Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan eröffnet in der südtürkische Provinz ein Terminal für 82 Millionen Fluggäste jährlich. Doch die Besuchermassen überfordern die Stadt. Wird jetzt eine Tourismusabgabe fällig?
In Antalya scheint die Sonne, und die Urlaubsflieger landen im Fünf-Minuten-Takt. Fast 80 000 Passagiere an einem einzigen Tag verzeichnete der Flughafen Antalya in diesem Monat bereits, obwohl die Saison kaum begonnen hat. Damit es noch mehr werden, eröffnete Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan jetzt ein neues Terminal, das jährlich für mehr Passagiere ausgelegt ist als Frankfurt, der größte Flughafen in Deutschland.
Die türkische Regierung treibt das Wachstum der Tourismus-Branche in Antalya voran, doch die Urlaubsregion geht vor dem Ansturm in die Knie. Antalya könne die Besucherrekorde nicht mehr verkraften, warnen Kommunalpolitiker und Experten: Der Tourismushochburg an der türkischen Riviera drohe der Infarkt.
Die Ressource Wasser ist knapp
Die Besucherzahlen von Antalya steigen enorm: Mit 17 Millionen Urlaubern – davon 3,5 Millionen Deutsche – fuhr die südtürkische Provinz im vergangenen Jahr ihre beste Saison aller Zeiten ein; in diesem Jahr soll das sogar noch übertroffen werden: 18,5 Millionen Touristen strebt die Regierung für Antalya an.
An dem Flughafen, bisher ein Nadelöhr, soll das nicht scheitern. Mit einer Kapazität von jährlich 32 Millionen Passagieren war der Airport in den vergangnen Jahren um bis zu zwölf Prozent überlastet. Mit dem neuen Terminal wird die Kapazität in Antalya nun auf 82 Millionen Passagiere im Jahr erweitert – fast so viel wie der Flughafen Istanbul und deutlich mehr als Frankfurt. Damit gewinne Antalya noch mehr Anziehungskraft, sagte Staatspräsident Erdogan, der den Tourismus als „Lokomotive“ der türkischen Wirtschaft bezeichnete.
Weniger begeistert von der Aussicht auf noch mehr Touristen sind Kommunalpolitiker und Stadtplaner in Antalya, die knappe Ressourcen wie Wasser auf immer mehr Besucher verteilen müssen. Antalya sei überlastet von dem Touristenansturm, und trotzdem strebe die Regierung immer höhere Besucherzahlen an, klagte Stadtplaner Lokman Atasoy, Berater des Oberbürgermeisters von Antalya, bei einer städtischen Konferenz zum Thema „Tourismus und Nachhaltigkeit in Antalya“ letzte Woche. Das Trinkwasser werde knapp, Kanalisation und Straßen seien überlastet. „Uns droht die Erschöpfung unserer Ressourcen.“ Wenn das Wachstum in Antalya nicht kontrolliert werde, wuchere der Tourismus „wie ein Krebsgeschwür“, warnte auch der Tourismusberater der Stadtverwaltung, Osman Ayik, nach Angaben des Branchenportals Turizm Güncel.
Antalya sei bereits überlastet, kritisierte die Stadtplanerin Funda Yörük, Vorsitzende des Stadtplaner-Verbandes von Antalya. Die Zielzahlen für den Tourismus würden nicht in Antalya festgelegt, sondern in Ankara, klagte Yörük in der überregionalen türkischen Zeitung „Cumhuriyet“. Die Stadtverwaltung von Antalya werde über die Weichenstellungen der Regierung nicht einmal informiert. „So erfährt die Stadt zum Beispiel aus der Zeitung erst, welche Flächen das Ministerium neu für den Tourismus ausgewiesen hat“, beklagte Stadtplanerin Yörük; dann sei es oft zu spät, um die Infrastruktur und den Verkehr darauf einzustellen. „Leider werden Stadtverwaltung und Stadtplaner nicht konsultiert.“ Auch von der Flughafenerweiterung habe die Stadt erst aus den Medien erfahren, als die Planung schon fortgeschritten war. „Nun fehlen uns die Straßen, um all diese Passagiere vom Flughafen zu ihren Hotels transportieren zu können.“
Tourismusabgabe gefordert
Außer Transparenz fehlt es den Planern in Antalya auch an Geld. Die oppositionsregierte Stadt bekomme ihre staatlichen Mittel aus Ankara entsprechend ihrer Bevölkerungszahl zugewiesen, die sich auf knapp 2,5 Millionen beläuft, müsse damit aber die Infrastruktur für fast 20 Millionen Menschen bereitstellen, argumentieren sie.
Kommunalpolitiker und Zivilgesellschaft in Antalya fordern deshalb die Einführung eine Tourismusabgabe, die in kommunale Kassen fließen solle, um die Infrastruktur zu finanzieren. Auf die Probleme von Barcelona, Amsterdam und Venedig verwiesen mehrere Redner der städtischen Tourismus-Konferenz. Wenn Antalya nicht Opfer des Übertourismus werden wolle, müsse schleunigst etwas geschehen.