Fast 5000 Teilnehmer in drei Kategorien, 650 davon aus Deutschland, machen den Runtalya zum zweitgrößten Marathon in der Türkei.

Nur noch wenige Minuten bis zum Start: Gerade noch hüpft eine Gruppe junger Sportler so ausgelassen im Rhythmus der Technomusik, als feiere sie auf einer wilden Party. Und der Moderator fordert: „Ein bisschen Stimmung in der Bude!“ Plötzlich nehmen die meisten Läufer Haltung an und singen, soweit es sich um Einheimische handelt, mit Inbrunst die türkische Nationalhymne. Danach geht das Gedränge los. Immer mehr Teilnehmer klettern eilig über die Werbebande, um von der Seite in den Startbereich zu gelangen. Endlich wird der Countdown gezählt, und der Pulk von Marathon- und Halbmarathonläufern begibt sich auf die Strecke durch die Mittelmeerstadt Antalya.

Eine Viertelstunde später folgen die Zehn-Kilometer-Läufer. 1543 der insgesamt 4750 Teilnehmer schaffen es nach 21,1 Kilometern ins Ziel. Den Marathon von 42,195 Kilometern beenden 374 Läufer. Alle werden mit einer Finisher-Medaille belohnt. Zwar hat sich in dem Land am Bosporus noch keine Laufkultur ausgebreitet wie in der Bundesrepublik, doch gehe die wachsende Beliebtheit des Runtalya vor allem auf das Plus bei den türkischen Läufern zurück, sagt Deniz Öger, beim Veranstalter Öger Tours für das Ereignis verantwortlich. Antalya hat neben Zeugnissen der griechischen und römischen Vergangenheit viel Steilküste zu bieten. Dies zeigt sich den Läufern aber erst nach etlichen Kilometern auf der gesperrten Küstenstraße. Zunächst führt die Strecke durch die Altstadt. Wer mag, kann einen Blick auf das Hadrianstor oder das Atatürk-Denkmal werfen.

Alle zweieinhalb Kilometer ist ein Getränkestand aufgebaut

Weiter geht es durch Einkaufsstraßen und Häuserschluchten - an jeder dritten Ecke wird neu gebaut. Nach gut zehn Kilometern kehren die Halbmarathonläufer um und laufen dieselbe Strecke zurück, während die Marathonläufer in den Stadtteil Lara Beach vordringen, wo sie imposante Hotelbauten passieren. Die Luxusherbergen wurden dem Moskauer Kreml, dem Markusplatz in Venedig oder der „Titanic“ nachempfunden. Der Seewind bringt Kühlung, aber auch Luftwiderstand. Alle zweieinhalb Kilometer ist ein Getränkestand aufgebaut. Wasser wird in kleinen Flaschen gereicht. 2014 sollen am Golf von Antalya zwischen Kemer und Alanya 54 neue Fünf-Sterne- Hotels mit durchschnittlich 1000 Betten entstehen.

In Spitzenzeiten halten sich mehr als vier Millionen Gäste in der Region auf. Die Deutschen kommen in großer Zahl, doch zunehmend erobern die Russen, Kasachen und Aserbaidschaner die Ferienregion - die Reichen unter ihnen investieren kräftig. In zwei Jahren sollen noch einmal acht Millionen Besucher hinzukommen. Schon jetzt wird mit Blumendekorationen auf die Pflanzen-Expo 2016 aufmerksam gemacht. Bei Perge entsteht auf einem riesigen Areal ein tropischer Regenwald. Bis zu eine Milliarde Euro, so heißt es, soll das Gesamtprojekt kosten. Etwa 240 Marathonveranstaltungen gibt es bereits im deutschsprachigen Raum - mittlerweile kann man von Januar bis Dezember fast jedes Wochenende an einem Lauf teilnehmen. Dennoch seien Laufreisen seit Jahren ein derart starker Trend, sagt Klaus Duwe, der vor zehn Jahren in Baden-Baden das Internetportal www.marathon4you.de gegründet hat.

New York ist ohnehin das Maß aller Dinge und stets ausgebucht. Doch nun werden die Ziele immer exotischer: Die Auswahl reicht von der Wüste in Marokko bis nach Honolulu. Vielfach würden Komplettpakete gebucht - gute Hotels inklusive. „Vor 20 Jahren sind die Läufer doch blöd angeschaut worden“, sagt Duwe. Da war Tennis oder Golf als Trendsportart anerkannt - „das Laufen galt als Arme-Leute-Sport“. Dies habe sich völlig geändert. Mit Billigflieger und Rucksack zum Marathon anreisen und vor Ort so billig wie möglich übernachten - das gebe es nicht mehr. „Heute sind die teuersten Hotels bei Laufveranstaltungen zuerst ausgebucht, weil die Teilnehmer richtig Geld ausgeben.“ Dort seien sie dann unter Gleichgesinnten. Und weil engagierte Läufer es mit den Vorbereitungen genau nehmen, wissen sie auch den Komfort von Komplettpaketen zu schätzen. Klaus Duwe hat seit 2002 an die 200 Marathonläufe absolviert. Ihm ist es wichtiger geworden, Eindrücke am Rande der Strecke zu sammeln; die Zeit spielt für ihn keine große Rolle mehr, auch nicht in Antalya.

