PCR-Tests gibt es nicht erst seit Corona. Schon 1996 kam ein solcher Test in Stuttgart zum Einsatz, revolutionierte die Polizeiarbeit und half bei der Lösung eines Mordfalls. [Plus-Archiv]
Mit einer Aktentasche in der Hand begibt sich Momcilo B. von der obersten Wohnung hinunter zur Haustür. Vor einer Woche ist der 37-jährige Bosnier von einem Bekannten in diesem Haus an der Fangelsbachstraße in Stuttgart-Süd einquartiert worden. Der Bekannte wohnt selbst in dem Hinterhof-Haus, düster und eingeklemmt in einem Quartierzwischen einer großen Stuttgarter Brauerei und dem Österreichischem Platz. Es ist der 31. Oktober 1996, kurz nach acht, und Momcilo B. ist auf dem Weg zu einem Mann, dem er einen gebrauchten Golf abkaufen will.
Momcilo B. ist ein Autohändler aus Belgrad, der Gebrauchtwagen aus Deutschland ins einstige Jugoslawien überführt und dort verkauft. Doch der Mann, der dazu um 8.07 Uhr noch ein letztes Telefongespräch geführt hat, wird nicht einmal mehr die Haustür erreichen.
Ein Knall, ein Poltern, ein Toter
Ein Pärchen, das im zweiten Stock wohnt, hört einen Knall. Und dann ein lautes Poltern im Treppenhaus. Erst habe er gar nicht begriffen, was das vorgefallen sein musste, sagt der junge Mann einem Reporter. Zunächst auch nicht, als ein Nachbar geklingelt und ihn gebeten habe, die Polizei zu rufen. Doch bald sei ihm das klar geworden: „Dass in diesem Moment, nur wenige Meter von mir entfernt, ein Mensch sterben musste.“
Das Paar hat den Toten nahe der Hauseingangstür gesehen, am Fuß der Treppe, zusammengekrümmt, eine Pistole neben ihm, auch eine Aktentasche, weiter oben eine Patronenhülse, an der Wand Blut. Die junge Frau sagt später, dass sie noch einmal hinauf zu ihrer Wohnung gerannt sei, um eine Decke zu holen. Der Nachbar aus dem ersten Stock sei danach noch immer wie erstarrt auf demselben Fleck gestanden. Aber die Lage der Aktentasche sei irgendwie verändert gewesen. Sie wundert sich, warum der Nachbar aus dem ersten Stock vehement erklärt habe, dass da irgendjemand von außen reingekommen sein müsse und seinen Freund erschossen habe.
War es etwa die Jugoslawien-Mafia?
Ein Anwohner ein paar Häuser weiter findet diesen Bewohner ebenfalls suspekt. Das sei ein kroatischer Frührentner, sagt er, der handle ebenfalls mit Autos im einstigen Jugoslawien und drehe bestimmt krumme Dinger. Doch der 46-Jährige beteuert seine Unschuld: Momcilo B. sei ihm wie ein Bruder gewesen. Er habe ihn für ein paar Tage in der obersten Wohnung einquartiert, deren Bewohner gerade nicht da sein, und ihm sogar noch mit einem Darlehen von 50 000 Mark (25 600 Euro) aushelfen wollen. Vielleicht habe das Opfer ja Verbindungen zur Jugoslawien-Mafia gehabt. Ein Albaner soll am Morgen angerufen und Drohungen ausgestoßen haben, gibt der 46-Jährige zu Protokoll.
Für die Sonderkommission „Autohändler“ sind die Aussagen zwar suspekt. Die Beweislage ist aber dünn. Theoretisch wäre sogar ein Suizid nicht ausgeschlossen. Die Schusswaffe muss aufgesetzt gewesen sein, die Kugel drang von links hinten in den Kopf ein und blieb im Frontallappen rechts stecken. Die Waffe ist eine Beretta 6,35mm, Modell 950B. Klein und tödlich. Der Tote hat mehrere passende Patronen in seiner Jackentasche. Sehr seltsam.
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Die Ermittler nehmen den 46-Jährigen ein paar Tage später fest. Er sei doch unschuldig, sagt er. Er habe den Toten nicht angefasst, die Pistole kenne er nicht. Ein Richter erlässt dennoch Haftbefehl. Der dringende Tatverdacht und die Verdunklungsgefahr sind als Haftgründe durchaus gegeben. Doch wie gut ist die Beweislage für eine Verurteilung? Die Indizien sind dünn.
Und die Kriminaltechniker müssen die Soko enttäuschen. Man hat zwar die Tatwaffe, aber verräterische Fingerspuren sind darauf nicht zu finden. Das ist auf der unregelmäßigen Oberfläche der Griffschalen mit vielen Riffelungen und Vertiefungen samt Ölfilm schlicht unmöglich. Wegen des aufgesetzten Schusses hat es nicht einmal größere Schmauchspuren gegeben, die den Täter verraten könnten.
