Sofie Geisel will als Oberbürgermeisterin lieber Moderatorin im Tübinger Rathaus sein als Talkshowgast im Fernsehen. Foto: dpa/Bernd Weißbrod

Alles blickt bei der Tübinger OB-Wahl auf den innergrünen Zweikampf. Dabei könnte die SPD-Frau Sofie Geisel dem Amtsinhaber ebenso gefährlich werden. Schon einmal zog er gegen sie den Kürzeren.

Boris Palmer hält Berlin bekanntlich für gescheitert. „Achtung, Sie verlassen den funktionierenden Teil Deutschlands!“ Das denke er jedes Mal, wenn er in der Hauptstadt aus dem Zug steige, hat er einmal gesagt. Eigentlich findet es Sofie Geisel ja „fast spießig,“ die geordneten Verhältnisse einer württembergischen Universitätsstadt mit einer Millionenmetropole zu vergleichen. „Berlin ist anders, und das ist auch gut so“, sagt sie. Da sie momentan aber häufig in umgekehrter Richtung, von ihrem Wohnort Berlin nach Tübingen, unterwegs ist, ist ihr auch etwas aufgefallen: die elektronischen Anzeigetafeln an den Bushaltestellen. „In Berlin funktionieren die“, stichelt sie. In Tübingen gebe es fast noch gar keine. Und das, obwohl hier seit 16 Jahren ein Grüner auf dem Oberbürgermeistersessel sitze.

 

Genau dies will Geisel ändern. Bei der OB-Wahl am 23. Oktober will sie Palmer sein Amt abjagen. Schon 150 Termine hat sie im Vorwahlkampf absolviert, und es gibt einige, die der 50-Jährigen trotz Berlin-Hypothek gute Chancen einräumen. Schließlich hat Palmer Konkurrenz aus der eigenen Partei. Deren Mitgliedschaft muss er nach einem Kompromiss im Parteiausschlussverfahren vorübergehend ruhen lassen. Die Grünen nominierten stattdessen die Ortsvorsteherin des Stadtteils Weilheim, Ulrike Baumgärtner, als ihre Kandidatin. „Die Grünen sind hier sehr mächtig, das merkt man“, sagt Sofie Geisel. Doch wenn zwei Grüne sich streiten, könnte sie, die SPD-Frau, die lachende Dritte sein.

Was machen CDU und FDP?

Die Unterstützung ihrer eigenen Partei hat sie jedenfalls schon einmal. Vor acht Jahren warben die Sozialdemokraten noch für eine Wiederwahl Palmers. Diesmal war „sehr klar, dass sie ihn nicht unterstützen wollen“, sagt Geisel. „Die Jungen schon gar nicht.“ Und so erreichte sie die Anfrage der Parteifreunde. Palmers Provokationen, die viele Grüne so ärgern, sind auch bei weiten Teilen der SPD nicht immer gut angekommen. Derweil hofft Geisel noch auf die Unterstützung aus anderen Parteien. Bisher haben CDU und FDP sich nicht positioniert.

Geisel stammt aus einem politischen Haus. Ihr Vater war 24 Jahre lang SPD-Landtagsabgeordneter in Aalen, ihr Bruder bis zu seiner Abwahl vor zwei Jahren OB in Düsseldorf. Sie selbst arbeitet als Mitglied der Hauptgeschäftsführung beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHT) in Berlin und ist dort für ein Tochterunternehmen mit 100 Mitarbeitern zuständig, das Betriebe beim Klimaschutz und bei der Gewinnung von Fachkräften unterstützt. In der Regel gehe es um Kooperationsprojekte zwischen Politik und Wirtschaft. „Ich weiß, was es heißt, öffentliches Geld auszugeben.“

Palmer spricht von einer „engen Freundin“

Pikant ist, dass sich Palmer und Geisel gut kennen. Schon einmal standen sie sich bei einer Tübinger OB-Wahl gegenüber, wenn auch nur in zweiter Reihe. 1998 war Geisel, die in Tübingen Volkswirtschaft, Politik, Geografie und Romanistik studiert hatte, Mitorganisatorin des Wahlkampfs der später siegreichen SPD-Kandidatin Brigitte Russ-Scherer. Palmer war Wahlkampfmanager beim knapp unterlegenen Grünen-Kandidaten Wolf-Dieter Hasenclever. „Da haben wir uns schätzen gelernt“, sagt Geisel. Dass Palmer die Konkurrentin ernst nimmt, zeigte seine erste Reaktion auf Facebook. Dort bezeichnete er sie als „enge Freundin“ und „kluge, gewinnende und erfahrene Persönlichkeit“. Er sei auf ihrer Hochzeit gewesen und habe sie natürlich auch zu seinem 50. Geburtstag eingeladen, den er Ende Mai feierte. „Ich hätte mir nie vorstellen können, dass ich in diesem Wahlkampf ausgerechnet auf sie treffen würde.“

Geisel und Palmers 50. Geburtstag

Fast scheint es, als empfinde er ihre Kandidatur als Verrat an einem langjährigen Freund. Ein wenig vergiftet sei das Lob schon gewesen, meint Geisel. Aber sie kann das auch: Palmer habe in Tübingen viel erreicht. Nach 16 Jahren sei es aber vielleicht auch Zeit für einen anderen Politikstil in der Stadt. Sie wolle als Oberbürgermeisterin lieber Moderatorin im Rathaus sein und nicht so sehr Talkshowgast im Fernsehen.

Zu Palmers 50. ist Geisel, die mit einem Orchesterflötisten verheiratet ist und drei Söhne im Alter von 17, 16 und 13 Jahren hat, übrigens nicht gegangen. Sie habe schon zu Jahresbeginn abgesagt. „Ich hielt es nicht für angebracht, dort aufzutauchen.“ Und was sagt Berlin? „Watt wollen Se denn da?“, habe die Frau vom Amt gefragt, als Geisel um eine Wählbarkeitsbescheinigung für die OB-Wahl in Tübingen bat. Dann aber habe sie prompt geliefert. Manches funktioniert in der Hauptstadt eben doch besser, als es Boris Palmer lieb sein kann.