Das Event ist jedes Jahr ausgebucht

Seiner Beobachtung nach hat die über Jahre stark wachsende Laufbereitschaft in Deutschland einen Sättigungsgrad erreicht. Es seien zwar auffallend viele junge Leute dabei, die gut vorbereitet auf die Strecke gingen. „Doch die geben sich das nicht mehrere Male im Jahr so wie die älteren Läufer.“ Zudem suchen immer mehr Routiniers neue Herausforderungen - vor allem in sogenannten Ultraläufen über 100 Kilometer oder länger. Bekannt geworden ist etwa der Berliner 100-Meilen-Lauf auf dem Mauerweg. Ein Topziel ist auch das schweizerische Chamonix am Montblanc, das mit Distanzen bis zu 163 Kilometern und gut 10 000 Höhenmetern lockt. Der Sieger kommt nach gut 20 Stunden ins Ziel. Mit 5000 Teilnehmern sei das Event jedes Jahr ausgebucht, schildert Duwe. Viele Urlaubsorte nicht nur in den Alpen haben das Trailrunning als Attraktion erkannt.

Sie richten neue Parcours ein und engagieren Experten, die Vorträge halten oder Kurse geben. Auch so kann man sich von der Masse der Marathonveranstaltungen wirksam absetzen. Ein anderer Trend, das Triathlon, bediene hingegen eine andere Klientel, sagt Duwe. „Das kommt für Marathonläufer kaum infrage.“ Denn dafür müssten sie sich noch ein Rennrad und einen Neoprenanzug zum Schwimmen zulegen sowie sich auf alle drei Disziplinen intensiv vorbereiten. Allerdings haben einige Reiseveranstalter ihre Angebote auch in diesem Bereich ausgeweitet. In der Türkei ist die Laufbegeisterung noch steigerungsfähig, wie sich beim Runtalya neben der Strecke zeigt: Zuschauer, die die Sportler anfeuern, sind hier eine Rarität. Die langsamen Läufer mögen sich daher auf den letzten Kilometern einsam fühlen. Stattdessen kreuzen schon wieder ein paar Autos den Laufweg.

Wenige Kilometer vor dem Ziel zeigt sich auch, dass die Veranstalter noch nicht an alles gedacht hatten. Mit hoher Geschwindigkeit nähern sich die schnellsten Halbmarathonläufer von hinten den langsamen Zehn-Kilometer-Läufern. Ausweichen ist kompliziert. Das kostet die führenden „Marathonis“ wertvolle Sekunden. Zu ihnen gehört auch Benedikt Hofmann. Der 28-jährige Referendar aus Tübingen wird beim Halbmarathon als bester Deutscher mit einer Zeit von 1:10:25 Dritter. Erfreut zeigt sich Hofmann, dass der Veranstalter davon absieht, die schnellen Afrikaner mit hohen Preisgeldern anzulocken. Allerdings sei der Runtalya damit für herausragende Sportler uninteressant. „Das kommt mir hier vor wie ein großer Stadtlauf“, resümiert Hofmann. Seine Trainingspläne lässt er sich von Manfred Steffny schreiben. Dieser hat 1968 und 1972 am Olympiamarathon teilgenommen.

Davon zehrt der Bruder des ebenso bekannten Langstreckensportlers Herbert Steffny noch immer: Heute hat der 72-Jährige in der Marathonszene den Rang eines Laufpapstes. Nicht nur der Runtalya ist für ihn Pflichtprogramm - als Berichterstatter für sein Magazin „Spiridon“.

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Infos zu den verschiedenen Marathons

Antalya-Marathon
Runtalya-Reisepakete bei Öger Tours: Majesty Mirage Park (fünf Sterne), Kemer, Türkische Riviera: Drei Übernachtungen mit All-inclusive-Verpflegung inkl. Flug, Abschlussfeier und Transfers ab 399 Euro. Hotel Su (fünf Sterne), Antalya, Türkische Riviera: Drei Übernachtungen mit Halbpension, inklusive Flug, Abschlussfeier und Transfers ab 439 Euro. Startgebühren: Marathon 45 Euro, Halbmarathon ab 35 Euro, 10 Kilometer ab 15 Euro; www.runtalya.de

Marathon-Terminkalender
Berichterstattung über Laufereignisse und Terminkalender bieten diese Webseiten:
www.triathlon.de ;
www.marathon4you.de ;
www.runnersworld.de ;
www.laufen.de ;
www.lauftreff.de ;
www.laufreport.de ;
www.laufmagazin-spiridon.de

Marathon-Reisepakete
www.marathonreisen.de ;
www.as-marathonreisen.de ;
www.interair.de ;
www.herbertsteffny.de ;
www.laufkulttour.de ;
www.marathon-sport.de ;
www.marathon66.de .

Marathon in Baden-Württemberg
Laufveranstaltungen 2014 in Baden-Württemberg (Halbmarathon/Marathon): 19./20. Juli: Schöck Hornisgrinde-Marathon (Bühlertal) 14. September: ebm-Papst Marathon (Niedernhall) 20. September: Bodensee-Marathon (Kressbronn) 21. September: Fiducia Baden-Marathon (Karlsruhe) 28. September: Einstein-Marathon (Ulm) 12. Oktober: Schwarzwald-Marathon (Bräunlingen) 18./19. Oktober Bottwartal-Marathon (Steinheim/Murr)

Weitere Infos vom Württembergischen Leichtathletik-Verband unter: www.wlv-sport.de

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