Julian Nagelsmann gibt bei der TSG Hoffenheim die Richtung vor. Foto: Getty

Der Trainer Julian Nagelsmann durchlebt beim Fußball-Bundesligisten TSG Hoffenheim nach seinem steilen Aufstieg die erste Talsohle. Der Umgang damit hat ihn nachdenklicher gemacht – verbiegen lassen will er sich nicht.

Zuzenhausen/Stuttgart - Immerhin, Julian Nagelsmann (30) hat den Spaß an seinem Job noch nicht verloren. Das badische Derby gegen den SC Freiburg steht an, und der Trainer der TSG Hoffenheim sagt vor dem Duell am Samstag (15.30 Uhr): „Das Team und ich sind unfassbar geil aufs Gewinnen.“ Die Lust auf drei Punkte ist im Fußball schon mal keine schlechte Grundvoraussetzung – sie bekommt in Hoffenheim in diesen Tagen aber eine ganz spezielle Note. Denn gefühlt haben Nagelsmann und seine Jünger das Gewinnen verlernt.

„Die Lust auf Siege wird im Moment nicht oft gestillt“, sagt Nagelsmann dazu, und dabei schwingt auch ein bisschen Wehmut mit. Wehmut nach der glorreichen Zeit in der vergangenen Saison, als für ihn in Hoffenheim alles klappte. Der junge Emporkömmling der Trainergilde küsste einen ganzen Club wach, er führte ihn nach dem nicht mehr für möglich gehaltenen Klassenverbleib in der Spielzeit zuvor in die Qualifikation zur Champions League. Er war in der öffentlichen Wahrnehmung der Mann, der der nächste Coach des FC Bayern wird. Und irgendwann mal Bundestrainer. Joachim Löw brachte ihn schon mal als möglichen Nachfolger ins Spiel.

Der Emporkömmling ist hart gelandet – im Mittelmaß

Drunter wird es dieser Nagelsmann nicht mehr machen. Noch ein bisschen Hoffenheim, und dann ab in die internationale Spitze. Das schien der Weg zu sein für den jungen Aufsteiger, für den Heerscharen von Journalisten aus Spanien, Italien und England in den Kraichgau reisten. Sie berichteten hinterher über den Witz, den Charme, die Kompetenz, die natürliche Autorität und die ungewöhnliche Reife des Emporkömmlings. Nagelsmann flog hoch, und jeder wollte ihn begleiten. Nichts schien ihn aufhalten zu können.

Jetzt ist Julian Nagelsmann gelandet. Mitten im Mittelmaß.

Die TSG Hoffenheim belegt Platz neun. Acht Siege, sieben Remis, acht Niederlagen. Eine triste Bilanz. Obendrein erfolgte die Bruchlandung in der Europa League mit dem Aus in der Vorrunde.

Nagelsmann versucht den Rückschritt sachlich einzuordnen. „Wir haben in den zwei Jahren meiner Amtszeit alles erlebt“, sagt er, „von der Abstiegsangst bis zum größten Erfolg der Vereinsgeschichte. Jetzt bewegen wir uns im tabellarischen Mittelfeld.“

Spitzbübischer Humor und ironischer Unterton

Wenn man so will, hat Nagelsmann mit seinem kometenhaften Aufstieg die Grenzen selbst verschoben. Ein Platz im gesicherten Mittelfeld, also das, wonach sie sich bei der TSG Hoffenheim noch vor eineinhalb Jahren gesehnt haben, ist plötzlich nicht mehr gut genug. Und wie das im schnelllebigen Fußballzirkus oft so ist mit denen, die rasant nach oben kommen – wenn sie später auch nur ein Stück weit fallen, ist das, was vorher so toll war, plötzlich schlecht.

Der Charme, der Witz und seine Unbekümmertheit werden Nagelsmann nun oft als zu frech, als zu nassforsch und als zu unbedacht ausgelegt. Oder, wie es der Coach sagt: „Manchmal wird eine tendenziöse Meinungsmache betrieben, die Menschen kaputt machen kann.“ Seinen spitzbübischen Humor und den ironischen Unterton will sich Nagelsmann aber nicht nehmen lassen. Er will sich nicht verbiegen. „Wenn es so weit kommt, dann mache ich es nicht mehr, dann werde ich halt Skilehrer“, sagt er dazu.

Der Gaudibursche hat Lehrgeld bezahlt

Also gibt Nagelsmann weiter den Gaudiburschen und liefert Antworten wie diese, als er sich noch vor Wochen zu einer möglichen Tätigkeit beim FC Bayern äußern musste: „Ich bin mit Thomas Tuchel und Ralph Hasenhüttl im Austausch – wir einigen uns noch, wer Co-Trainer und wer Cheftrainer wird im nächsten Jahr.“

Es kommt aber mittlerweile auch oft vor, dass sich Nagelsmann selbst einbremst. Sätze, die er früher mit einem lockeren Spruch vervollständigt hätte, bricht er jetzt oft ab und sagt, dass er jetzt lieber nichts mehr dazu sagt, da er die mögliche Schlagzeile schon erahnen könne. Ein junger Mann zahlt Lehrgeld. Er will ganz bei sich bleiben, bei seiner Lockerheit. Gleichzeitig aber will er in sportlich schwierigen Zeiten weniger Angriffsfläche durch unbedachte Aussagen bieten. Es ist ein schwieriger Spagat.

2019 kann Julian Nagelsmann die TSG Hoffenheim dank einer Ausstiegsklausel verlassen

Vielleicht gehört all das ja dazu auf dem Weg zu einem internationalen Spitzentrainer. Sein erster sportlicher Rückschlag und der Umgang damit – das dürfte Nagelsmann prägen. Wo er sich in Zukunft sieht, ist für den Coach klar: „Mein Ziel ist es ins Champions-League-Finale zu kommen und es dann auch zu gewinnen“, sagt er gerne. Mit der TSG Hoffenheim wird er das nicht schaffen, regelmäßig verliert der Club seine besten Spieler – so wie vor dieser Saison, als unter anderen Sebastian Rudy und Niklas Süle zum FC Bayern wechselten, was im aktuellen Krisengerade oft untergeht. Vielleicht ist mit diesem Kader ja nicht mehr drin als der neunte Platz.

Der wiederum ist in der Wahrnehmung des FC Bayern nicht gut genug, weshalb Nagelsmann als möglicher Nachfolger von Jupp Heynckes zurzeit offenbar kein Thema mehr ist. Dennoch: 2019 kann Nagelsmann die TSG Hoffenheim dank einer Ausstiegsklausel verlassen – sollte er gestärkt aus der aktuellen Situation hervorgehen, dürften ihm im internationalen Spitzenfußball viele Türen offen stehen.

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