Trümmerfrauen der Kommunalpolitik Milchspeisung und Gleichberechtigung

Von Julia Vogler 

Sie gestalteten Politik und waren trotzdem ganz nah an den Bedürfnissen der Bevölkerung. Das ist das Ergebnis eines Forschungsprojekt über Trümmerfrauen in der Stuttgarter Kommunalpolitik der Nachkriegszeit. das Stadtarchiv zeigt eine Schau.

Stuttgart - Bilder von deutschen Frauen, die ärmlich bekleidet und abgemagert Trümmer des zweiten Weltkriegs wegräumen, Gebäude wieder aufbauen und überall kräftig mit anpacken, finden sich in jedem Geschichtsbuch. Dass die Frauen der Nachkriegszeit jedoch nicht nur Häuser, sondern auch die Politik wieder aufbauten, darauf macht derzeit eine ganz besondere Ausstellung aufmerksam: „Trümmerfrauen der Kommunalpolitik. Frauen im Stuttgarter Gemeinderat 1945 bis 1960“.

„Jede von uns hat auf ihre eigene Art und für sich gearbeitet“, sagt Annelie Wieland, die mit sieben Mitstreiterinnen von der Frauenakademie der Volkshochschule Stuttgart über die ersten Frauen im Stuttgarter Gemeinderat geforscht hat. 16 Politikerinnen galt es ein Gesicht, eine Stimme, eine Geschichte zu geben. Auf großen Tafeln prangen nun die Kurzbiografien und Portraits der Politikerinnen der ersten Stunde, eine Broschüre und Exponate des Archivs ergänzen die Ausstellung. Was als Forschungsseminar mit fünf Vormittagen begann, wuchs zu einer wahren Schatzsuche heran. Anderthalb Jahre lang erforschten Annelie Wieland, Sigrun Niederauer, Ute Blumenstock, Renate Schmid, Erika Herrmann, Silvia Dierolf und Elke Rautenberg unter der Leitung von Elisabeth Skrzypek das Leben der Frauen, die Stuttgarts Politik belebten.

Im Ausschuss für Soziales, Wohnen, Verwaltung, bei Gesundheits- und Schulwesen, bei Angelegenheiten der Wohlfahrt und der Krankenhäuser fanden sich die Trümmerfrauen der Kommunalpolitik. Sie verknüpften das Bestreiten des Alltags mit der Politik, leisteten quasi politische Sozialarbeit und ermutigten Frauen dazu, sich Gehör zu verschaffen. So kämpfte die Ärztin Ilse Reinhardt nicht nur für die Ausbildung von Frauen im Fachbereich Medizin und Pflege, sondern bemühte sich außerdem um sozial schwache Menschen.

Bundesverdienstkreuz dank Engagement

Pfarrfrau Elisabeth Daur engagierte sich mit Herzblut in der Friedensbewegung und war Mitbegründerin des Möhringer Frauenkreises. . Emmy Diemer-Nicolaus, Rechtsanwältin, sorgte ihrerseits dafür, dass das Neue Schloss nach dem Krieg wieder aufgebaut wurde und kämpfte mit harten Bandagen für die Gleichheit von Männer und Frauen, die schließlich ins Grundgesetz aufgenommen wurde. Acht der 16 Nachkriegspolitikerinnen aus dem Stuttgarter Gemeinderat bekamen für ihr Engagement das Bundesverdienstkreuz verliehen.

Was die Forscherinnen besonders an ihren Trümmerfrauen faszinierte? Dass sie trotz politischer Karriere nah an den Bedürfnissen der Stuttgarter waren. „Die Gemeinderätinnen organisierten Milchspeisungen und Freitische für die Kinder, denn der Hunger war auch nach dem Krieg allgegenwärtig“, berichtet Silvia Dierolf, die Texte zu Anna Herrigel, Elsa Koch und Elisabeth Weber verfasste. Begonnen hat ihre Forschung im Stadtarchiv, als sie Zeitungsartikel und andere Dokumente durchforstete. Die richtige Arbeit begann jedoch erst nach der Zeit im Archiv: „Ich habe mich richtig reingekniet und Leute gesucht, die meine Gemeinderätinnen kannten“.

Während Personalakten und Nachfahren wichtige Hinweise zum Leben einiger Nachkriegspolitikerinnen wie Elsa Koch zu Tage förderten, fand sich bei anderen – wie beispielsweise bei Elisabeth Weber, die zwölf Jahre lang im Gemeinderat saß, – kaum mehr als ein Name und die Berufsbezeichnung. „Es war oft nicht einfach etwas herauszufinden, wenn die Frauen alleinstehend oder kaum öffentlich vermerkt waren“, bedauert Erika Herrmann. Dennoch habe es ihr großen Spaß gemacht, die Arbeit im Archiv kennenzulernen. Kursleiterin und Historikerin Elisabeth Skrzypek zeigt sich zufrieden: „Das Aufbereiten und Verfassen der Texte war viel Arbeit, aber es ist toll zu sehen, wie das Projekt bei den Frauen angekommen ist.“ Einige Forscherinnen wollten sogar weiter recherchieren und meterlange Sitzungsprotokolle nach Beiträgen durchforsten, um ein noch genaueres Bild der Politikerinnen zeichnen zu können.

Auch auf Seiten des Archivs freut man sich über die gelungene Zusammenarbeit: „Ich würde so ein Projekt jederzeit wieder begleiten“, sagt Jürgen Lotterer, der beim Stadtarchiv Bildungsarbeit mit Gruppen betreibt. Er versteht sich als Wegweiser und schaffte den Zugang zu den Informationen, auf denen die Ausstellung basiert: „Ich habe den Überblick über etwa zehn Regalkilometer an Beständen, was die Forscher mit den Informationen machen, entscheiden sie selbst“, meint er bescheiden. Auch die Ergänzungen in den Vitrinen sind sein Werk. Dass die Ausstellung nicht nur im Stadtarchiv, sondern auch im Rathaus und in anderen Stadtteilen gezeigt werden soll, macht ihn besonders stolz.

Schau wandert ins Rathaus

Die Ausstellung „Trümmerfrauen der Kommunalpolitik. Frauen im Stuttgarter Gemeinderat 1945 bis 1960“ ist noch bis zum 16. März, jeweils montags von neun bis 13 Uhr, Dienstag bis Freitag von neun bis 16 Uhr und mittwochs bis 18 Uhr, im Foyer des Stadtarchivs, Bellingweg 21, zu sehen.Der Eintritt ist frei.

Ab dem 10. April finden Interessierte die Exponate im Stuttgarter Rathaus.

 

 

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