Recep Tayyip Erdogan bei seiner Ankunft in Berlin – es ist der umstrittenste Staatsbesuch seit Jahren. Foto: AFP

Drei Schwergewichte von CDU, FDP und Linkspartei zeigen sich in der Talkshow „Maybrit Illner“ einig: Der türkische Präsident Erdogan darf bei seinem Besuch in Deutschland nicht hofiert werden. Eine Stuttgarter Redakteurin und ein Kölner Fotograf halten dagegen.

Stuttgart - Es ist eher unwahrscheinlich, dass Recep Tayyip Erdogan am späten Donnerstagabend in seiner Suite im Berliner Hotel Adlon „Maybrit Illner“ geschaut hat. Gut so, die ZDF-Talkshow hätte dem Blutdruck des türkischen Staatspräsidenten nicht gut getan – so viel geballten Widerspruch kennt er von daheim nicht.

Illner hat drei Politiker vereint, die sonst wenig gemein haben, sich in dieser Runde aber völlig einig waren: Dass der bis Samstag währende Staatsbesuch mit Pomp und Gloria eine übertriebene Geste der Bundesregierung ist – ein Arbeitsbesuch hätte auch ausgereicht.

„Erdogan ist zu keinem Wechsel bereit“

Besonders gerne in solchen Fällen wird der Klartextredner Norbert Röttgen (CDU) eingeladen. Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag hält zuverlässig die Fahne des Rechtsstaates hoch. Die Türkei sei kein demokratisches Land mehr, sagt Röttgen, der „Rechtsstaat ist abgeschafft“. Später moniert er mit Blick auf die Eröffnung der Kölner Zentralmoschee, dass Erdogan in Deutschland weiter politisch Einfluss nehme. Offensichtlich sei er „zu überhaupt keinem Wechsel“ bereit. Er spalte und schaffe eine Distanz zwischen Türken, Kurden sowie Deutschen.

FDP-Chef Christian Lindner hat erkannt, dass er die Bundesregierung bei diesem Thema wirkungsvoll angreifen kann. Dialog sei wichtig, sagt er, aber ein Arbeitsbesuch hätte gereicht. Die FDP fordere von der großen Koalition eine andere Türkei-Politik. Ankara sei auch kein EU-Beitrittskandidat, die Verhandlungen sollten gestoppt werden. Diesmal überrascht der FDP-Chef zudem mit einem liberalen statt des ökonomischen Akzents: Wirtschaftshilfe für die kriselnde Türkei könne es nur bei Gegenleistungen geben, betont Lindner. Am Ende des Tages gehe es um Freiheit. „Im Zweifel sind Werte und Völkerrecht wichtiger als Profite von Unternehmen – da muss man eine wirtschaftliche Schwächung von deutschen Exportinteressen auch mal in Kauf nehmen.“

„Die Bundesregierung sollte der Türkei beistehen“

Als Dritte im Bunde langt die Linken-Fraktionsvize Sevim Dagdelen, eine notorische Erdogan-Kritikern, besonders hart zu: Sie wolle nicht Statist der Erdogan-Propaganda sein und habe die Teilnahme am Staatsbankett des Bundespräsidenten an diesem Freitagabend daher abgesagt, sagt die Vorsitzende der deutsch-türkischen Parlamentariergruppe im Bundestag.

Bei soviel Erdogan-Bashing fragt sich natürlich, warum kein Vertreter der SPD in der Runde sitzt, die dank des Bundespräsidenten zwar hauptverantwortlich für den umstrittensten Staatsbesuch seit Jahren ist, sich aber mit dessen Rechtfertigung auch ziemlich schwer tut. An deren Stelle tut sich Cigdem Akyol mit ihrer ausgleichenden Haltung naturgemäß schwer, den drei politischen Schwergewichten etwas entgegenzusetzen. Akyol, die auch Redakteurin der Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten ist und eine Erdogan-Biografie verfasst hat, stellt zwar fest, dass die Erdogan-Visite in den türkischen Medien ausgeschlachtet würde. Dennoch wirbt sie für ein Entgegenkommen. Erdogan sei ein „schwieriger und unzuverlässiger Partner“, gleichwohl „sollte die Bundesrepublik der Türkei beistehen, weil sie an der Wand steht“. Zugleich solle man „den Finger in die Wunde legen“ und die EU-Beitrittsgespräche mit einem kritischen Dialog verbinden – auch aufgrund der langen gemeinsamen Geschichte mit den Türken. „Sonst fährt Erdogan seinen autokratischen Kurs weiter“, warnt die Stuttgarter Journalistin.

Nicht noch „Steuergeld in den Rachen werfen“

Röttgen wird unruhig: „Eine Illusion“ sei dies, kontert er. „Nicht wir haben uns entfernt.“ Ankara habe dies getan. Die Verheißungen der Bundesregierung auf einen Neustart der Beziehungen würden Missverständnisse in der Türkei erzeugen, moniert der CDU-Politiker. „Es darf keine Normalisierung geben.“ Und Lindner assistiert: „Bevor wir der Türkei helfen, muss sie sich selbst helfen.“ Nur Erdogan selbst könne die Wirtschaftslage verbessern. Dagdelen vervollständigt wieder den Chor der Kritiker: Es sei „abenteuerlich“ und „unverantwortlich“, dem Autokraten noch „Steuergeld in den Rachen zu werfen“.

Damit die Talkshow nicht ganz so einseitig verläuft, hat Illner noch Kemal Capaci eingeladen. Der deutsch-türkische Fotograf aus Köln sieht mit Erdogan ein „Ende der Duckmäuserei“ – die „Türken freuen sich auf den starken Mann“. Dass Erdogan bei seinem Besuch auf eine große politische Rede verzichte, zeige, dass er auf den Dialog statt auf Propaganda setze. Bei so viel Enthusiasmus für den Staatsgast erinnert Akyol an die „Säuberungswelle“ in der Türkei. Doch Lindner räumt ein, dass man die Worte von Capaci ernst nehmen solle, „weil sie möglicherweise repräsentativ sind“.

„Erdogan ist nicht die Türkei“

Erdogan werde seinen politischen Kurs nicht ändern – doch müsse man auch an die sehr wache Zivilgesellschaft denken, beschließt Cigdem Akyol die Runde. „Erdogan ist nicht die Türkei.“ Nach diesem zeitlos gültigen Satz stellt Illner zufrieden fest, dass sämtliche Gäste beifällig nicken. Nur der Mann vom Bosporus hätte selbst dieser Passage nicht zustimmen können – aber er schaut bald schon wieder türkisches Fernsehen.

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