Der Ermittler zeigt eine Waffe und Frauenperücke der Serienbankräuber, die 2003 gefasst wurden. Foto: Kraufmann/Susanne Ker/n; Polizei (2)

Der lange Dünne mit Perücke und der dicke Dunkelhaarige erbeuten Millionen - Eine längsten und spektakulärsten Bankraubserien hält über acht Jahre Polizei und Banken im Südwesten in Atem.

Stuttgart - Das ist nicht irgendeine Stuttgarter Bankfiliale, die da Schauplatz eines bewaffneten Überfalls wird. Es ist gewissermaßen meine! Als Bankkunde bekommt man schon eine andere Beziehung zu der Beute, die ein Duo am 15. September 2000 beim Überfall auf die Filderbank in Stuttgart-Plieningen aus dem Tresor mitgehen ließ. 338 000 D-Mark, umgerechnet 173 000 Euro. Was davon gehörte zum eigenen Ersparten? Kein Zweifel: Diese Tat muss man schon irgendwie persönlich nehmen. Dabei ist dieser Coup nur ein kleiner Teil einer unglaublichen Bankraubserie, eine der längsten und spektakulärsten in der Republik.

 

Eingesperrt im Keller

Einer der Täter trägt eine Frauenperücke. Er ist aber nicht zu Scherzen aufgelegt, das ist so eindeutig wie die Schusswaffe, mit der er eine 41-jährige Bankmitarbeiterin bedroht. Die spätere Filialleiterin erinnert sich noch Jahre danach an ganz andere Merkmale: „Diese markante Nase, das markante Kinn, diese stechend blauen Augen, das kann man nicht vergessen“, sagt sie. Im Keller hatte sie an jenem Freitagmittag das Geld aus dem Tresor rausrücken müssen, dann wurde sie mit zwei Kollegen in einen fensterlosen Kellerraum eingesperrt. Nicht alle hatten das psychisch gut verkraftet. Auch sie sei nach dem Banküberfall „viel vorsichtiger, viel bewusster, viel wachsamer“ geworden.

Befreit werden sie vom damaligen Filialleiter, den die Täter in seinem Büro übersehen hatten. Der schlanke Perückenmann mit der langen Nase und der dunkelhaarige Dicke flüchten mit einem silberfarbenen Audi A6, der ein paar Straßen entfernt geparkt ist. Eine Ringfahndung der Polizei bleibt erfolglos. Fast jedenfalls.

Die Liste wird immer länger

Nach Plieningen ist erst einmal Pause. Die Ermittler des Raubdezernats stellen fest, dass sie es wohl mit einem eingespielten Duo zu tun haben. Sechs Monate vor Stuttgart haben zwei Maskierte eine Volksbankfiliale in Calw-Stammheim überfallen. Auch um 12.30 Uhr. Und auch hier wurden die Opfer im Keller eingesperrt. Alles Zufall? Die Beute von 180 000 Mark, heute wären das 92 000 Euro, hat ihnen jedenfalls nicht lange gereicht.

Die Beamten blicken auf eine lange Liste ähnlicher Überfälle. 800 000 Mark Beute. Wellendingen (Kreis Rottweil), Roigheim und Eppingen (Kreis Heilbronn). Fluorn und Sulz (Kreis Rottweil), Hattenhofen (Kreis Göppingen), Gondelsheim (Kreis Karlsruhe). Immer ein Duo, immer mittags, stets Opfer, die im Keller oder im Tresorraum eingesperrt werden.

Und fast immer schlägt’s 12.30 Uhr

Die Pause dauert vier Monate, und man kann fast die Uhr danach stellen: Wieder ist es 12.30 Uhr, als die Räuber erneut zuschlagen. Am 17. Januar 2001 stürmen sie in Leutenbach-Weiler im Rems-Murr-Kreis die dortige Volksbank-Filiale. Ein schlaksiger Mann mit Frauenperücke, Doris Day lässt grüßen, lange Nase, scheinbar schielendes Auge, springt über den Tresen, hält einem jungen Angestellten eine Schusswaffe an den Kopf. Ab in den Tresorraum! „Mach jetzt auf, oder ich knall dich ab!“ In Leutenbach werden 276 000 Mark erbeutet, umgerechnet 141 000 Euro.

Ein Raubzug des Schreckens. Bei der für Württemberg zuständigen Landespolizeidirektion wird im Februar 2001 die Ermittlungsgruppe Volksbank gebildet. Ermittlungsleiter Roland Fritscher und seine Männer puzzeln erst einmal die Vorlieben des Gangsterduos zusammen. Im Visier stehen Volksbankfilialen, möglichst ländlich, höchstens 15 Kilometer von der Autobahn entfernt, keine Polizeidienststelle in der Nähe, wenige Angestellte, bevorzugte Tatzeit 12.30 Uhr, keine Polizeidienststelle in der Nähe. Ein Täter springt über den Tresen zu den Angestellten, der andere sichert ab. Der Fluchtwagen steht in etwas weiterer Entfernung, um nicht aufzufallen.

275 Banken droht der nächste Überfall

Welche Volksbank wird die nächste sein? Wie soll man 275 potenzielle Tatorte überwachen? Die Beamten liegen acht Wochen vor 146 Banken auf der Lauer. Vergebens. Das Duo lässt sie schmoren. Und dreht den Ermittlern eine lange Nase: Im Jahr 2001 folgen noch Eschelbronn (Rhein-Neckar-Kreis), Lindenfels (Kreis Bergstraße, Hessen), Flein-Talheim (Kreis Heilbronn), Wallhausen (Kreis Schwäbisch Hall) - weitere 646 000 Mark Beute. Diesmal sprechen sich die Täter mit „Klaus“ und „Toni“ an.

