Die Gentlemen-Räuber betreten eine der Banken, die sie überfallen haben. Foto: dpa/Polizei

Ihr Sohn ahnte nichts, die Nachbarn auch nicht: ein Ehepaar aus Tschechien hat 15 Jahre lang Banken in Baden-Württemberg und der Pfalz überfallen. [Plus-Archiv]

Karlsruhe - Gleich springt die Weihnachtsbeleuchtung an. Ein Mann und eine Frau laufen aus der Volksbank und eilen über die Straßenbahngleise. Ein Polizeiwagen hält neben ihnen. Doch Jaroslav will nicht reden. Er zieht seine Ceska aus dem Gürtel und eröffnet das Feuer. Völlig unvermittelt.

 

Die junge Polizeibeamtin – mittlerweile aus dem Wagen gestiegen – stürzt, ihr Kollege schießt zurück. Jaroslav wird von mehreren Kugeln getroffen. Als sein schwerer Körper auf den Asphalt kracht, fällt noch ein Schuss. Ruzena, Jaroslavs Begleiterin, hat sich ihre Waffe in den Mund gesteckt und abgedrückt.

Zwei Millionen Euro Beute in 15 Jahren

Der 10. Dezember 2010 markiert das blutige Ende einer der längsten Bankraubserien in Südwestdeutschland. 15 Jahre lang haben die Täter Volksbanken und Sparkassen in Nordbaden und der Südpfalz überfallen. Fast zwei Millionen Euro sollen sie in dieser Zeit erbeutet haben.

Lesen Sie aus unserem Angebot: Kehrt Yvans Mörder irgendwann zurück?

Jetzt liegen die Beiden, die sich als tschechisches Ehepaar entpuppen – 40 und 38 Jahre alt –, auf dem Gehweg am Karlsruher Karlstor, unmittelbar neben dem Zaun des Bundesgerichtshofs. Die kurz darauf eintreffenden Sanitäter können nichts mehr für sie tun. Die Polizistin überlebt mit einem Beindurchschuss.

Noch am selben Abend geht die Meldung über den Ticker: Es handele sich bei dem Paar offenbar um die berüchtigten „Gentlemen-Räuber“. Den Ehrentitel hat nicht der Boulevard erfunden, sondern wurde von der Polizei selbst verliehen: weil die Täter auffallend ruhig auftraten und einmal sogar einen mitgenommenen Autoschlüssel an den Filialleiter zurückschickten.

„Auch wenn Sie es nicht glauben, Sie taten uns sehr leid“

Später wollte die Polizei von dem Ehrentitel nichts mehr wissen. Es handele sich nicht um Gentlemen, sondern um Schwerkriminelle, die gnadenlos von der Schusswaffe Gebrauch machten – wie sich aber erst am Schluss zeigte – und die die überfallenen Bankmitarbeiter in Angst und Schrecken versetzten. Aber da war der Name schon in der Welt.

Lesen Sie aus unserem Angebot: Die quälend lange Suche nach Tobias’ Mörder

Marianne Paschkewitz-Kloß ist bei der Durchsicht der meterlangen Ermittlungsakten auf das Entschuldigungsschreiben gestoßen. Es ist eine handelsübliche Karte mit einem Comic auf der Vorderseite. „Sorry, das mit dem Schlüssel war ein Fehler. Auch wenn Sie es nicht glauben, Sie taten uns sehr leid“, wird darin in handgeschriebener Druckschrift beteuert.

Im November 2010 war die freie Journalistin von der Redaktion der Badischen Neuesten Nachrichten (BNN) in Karlsruhe damit beauftragt worden, den aktuellen Sachstand zu den Gentlemen-Räubern zusammenzuschreiben. Kurz darauf kam das dramatische Ende. „Das hat mich aufgewühlt“, sagt sie.

Gibt es einen dritten Täter?

Längst ist die heute 66-Jährige die Spezialistin für den Fall. „Dadurch, dass es keinen Prozess gab, ist vieles unklar geblieben“, sagt Paschkewitz-Kloß. Wieso tappte die Polizei 15 Jahre lang im Dunkeln? Wieso halfen die Bilder aus den Überwachungskameras der Banken trotz bescheidener Maskierung kaum weiter? Wie gelang es, manche Banken sogar mehrfach zu überfallen? Und was ist mit einem zwischenzeitlich gesuchten dritten Täter, der vor allem bei einigen Überfällen in der Anfangsphase dabei gewesen sein soll?

Die Journalistin machte sich selbst auf die Spurensuche. Sie durchackerte Ermittlungsakten, recherchierte in der südböhmischen Heimat des Paares und verwob Fakten und Fiktion zu einem spannenden Kriminalroman, der unter dem Titel „Die Gentlemen-Räuber“ bei Lindemanns erschienen ist.

Hauskauf mit Bankraub finanziert

Abseits der Fiktion lässt sich Folgendes festhalten: Das Paar lebte äußerst zurückgezogen in einem kleinen Haus, das es sich 1999 nach einem einträglichen Raubzug für 21 000 Euro gekauft hatte. Ansonsten liebte es Tiere und spendete viel. Selbst der 2010 gerade 18 Jahre alt gewordene Sohn des Paares ahnte nichts vom Doppelleben. Im Dorf hieß es, der Mann sei Broker. Doch von dieser Welt hatten die wenigsten in dem kleinen tschechischen Nest eine Ahnung.

Lesen Sie aus unserem Angebot: Mordfall Maria Bögerl – Warum ist die Tat ungeklärt?

Die Beute dürften die Beiden verbraucht haben. Wenn Konten und Kassen leer waren, nahmen sie sich mit ihrem letzten Geld einen Mietwagen und fuhren nach Nordbaden, wo der Mann – unter deutschem Namen – aufgewachsen war. Dann überfielen sie kleine Volksbanken oder Sparkassen meist in Vororten, die sie in der Regel kurz vor Schließung betraten.

Führte Wandel im Bankensektor zu anderem Überfallsplan?

Warum sie bei ihrem letzten Raubzug aus diesem Muster ausbrachen und eine Innenstadtfiliale überfielen, dürfte mit dem allgemeinen Wandel im Bankensektor zu tun haben: Es gibt immer weniger Filialen mit immer höheren Sicherheitsvorkehrungen, in denen immer weniger Bares zu holen ist.

Letztlich bleibt das aber Spekulation. Unklar ist auch, was aus dem dritten Täter wurde. Vor allem in den ersten Jahren war immer wieder von zwei Männern die Rede gewesen. 1999 sollen es dann drei Täter gewesen sein. Einen Verdächtigen hatte die Polizei zwischenzeitlich im Auge. Es handele sich um einen Mann, der im Ausland wegen Betäubungsmitteldelikten in Haft sitze, berichtete 2011 die BNN. Doch die Beweise reichten nicht aus. 2013 wurde das Verfahren aus Mangel an Beweisen gegen ihn eingestellt. Sollten neue Erkenntnisse auftauchen, könne der Fall jederzeit wieder aufgenommen werden, sagte ein Sprecher der Karlsruher Polizei. Allerdings tickt die Uhr. Noch in diesem Jahr wird auch die letzte Tat, an der der Unbekannte beteiligt war, verjähren.

Dieser Text erschien erstmals am 20.01.2022.