Seit einem Jahr rollt der Togg über die türkischen Straßen, ein vollelektrischer SUV. Im Herbst sollen die Exporte nach Deutschland beginnen. Chef des Autobauers ist ein ehemaliger Bosch-Manager.
Für die türkische Automobilindustrie ist es eine Hightechherausforderung, für Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan ein politisches Prestigeprojekt: Seit einem Jahr rollt der Togg über die türkischen Straßen, ein vollelektrischer SUV. Im Herbst sollen Exporte nach Deutschland beginnen.
In der Türkei laufen pro Jahr mehr als 1,4 Millionen Autos vom Band. Damit ist das Land der viertgrößte Autoproduzent in Europa. Rund eine Million Fahrzeuge gehen in den Export. Frankreich, Großbritannien und Deutschland sind die wichtigsten Abnehmerländer. Aber viele Käufer dort wissen gar nicht, dass sie in ein Auto „Made in Türkiye“ steigen. Denn die in der Türkei gefertigten Fahrzeuge tragen Markennamen wie Renault, Fiat, Ford, Toyota und Honda.
Bursa, das „türkische Detroit“
Rund um die westtürkische Stadt Bursa ist in den vergangenen Jahrzehnten eine blühende Automobilindustrie mit Montagewerken und Tausenden Zulieferunternehmen entstanden. Neben deutschen Großunternehmen wie Bosch haben sich inzwischen auch viele mittelständische Automobilzulieferer in der Marmara-Region um Bursa niedergelassen. Sie beliefern von dort nicht nur die türkischen Hersteller, sondern auch Automobilwerke in Westeuropa.
Das macht die Automobilindustrie zur stärksten Exportbranche der Türkei. Manche sprechen von Bursa als dem „türkischen Detroit“. Doch während die Stadt im US-Bundesstaat Michigan ihren Aufstieg zur Automobilmetropole vor allem Kohle und Stahl verdankte, ist Bursa ein Hightechstandort.
Das wollen die türkischen Automobilbauer jetzt mit dem Togg unter Beweis stellen. Der Markenname steht für Türkische Automobilinitiativgruppe. An ihr sind fünf führende türkische Konzerne aus dem Fahrzeugbau, der Elektrobranche sowie der IT- und Telekomindustrie beteiligt. Sie bündelten ihre Innovations- und Finanzkräfte. Initiator des Projekts war Staatspräsident Erdogan. Mit der Entwicklung des Togg sollte das Land seine Leistungsfähigkeit als Industriestandort demonstrieren.
Ein ehemaliger Bosch-Manager als Chef
Chef des Unternehmens ist Gürcan Karakas, ein in Bielefeld aufgewachsener ehemaliger Bosch-Manager. In der Rekordzeit von weniger als fünf Jahren entwickelten Karakas und sein Team das neue Auto und bauten auf der grünen Wiese eine Fabrik mit einer Jahreskapazität von 175 000 Fahrzeugen. 2023, im ersten Jahr der Serienfertigung, liefen rund 20 000 Autos vom Band.
Die beiden ersten Exemplare des Togg T10X gingen an Staatschef Erdogan und seine Gattin Emine – „Anadolu Rot“ für die Dame, „Gemlik Blau“ für den Herrn. „Heute geht ein 60 Jahre alter Traum in Erfüllung“, sagte Erdogan bei der Fahrzeugübergabe. Das war eine Anspielung auf das Jahr 1961. Damals präsentierte die Türkei ihre erste automobile Eigenentwicklung, den Pkw „Devrim“ („Revolution“). Der Markenname hielt aber nicht, was er versprach. Es blieb bei drei handgefertigten Prototypen.
Mit dem Togg soll es diesmal klappen. „Togg ist ein Symbol des technischen Fortschritts, der wirtschaftlichen Entwicklung und des globalen Ansehens unseres Landes“, sagte Erdogan bei der Vorstellung. Die Nachfrage nach dem 4,59 langen und 1,77 Meter hohen SUV ist in der Türkei riesig. Mehr als 200 000 Bestellungen soll es bereits geben.
In diesem Jahr will man 40 000 Exemplare produzieren. Voraussichtlich im Herbst kommt das Auto auch in den Export nach Deutschland. Hier konkurriert der Togg T10X mit E-Autos wie dem VW ID.4 und dem Tesla Model Y. Preislich dürfte er aber deutlich günstiger sein als die Mitbewerber. In der Türkei wird das Auto für umgerechnet rund 41 000 Euro angeboten.
Autotester vom ADAC sind voll des Lobes
Die Karosserie trägt die Handschrift des ehemaligen Volkswagen-Chefdesigners Murat Günak. Das Auto ist bei der Vernetzung und den Assistenzsystemen vielen Konkurrenten voraus. Ins Auge fällt vor allem der gigantische Bildschirm, der sich im Innern über die gesamte Fahrzeugbreite erstreckt. Die im eigenen Batteriewerk bei Bursa gefertigten Akkus sollen dem, je nach Version, mit ein oder zwei Bosch-Motoren bestückten T10X bis zu 523 Kilometer Reichweite ermöglichen.
Die Autotester des ADAC, die den Togg bereits gefahren haben, bescheinigen dem Auto ein sicheres und zugleich bequemes Fahrverhalten sowie eine souveräne Federung. Lob finden auch die smarten Lösungen im edel gestalteten Innenraum. In diesem Jahr werden nur einige Tausend Exemplare in Deutschland verfügbar sein. Aber bis 2030 will die türkische Marke die Jahresproduktion auf eine Million Autos erhöhen. Der T10X soll nur der Anfang sein: Bald soll auch der Togg T10F vom Band laufen, eine Mittelklasselimousine, die gegen Autos wie das Tesla Model S antritt.