Die Ermittlungsgruppe stellt außerdem fest, dass die Serie bereits Mitte Juni 1995 begonnen haben muss - mit vier Überfällen in Sachsen. Am Tatort in Wallhausen wird ein silberfarbener Audi A6 von Zeugen bemerkt. „Der war auch schon in Plieningen im Einsatz“, sagt Fritscher. Er muss 2002 noch zwei Überfälle in Oberboihingen (Kreis Esslingen) mit 245 000 Euro und Obersontheim (Kreis Schwäbisch Hall) mit 206 000 Euro Beute hinnehmen - ehe es eine heiße Spur gibt.

Ein Spaziergänger wird zum Glücksfall

Vor dem Überfall in Obersontheim am 10. Oktober 2002 fällt einem Spaziergänger an einer Bushaltestelle ein BMW mit Berliner Kennzeichen auf. Der Zeuge ist wegen Tötungsdelikten an Kindern sensibiliert und schreibt daher das fremde Kennzeichen vorsorglich auf. Für Fritschers Leute ein Glücksfall. Der Halter des BMW ist ein Mann, der auch schon auf der Plieninger Liste aufgetaucht war, als man 1500 Halter von silbernen Audi A6 mit passenden Teilkennzeichen aus einer Datenbank gezogen hatte.

Der Verdächtige hat BMW, Porsche und Harley zeitnah nach den Überfällen gekauft – in bar. Und er mietete Fahrzeuge, die zeitlich und vom Typ zu den jeweiligen Überfallterminen passten. Wenn das nicht passt!

Die Ermittler hören heimlich mit

Doch der Verdächtige lebt im Ausland, hat in Berlin nur einen Scheinwohnsitz. Einst betrieb er eine Versicherungsmaklerfirma in Leonberg, versuchte sich später als Systemgastronom in Sachsen. Die Ermittler sind elektrisiert, als der Mann im Januar 2003 nach Deutschland einreist. Ist er der dunkelhaarige Dicke?

Die Fahnder starten das, was als Telekommunikationsüberwachung bezeichnet wird. Und lauschen mit, als wohl der nächste Coup – die Täter nennen es „Geschäft“ – geplant wird. Dabei nimmt der Verdächtige Kontakt mit einem Mann auf, bei dem es sich womöglich um den langen Dünnen mit dem Frauenperückentick handelt. „Und dann sind wir fürchterlich erschrocken“, sagt Fritscher: „Die haben sich gesiezt!“ Nach 21 Überfällen binnen acht Jahren immer noch per Sie?

Herr T. und Herr B., die Geschäftspartner

Herr T. (42) und Herr B. (38) werden am 30. Januar 2003 in einem Hotel im hessischen Offenbach festgenommen. Herr B. ist der mit der Perücke, und seine Karriere als Bankräuber hat schon als 19-Jähriger begonnen. Zeitweise, wohl bis 1994, war der lange Dünne ein Mitarbeiter von Herrn T., als Verkäufer von Anlagepapieren nach dem Schneeballsystem. Die Wege trennten sich, bis sie 1995 in Sachsen wieder zueinander fanden. Und den Bankraub als „Geschäft“ entdeckten. Von den Millionen ist nichts übrig geblieben. 3,6 Millionen Mark, umgerechnet 1,8 Millionen Euro! Herr T. kaufte damit vor allem teure Autos, Herr B. behielt den Anschein mit Schmuck und schönen Möbeln eines angeblich erfolgreichen Immobilienfondsmaklers.

Noch eine persönliche Überraschung

Herr B. ist damit stets unscheinbar geblieben. Auf den Phantombildern und Fotos der Überwachungskameras mit seiner Frauenperücke wäre er wohl nie erkannt worden. Auch nicht von einer Star-Tänzerin des Stuttgarter Balletts. Die erfährt erst nach der Festnahme, dass ihr einstiger Nachbar im Mehrfamilienhaus in Vaihingen ein Serienbankräuber gewesen ist. Der war doch so unauffällig und zurückhaltend! „Mit diesem Mann“, sagt sie, „hätte ich das nicht in Verbindung gebracht.“

Die Bankräuber werden vom Stuttgarter Landgericht zu 14 Jahren Haft verurteilt. Die von der Staatsanwaltschaft geforderte Sicherungsverwahrung bleibt ihnen im Urteil aber erspart.

Banküberfälle – gestern und heute...

Heute scheinen Banküberfälle, einst Klassiker der Kriminalgeschichte, fast wie ausgestorben. Im Jahr 2001, also vor 20 Jahren, hatte es in Deutschland noch knapp 700 Raubüberfälle auf Bankinstitute gegeben. 2020 sind es nur noch 58. Die Methoden haben sich gewandelt: An das große Geld versuchen die heutigen Täter auf andere brutale Weise zu kommen – etwa mit der Sprengung von Geldautomaten.

Hätten die Täter in diesen Tagen in Plieningen zuschlagen wollen, würden sie vor verschlossenen Türen stehen. Die Filiale ist ausgeräumt – für Kunden gibt es nur noch einen SB-Geldautomaten im Vorraum. Drinnen steht zuletzt nur ein schreibtischhoher weißer Würfeltresor herum. Er ist geöffnet, und er ist leer.