Mit 98 Jahren ist er ein Star auf Social Media: Die Kunsthalle Tübingen zeigt die sinnliche Malerei des Amerikaners Alex Katz.
Wenn das Online-Infoportal Ad-Hoc-News Recht hat, könnte die neue Ausstellung in der Kunsthalle Tübingen ein wahrer Renner werden. Denn auf Social Media, heißt es in dem Online-Magazin, sei Alex Katz derzeit ein Star. Seine „perfekte Screenshot-Kunst“ sei „mega fotogen“ – „flach, knallig, direkt“. Und auch wenn der amerikanische Maler inzwischen stolze 98 Jahre alt ist, sei seine Kunst „Tiktok tauglicher denn je“.
Ob Hype oder nicht – sicher ist, dass die neue Tübinger Ausstellung „Dancing With Reality“ viele Menschen glücklich machen wird. Denn es ist eine wahre Sinnesfreude, was hier an den Wänden hängt: große Formate in oft frischen, satten Farben. Motive, die man sofort erkennt und deuten kann – ob es weiße Blüten sind, die auf knallgrünem Grund tanzen, oder ob eine Lady auf rosafarbenem Grund zu sehen ist. Selten kommt Malerei so freundlich und zupackend daher wie die dieses alten Herrn aus New York.
Große Formate in frischen, satten Farben
Die Direktorin Nicole Fritz zeigt neuere Arbeiten – und nicht die Werke, die Alex Katz in den 1970er Jahren berühmt machten: kühle, distanzierte Porträts und Partyszenen. Wie viele Künstler seiner Zeit war Katz fasziniert von der Ästhetik der Werbung und des Films. Er wollte keine Kunst, die abgehoben ist, sondern Teil der modernen Lebenswelt. Seine plakativen Motive und poppigen Farben machten ihn schon bald weltberühmt und auch für Sammler attraktiv – bis heute.
Auch wenn in Tübingen nun fast ausschließlich das Spätwerk des Seniors gezeigt wird, fühlt man sich sofort in die Jugend von Alex Katz versetzt, allein schon durch den Gute-Laune-Pop der Supremes, mit dem man in der Ausstellung empfangen wird. Zur Einführung erinnert ein kurzer Film an das amerikanische Lebensgefühl in den 1960er Jahren in Amerika. Ein Leben, das viel im öffentlichen Raum stattfand. Ob es die knallrote Coca-Cola-Werbung war, die an den Fassaden leuchtete, oder das Kino, das mit bunten Plakaten beworben wurde, allerorts zog Farbe ein, auch in der Mode der Frauen, deren fröhlich-farbigen Cocktailkleider eine ganz neue Körperlichkeit vermittelten.
Claire McCardell hat als eine der einflussreichsten US-Modedesignerinnen des 20. Jahrhunderts diesen „American Look“ erfunden und den Weg geebnet für eine neue Mode, die praktisch, schick und bezahlbar war. Alex Katz hat ihre Entwürfe in den vergangenen Jahren immer wieder nostalgisch zum Thema gemacht – allerdings sind die Figuren, die McCardells Kleider tragen, auf seinen Gemälden an den Rand gerückt. Sie scheinen förmlich aus dem Bild herauszulaufen, womit er Bewegung in seine an sich plakative Malerei bringt. Ein Effekt, den er auch bei dem Gesicht einer Frau erreicht: Er zeigt es drei Mal nebeneinander, zunächst mit geschlossenen Augen und Mund. Sie öffnen sich hin zu einem freundlichen Lächeln.
Dass die Malerei von Alex Katz Tiktok tauglich ist, liegt sicher daran, dass sie absolut oberflächlich ist. Selbst wenn er von einer Frau im Trenchcoat nur den Rücken zeigt, ist das kein Symbol für die Abkehr von der Welt, sondern einfach nur eine Person von hinten. Ob Alex Katz Gesichter oder die kargen Äste eines winterlichen Baums malt, so will er damit keine Fragen provozieren oder auf Dahinterliegendes verweisen, sondern verrät immer unmittelbar, dass es ihm allein um die sichtbare Welt geht. Er will auf die Dinge schauen – und nicht auf das, „was man denkt, was sie sind oder was sie bedeuten“, wie er einmal gesagt hat.
Harmonie und friedliche Ruhe
Das Sympathische an dieser Malerei ist, dass sie die Betrachter einbinden will. Deshalb hat Alex Katz zum Beispiel für Gras ein riesiges Format gewählt, sodass man meint, wie ein Käfer direkt zwischen den Halmen zu stehen. Auch bei seinen Landschaften – meist winterliche Wälder – ist ihm wichtig, dass sie „körperlich erfahrbar“ sind und die Betrachter förmlich umschließen, als sei man mittendrin.
Die Sinnlichkeit dieser Bilder vermittelt sich so ganz direkt – selbst wenn er schnöde Fassaden in New York malt. Seit den 1990er Jahren hat Katz sich verstärkt dem städtischen Umfeld gewidmet, aber nicht der Neonwerbung, den Pubs und Kinos, sondern den erleuchteten Fenstern der Häuser und den Spiegelungen und Reflexen der Lichter in der Nacht. Auch hier verbreitet sich auf Anhieb ein Gefühl von Harmonie und friedlicher Ruhe.
An Monets Seerosen versucht er sich schließlich doch
Perfekt geeignet für diese ansprechende Oberflächenmalerei ist auch Wasser, das Alex Katz immer wieder gemalt hat – mal mit köstlichen Spiegelungen, mal eher abstrakt als schwarze Flächen, über die weiße Schlieren vermutlich Schaumkronen andeuten.
Am wenigsten überzeugt das Motiv, an das er sich Jahrzehnte lang nicht traute – offenbar zu Recht: Seerosen. An seinem Zweitwohnsitz Maine erinnerten sie ihn immer wieder an Monets legendäre Gemälde. Deshalb habe er nie gewagt, sie zu malen – und tat es 2009 dann doch. Herausgekommen sind blauschwarze Flächen mit weißen Farbkreisen. Eine abstrakte Übersetzung für die Seerosen, die er fünfzig Jahre lang einfach nur angeschaut habe.
Klassische Technik für poppigen Look
Packpapier
Viele Maler arbeiten mit Projektionen, Alex Katz nicht. Für seinen riesigen Formate hat er Skizzen auf Packpapier gezeichnet, die Konturen perforiert und diese dann wie bei einem Schnittmuster auf die Leinwand übertragen.
Ausstellung
„Alex Katz. Dancing with Reality“. Kunsthalle Tübingen, bis 13. September. Geöffnet Di – So 11 bis 18 Uhr, Donnerstag 11 bis 19 Uhr.