Nicole Fritz verankert die Kunsthalle Tübingen bewusst auch in Stuttgart Foto: Steffen Schmid

Nicole Fritz sucht als Direktorin der Kunsthalle Tübingen offensiv den Schulterschluss – auch für die aktuelle Ausstellung „Congo Stars“. Weshalb? Die „Stuttgarter Nachrichten“ haben nachgefragt.

Stuttgart - Seit 2018 ist die 1969 geborene Kunsthistorikerin Nicole Fritz Direktorin der Kunsthalle Tübingen und hat das Ausstellungsforum wieder fest auf der überregionalen Kunstlandkarte positioniert.

Frau Fritz, mit dem Begleitprogramm für „Congo Stars“ sind Sie nicht nur in Tübingen aktiv. Sie greifen auch nach Stuttgart aus. Weshalb?

Ich finde es wichtig, dass wir Kunst aus einem afrikanischen Land heute nicht nur auf Augenhöhe ausstellen, sondern dem Publikum die Möglichkeit bieten, sich ein differenziertes Bild von Afrika zu machen. Es freut mich deshalb, dass Afrika und die Demokratische Republik Kongo in diesem Sommer noch an anderen Orten in der Metropolregion Stuttgart zentrales Thema sind – im Lindenmuseum, im Literaturhaus Stuttgart, aber auch im Hospitalhof.

Sie haben das Lindenmuseum angesprochen. Wie kann man sich diese Kooperation genau vorstellen?

Mit der Direktorin des Lindenmuseums Ines De Castro habe ich vereinbart, dass die Besucherinnen und Besucher mit ihrer Eintrittskarte von „Congo Stars“ ermäßigten Eintritt in die neue Lindenmuseum-Dauerausstellung „Wo ist Afrika?“ erhalten. Ines de Castro wird zudem bei unserem Projekt „Max Pechstein und der Tanz“ im Herbst das Thema der Palau-Reise von Max Pechstein aus ihrer Perspektive beleuchten.

Das Land schnürt ein umfangreiches Kultur­kooperationspaket mit Namibia. Sind Sie auch hier beteiligt?

Nein, das ist aber auch nicht verwunderlich. Es ist ja ein Novum, dass die Kunsthalle ­Tübingen ihr Programm auf ein außereuropäisches Land ausweitet. Ihren Schwerpunkt hatte sie bisher auf nationalen und europäischen Positionen der Kunst.

Werden Sie die Kooperationen mit Stuttgarter Einrichtungen auch bei anderen Projekten fortführen?

Ja, das habe ich bereits gleich bei meinem Amtsantritt getan. So sind wir als Kunsthalle Mitglied des Arbeitskreises Kunst geworden und haben den vom Arbeitskreis herausgegebenen Flyer mit der Kunsthalle damit um einen Ausstellungsort in der Region ergänzt. Wenn es sich thematisch ergibt, halte ich es für sehr sinnvoll, sich in der Region ­zusammenzuschließen.

Zurück zu „Congo Stars“: In einigen Medien war zu lesen, dass das alte Afrika-Kunst-Bild vom Tisch sei. Müssen Sie da – nach inzwischen mehr als 20 Jahren intensiver Rezeption afrikanischer Gegenwartskunst – nicht schmunzeln?

Ich glaube, man sollte Beobachtungen auf einer eher fachlichen Ebene nicht verall­gemeinern. Ehrlich gesagt, ich denke der Wunsch an einem klischeetierten Afrikabild festzuhalten und das Kunstschaffen als ­ethnisch authentisch und als Träger einer tieferen Humanität zu idealisieren, ist durch alle Bildungsschichten hindurch immer noch vorhanden.

Wie wird das für Sie deutlich?

Auf unsere Nachfrage, was die Besucher sich zu „Congo Stars“ als Artikel in unserem Shop wünschen, ­wurde die Bitte geäußert, doch auch Kunsthandwerk aus Afrika anzubieten. Diese Frage müssen wir ernst nehmen. Doch das afrikanische Kunstschaffen lässt sich schon lange nicht mehr einseitig auf eine „dritte Welt Bastelei“ reduzieren. Sehen muss man aber auch: Klischees von unberührten Landschaften und exotischen Tierwelten werden nicht selten auch von den Medien und der Tourismusindustrie unreflektiert weitertradiert.

Das Kunsthallen-Programm 2019 lässt sich als Fragen-Folge lesen. Mit Bettina Pousttchi geht es in den Stadtraum, mit „Comeback. Kunsthistorische Renaissancen“ in die Kreisläufe der Kunstgeschichte. Ist Kunst für Sie eine Möglichkeit, die Gegenwart besser zu verstehen?

Ja, für mich ist Kunst ein Erkenntnis­medium, mit dem wir gesellschaftliche ­Prozesse der Vergangenheit verstehen und soziale Gegenwart beeinflussen können. Um mit anderen Kulturen in Dialog treten zu können, bedarf es aber auch ein Wissen über die eigene Identität. Deshalb stelle ich in diesem Sommer den „Congo Stars“ ganz ­bewusst die Ausstellung „Comeback“ gegenüber. In auffälliger Weise aktualisiert eine jüngere Künstlergeneration die in den Meisterwerken gespeicherten Emotionen für die Gegenwart.

Mit welchem Ziel?

Die Künstlerinnen und Künstler halten so den Kontakt zu den eigenen Wurzeln aufrecht und tragen dazu bei, dass wir uns ­erneut mit dieser Vergangenheit auseinandersetzen.

Und an welchem Punkt des Kunstkreislaufs sehen Sie die Gegenwartskunst aktuell?

Die Gegenwartskunst ist so plural und ­in­dividualisiert wie unsere Gesellschaft selbst. Neben Kunst, die kunstimmanente Fragen weiterdenkt, interessiert mich immer auch gerade die Kunst besonders, die zur ­Partizipation und Kommunikation anregt und damit nicht zuletzt auch den Zusammenhalt der Gemeinschaft sichert.

Afrika in der Nahaufnahme

Kunsthalle Tübingen Die Kunsthalle präsentiert mit „Congo Stars“ bis zum 30. Juni eine Bestandsaufnahme der Kunst in der Demokratischen Republik Kongo seit 1960. www.kunsthalle-tuebingen.de

Ifa-Galerie Noch bis zum 23. März zeigt die Galerie im Institut für Auslandsbeziehungen (Charlottenplatz) die zu Recht hoch gelobte Ausstellung „Genesis [Je n’isi isi] – We live in Silence“ zum Werk des in Simbabwe geborenen Foto- und Medienkünstlers Kudzanai Chiurai. www.ifa.de

Linden-Museum Von diesem Samstag an zeigt das Linden-Museum in Stuttgart die neue Dauerausstellung zum Thema Afrika. „Wo ist Afrika?“ will „die alleinige Deutungshoheit des Museums hinterfragen“ und „Fragen an unser heutiges gesellschaftliches Zusammenleben stellen“. www.lindenmuseum.de

Literaturhaus Stuttgart Am 29. April eröffnet das Literaturhaus mit einer Diskussion eine Themenreihe zu Afrika. „Für eine neue Ethik der Beziehungen: Zur Rückgabe des afrikanischen Kulturerbes“ ist der Abend überschrieben. Unter den Gästen: Inés de Castro, Direktorin des Linden-Museums, und Petra Olschowski, Staatssekretärin im Wissenschaftsministerium des Landes. Mehr unter: www.literaturhaus-stuttgart.de.

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