Mit der Beretta wurde geschossen, sie ist die Tatwaffe - doch wer sie abgefeuert hat, bleibt unklar. Könnte man denn wenigstens feststellen, wer sie angefasst hat?
Das Zauberwort heißt PCR-Verfahren
„Dieser Fall ist ein weiterer Meilenstein der Kriminaltechnik gewesen“, sagt Werner Pflug, Pionier der DNA-Analyse beim baden-württembergischen Landeskriminalamt. Der Mikrobiologe ist heute 72 Jahre alt, im Ruhestand - doch der Mord ist ihm noch in lebendiger Erinnerung. Denn es ging damals um nichts weniger als um die Frage: Kann man mit winzigsten Hautspuren die Besitzverhältnisse auf Gegenständen nachweisen? Auf Uhren, auf Brillen - auf Schusswaffen? Den Durchbruch schafft ein PCR-Test. Ein Begriff, der im heutigen Coronazeitalter einen großen Bekanntheitsgrad erlangt hat.
PCR, die Polymerase-Ketten-Reaktion, die millionenfache Vervielfältigung von DNA-Basenpaarabschnitten im Reagenzglas, war in den 1990ern gerade dabei, die DNA-Analyse der Kriminaltechnik zu revolutionieren. Mit den unzähligen Kopien der Bruchstücke brauchten die Wissenschaftler um Werner Pflug keine größere Mengen an Tätersekreten mehr. Statt reichlich Blut, Speichel oder Sperma reichten nun winzigste Spuren von Hautzellen aus. Doch wie winzig? „Unter einer Stereolupe mit 80-facher Vergrößerung“, sagt Pflug, „da wird die Kerbe in einer Schraube zu einer Landschaft mit tiefen Tälern und hohen Bergen.“
Und mittendrin: Dreck. Ein dünner, gelblich-brauner, talgartiger Belag. Durchsetzt mit Hautpartikeln, mit Resten von DNA. Doch kaum zu fassen: „Leider hatten auch noch vier Beamte die Waffe beim Beschuss in der Hand, ohne Einweghandschuhe“, seufzt der DNA-Experte.
Wahrscheinlichkeit von eins zu 55 Milliarden
Pflugs Mitarbeiterinnen im Labor sichern neun Spuren. Und bei dreien – in Griffschalen und am Magazinboden – sind bis zu sechs unterschiedliche PCR-Merkmale nachweisbar. Die vier Beamten sind es nicht, auch nicht das Opfer Momcilo B., was die Suizid-Theorie ausschließt. Dann wird für den Vergleich vom beschuldigten 46-Jährigen Blut abgenommen. Der Mann schimpft, behauptet, dass man die Pistole nun mit seinem Blut verschmiere, um ihm den Mord anzuhängen. Die Kripo bleibt gelassen. Denn Pflugs DNA-Ergebnisse liegen ja schon vor.
Bei der Spur am Magazinboden beträgt die Übereinstimmung statistisch eins zu 55 Milliarden. So viele Erdbewohner gibt es nicht einmal. Für einen, der die Waffe angeblich nicht kennt, hat der 46-Jährige sie doch ziemlich gründlich angefasst. Er ist der Besitzer. „Damit haben wir noch einmal ein echt großes neues Fass aufgemacht“, sagt Werner Pflug, der in seinem Buch „Verräterische Gene“ (ISBN 978-3-7543-9917-0) noch weitere Einblicke in die Welt des genetischen Fingerabdrucksgibt.
So unschuldig wie der Richter?
Vor der 9. Schwurgerichtskammer des Stuttgarter Landgerichts beteuert der inzwischen 47-jährige Angeklagte seine Unschuld. Er gibt sich gebrechlich, lässt sich im Rollstuhl vorfahren. So einer ist doch kein Mörder, soll das wohl heißen. Doch es gibt weitere Indizien. Die Lage der ausgeworfenen Patronenhülse und der liegenden Pistole passten nicht zusammen. Die Besitztümer des Opfers in der Jacke, 2000 Schweizer Franken, Schlüsselbunde und Busfahrschein, wurden ausgerechnet beim Angeklagten gefunden, der die Leiche nicht berührt haben wollte.
Das Motiv bleibt unklar. Es wird vermutet, dass Momcilo B. den Stuttgarter Frührentner bei den gemeinsamen Gebrauchtwagengeschäften ausgenutzt und ausgebootet haben könnte. Oder dass er das so empfunden hatte. Doch bis zum Schluss beteuert der Angeklagte: „Ich trage genauso wenig Schuld an der Tat wie der Vorsitzende Richter.“ Im September 1997 lautet das Urteil der Kammer unter dem Vorsitz von Martin Krause dennoch auf lebenslänglich. Eine DNA-Spur des Richters an der Waffe – danach hätte selbst ein Werner Pflug vergebens gesucht.
Dieser Text erschien erstmals am 01.04.2022.