Troubadour-Wettbewerb Die Entdeckung des Barkeeper-Effekts

Von Christoph Kutzer 

Sarah Lesch hat den Troubadour-Gesangswettbewerb gewonnen Foto: Martin Stollberg
Sarah Lesch hat den Troubadour-Gesangswettbewerb gewonnen Foto: Martin Stollberg

Umrahmt von einem erlesenen Menü durften die Gäste des Wettbewerbs-Galaabends am Samstag ein facettenreiches Programm genießen. Zwischen bösen Mädchen und verwirrten Cabrio-Fahrern konnte sich „Chansonedde“ Sarah Lesch durchsetzen.

Stuttgart - Die stählernen Lichttraversen bilden einen heftigen Kontrast zum barocken Ambiente des Ballsaals Elysée im Hotel Le Méridien. Auch auf der Bühne kommen beim Galaabend des Deutschen Song Contests Gegensätze zum Tragen. Anna Piechotta aus Cochem sieht aus, als könne sie kein Wässerchen trüben. Doch ihr Humor ist rabenschwarz. Unvermutet krönt das bekennende böse Mädchen sein hinterhältiges „Raucherlied“ mit einem Husten-Solo. Der Jury war das womöglich ein wenig zu derb: Am Ende reicht es zum vierten Platz.

136 Bewerber – neuer Rekord

Beworben haben sich um den Troubadour, der am Samstag zum elften Mal verliehen wurde, 136 Künstler – laut Le-Méridien-Direktor Bernd Schäfer-Surén ein neuer Rekord. An den beiden vorausgegangenen Wettbewerbstagen haben jeweils rund 200 Gäste und eine Jury vier Favoriten aus 18 Künstlern ausgewählt. Dass das Publikum Kandidaten direkt ins Finale bringen kann, ist neu. Am Donnerstag entschied es sich für das Herrendoppel byebye und dessen souveränen Akustik-Pop, der vorgibt, neben der Spur zu sein, tatsächlich aber mit Liedern wie „Cabrio im Regen“ gewieft auf die Zielgerade geht. Am Samstag erspielen sich die Leipziger neben Sympathien Rang zwei.

Dort war im Vorjahr auch das Duo Schneewittchen gelandet, das gemeinsam mit dem Wettbewerbspaten und Mitinitiator Stephan Sulke das Gastkonzert des Galaabends bestreitet. Marianne Iser, die Chanteuse des Duos ist schrill geschminkt und trägt rotes Korsett, der Chansonnier sitzt im dunklen Pullover neben ihr am Flügel. Sie singen „Ich hab’ dich bloß geliebt“. Da ist er wieder, der Reiz des Gegensätzlichen. Herbert Grönemeyer hat das Lied übrigens auch schon geschmettert „Als die Abrechnung der Verwertungsgesellschaft GEMA bei mir ankam, fand ich seine Version gar nicht mehr so schlecht“, witzelt Sulke.

Jürgen Ferber wird zum Publikumsliebling

Über eine Finanzspritze darf sich auch Jürgen Ferber freuen. Der Publikumsliebling vom Freitag konnte sich den dritten Platz sichern. Mit seinen 51 Jahren hebt der Bariton aus Schwetzingen den Altersschnitt deutlich. In diesem Jahr wurden drei Förderpreise vergeben: an die Hiphopper Manfred Groove, die Jazzsängerin Olivia Trummer sowie Maximilian Wagner und Band, die am Samstag auch eine kleine Skulptur für die heimische Vitrine in Empfang nehmen durften.

Den Troubadour 2015 erhielt Sarah Lesch, die selbsternannte „Chansonedde“. Schon während der Juryberatungen war sich das Publikum einig, dass die aus Thüringen stammende und in Tübingen ansässige Entdeckerin des Barkeeper-Effekts („Wenn die Barkeeper immer jünger werden, ist man in Wirklichkeit älter geworden“) mit ihren Liedern über große Träume und kleine Fluchten wohl das Rennen machen werde. Nach der Preisverleihung kredenzte sie überraschend einen erotisch aufgeladenen „Musenbrief“ „Ich habe Brechts Liebesgedichte gelesen. Die fand ich so versaut, da dachte ich mir: das kann ich auch.“ erklärte sie. Der perfekte Abschluss für einen facettenreichen Troubadour-Abend.

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