und sein Land in Richtung Europa führt. Istanbul faszinierte mit seiner lebendigen Kulturszene und zog mit seinen Galerien und Clubs Tausende Deutsche an, die diese Gesellschaft im Aufbruch entdecken wollten. Die Türkei war cool. Lange her.

Heute ist das Bild der Türkei geprägt von Wirtschaftskrise, Verhaftungen und einem Staatschef, der jede Form der Kritik als Angriff betrachtet und rücksichtslos gegen die letzten Reste der Opposition vorgeht. Die einst guten Beziehungen zu Deutschland sind von Spannungen und wechselseitigen Vorwürfen geprägt, und auch das Verhältnis der Deutschen und ihrer türkischstämmigen Mitbürger hat sich verhärtet. Keine gute Zeit für einen Verlag, der sich dem Austausch verschrieben hat und den Deutschen die moderne türkische Literatur nahebringen will.

Reizfigur Erdogan

„Wir erleben bei Lesungen und Messen immer wieder, dass das Gespräch sofort auf Erdogan und die Politik kommt“, sagt Bürhaniye bei einem Gespräch in ihrer Anwaltskanzlei, die zugleich als Verlagsbüro dient. Doch ihnen gehe es nicht um Politik, sondern darum, mit ihren Büchern zu vermitteln, was die Menschen in der Türkei bewegt. Sie versuchten dann, das Gespräch wieder auf die Literatur zurückzubringen, doch sei das oft schwer. Als die in Pforzheim geborenen Töchter eines türkischen Gastarbeiterpaars 2011 ihren Verlag gründeten, war das Interesse an ihren Büchern groß. Doch so wie sich die politische Situation verdüstert hat, ist auch ihre Arbeit schwieriger geworden. Nicht nur bestimmt heute die Reizfigur Erdogandas Bild der Türkei, sondern auch die Zahl der Kulturreisenden, die mit einem türkischen Roman im Gepäck an den Bosporus reisen, ist seit dem Putschversuch 2016 stark zurückgegangen.

Hinzu kommt, dass immer weniger Übersetzungen aus dem Türkischen gefördert werden, seitdem der EU-Beitrittsprozess auf Eis liegt. „Früher konnten wir sechs bis acht Bücher im Jahr machen. Nun sind es nur noch zwei“, sagt Bürhaniye. Ohne Förderung der Übersetzung könne ihr Verlag aber nicht arbeiten, zumal sie seit Anfang Wert darauf legten, echte Literaturübersetzer zu beauftragen, die alle Feinheiten der Sprache erfassen könnten und zum jeweiligen Werk passten. Wegen der finanziellen Lage wollen die Verlegerinnen nun ihr Programm ändern. Lag der Fokus bisher auf Übersetzungen moderner Autoren wie Emrah Serbes oder Oguz Atay, der eine ganze Generation von Schriftstellern geprägt hat, haben sie vergangenes Jahr erstmals ein auf Deutsch geschriebenes erzählerisches Sachbuch über die Geschichte der Griechen in Istanbul herausgebracht.

Ein anderer Blick

Auch in der Türkei sind viele Verlage in Schwierigkeiten. Wegen des Währungsverfalls sind die Papierpreise massiv gestiegen, so dass es gerade für kleine Verlage eng wird, wie Bürhaniye sagt. Angesichts des repressiven Klimas gehen zudem immer mehr Künstler und Autoren ins Ausland, weil sie keine Zukunft sehen in einem Land, das kritischen Journalisten, unabhängigen Wissenschaftlern und Intellektuellen wie dem Verleger Osman Kavala den Prozess macht.

„Für das Land ist es eine Katastrophe, dass die ganze intellektuelle Elite weggeht, aber für Deutschland sind diese jungen, aktiven Menschen eine große Bereicherung“, sagt Bürhaniye. „Ich baue auch darauf, dass diese Leute den Blick der Deutschen auf die türkische Kultur ändern. Dann werden sich mit dem Bild des Türken nicht nur Dönerläden und Gemüsestände verbinden.“ Die türkischen Gastarbeiter hätten kaum gelesen und daher wenig zur Vermittlung der türkischen Literatur beitragen können, sagt die Verlegerin. Heute sei das jedoch anders. Denn nun kämen die Autoren selbst.

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