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Nichts deutet am Morgen des 26. Dezember 2004 darauf hin, dass eine Katastrophe naht. An den Küsten des Indischen Ozeans zieht sich das Meer lautlos zurück - um dann mit umso größerer Zerstörungswut zurückzukommen.

Stuttgart - Das Grauen kommt auf leisen Sohlen: Nichts deutet am Morgen des 26. Dezember 2004 darauf hin, dass eine Katastrophe naht. An den Küsten des Indischen Ozeans zieht sich das Meer lautlos zurück - um dann mit umso größerer Zerstörungswut zurückzukommen. 230.000 Menschen sterben beim größten Tsunami seit Menschengedenken. Die Betroffenen müssen unermessliches Leid und Trauer erdulden, erfahren aber auch beispiellose Hilfsbereitschaft - wie unsere Bildergalerie anlässlich des fünften Jahrestags zeigt.

Tief unter dem Meeresboden vor Sumatra nimmt die Katastrophe am Morgen des 26. Dezember 2004 ihren Anfang. Die Eurasische und die Indisch-Australische Kontinentalplatte donnern um 7.58 Uhr Ortszeit (1.58 Uhr MEZ) mit unvorstellbarer Heftigkeit aufeinander. Die Wissenschaftler registrieren Erdstöße der Stärke 9,1 bis 9,3 auf der Richterskala – eines der schwersten jemals gemessenen Beben überhaupt. Gewaltige tektonische Kräfte lassen eine tiefe Verwerfung im Meeresboden aufbrechen. Der Indische Ozean gerät in Aufruhr. Es entsteht ein gefährliches Wassermonster – der Tsunami. Die Fischer vor der Küste Sumatras, die wie jeden Tag aufs Meer fahren, ahnen nichts von der tödlichen Bedrohung, die mit der Geschwindigkeit eines Düsenflugzeugs auf sie zurast. Sie werden von der Welle weggefegt und sterben.

Wenige Minuten später trifft der Tsunami aufs Land. Die Wassermassen rauschen über die Provinzhauptstadt Banda Aceh hinweg. Welche Wucht das Naturphänomen entwickelt, zeigt das Beispiel des Generatorenschiffs Apung 1. „Der 85 Meter lange, 32 Meter breite, drei Stockwerke hohe und Tausende Tonnen schwere Stahlkoloss wurde aus seiner Verankerung im Meer gerissen und wie ein Papierschiffchen fast zehn Kilometer ins Landesinnere getragen“, erläutert Ulrich Werner Schulze. Der Leipziger hat als Delegierter für das Deutsche Rote Kreuz in Banda Aceh gearbeitet. „Die Apung 1 steht immer noch da“, sagt er. Als Mahnmal. Mit der Gewalt einer Bombenexplosion zerstört die Flut innerhalb von Sekunden, was über Jahrzehnte aufgebaut wurde. Mehr als 170.000 Tote sind in der Region zu beklagen.

Der Tsunami hat längst nicht seine Kraft ausgehaucht, als er zwei Stunden später das Badeparadies Khao Lak heimsucht. Die Touristen, unter ihnen viele Deutsche, bestaunen das Spektakel, als sich das Meer zurückzieht. Sie können nicht wissen, dass dieses Phänomen charakteristisch für einen Tsunami ist. Die Monsterwelle holt Anlauf, dann kehrt sie umso brutaler zurück. Die meterhohen Wassertürme zermalmen alles, was sich ihnen in den Weg stellt: Hütten, Bäume, Autos, Hotelanlagen und Urlauber, die nicht ins Landesinnere geflüchtet sind. Der Tsunami sucht danach auch Indien, Sri Lanka, Birma, Madagaskar, Malaysia und Ostafrika heim: Nicht mehr so verheerend wie in Banda Aceh, aber noch mit genügend Kraft, um die Zahl der Toten auf mehr als 230.000 klettern zu lassen. Wie viele Verletzte es gibt, ist kaum zu benennen, die Zahl der Obdachlosen geht in die Millionen. Die Überlebenden sind nicht allein. In Rekordzeit kommen weltweit aus privaten Quellen sechs Milliarden Euro zusammen.

Wie sieht es im Dezember 2009 in Aceh aus, der am schwersten betroffenen Region? Maria Rüther, Pressesprecherin der Aktion Deutschland Hilft (ADH) aus Bonn, ist erst vor wenigen Tagen von dort zurückgekommen. Im Museum der Hauptstadt, das sie besuchte, dokumentieren drei mal drei Meter große Fotos das Ausmaß der Zerstörung. „Es sieht aus wie nach Hiroschima.“ Rüther hat einige der markanten Punkte auf den Bildern besucht. Alle Trümmer seien weggeräumt. „Es sind tatsächlich blühende Landschaften entstanden“, berichtet sie. „Vielen geht es heute besser als vor dem Tsunami.“ Die Leistung beim Wiederaufbau sei beeindruckend. „Fast 140.000 neue Häuser sind errichtet worden“, ergänzt der DRK-Delegierte Schulze. Viele Menschen, die vor dem Tsunami in Armut lebten, haben sich bescheidenen Wohlstand aufgebaut. Mit Mikrokrediten sind Tausende Kleinbetriebe unterstützt worden – Schreiner, Fischer, Bäckereien oder Nähereien. Auch das darnieder liegende Gesundheitssystem und die Wasserversorgung funktionieren wieder. Etwa 125 Millionen Euro standen dem Bündnis verschiedener Hilfsorganisation zur Verfügung. „Davon sind noch Restmittel von etwa 1,5 Millionen Euro übrig“, sagt Maria Rüther. Profitiert hat die ADH dabei von einer Ausnahmeregelung. Maximal zwei Jahre dürfen üblicherweise vergehen, bis Spenden in Katastrophengebieten investiert wurden.

Die Tsunami-Helfer hatten fünf Jahre Zeit. Der Tsunami hat für die Menschen seinen Schrecken verloren – aber die Bedrohung ist weiter existent. Sumatra ist eines der seismisch aktivsten Gebiete der Welt. Seebeben und Flutwellen sind jederzeit möglich. Ein Warnsystem soll künftig rechtzeitig Alarm schlagen. Nach der Katastrophe hatte sich die deutsche Regierung entschlossen, in Indonesien den Aufbau der modernen Technologie zu fördern – mit 45 Millionen Euro.

Bis zu hundert Experten aus Deutschland und Indonesien waren seit 2005 damit beschäftigt, die Idee in die Tat umzusetzen – unter Federführung des Geoforschungszentrums Potsdam. Wichtigste Komponenten des Systems sind Messbojen im Indischen Ozean. Drucksensoren und Unterwasserseismometer komplettieren das System.

Schwappt eine Riesenwelle über einen Messfühler, wird der hydrostatische Druck registriert. Der Sensor überträgt die Informationen an eine Boje, die alle Daten an einen Satelliten weitergibt. Mit Lichtgeschwindigkeit sausen die Informationen zu Rechenzentren in Potsdam und zum Institut für Meteorologie und Geophysik in Jakarta. In kürzester Zeit berechnen die Computer, ob Gefahr droht. Geschwindigkeit ist überlebenswichtig: Je schneller die Menschen informiert werden, desto mehr Zeit bleibt, sich in Sicherheit zu bringen.

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