Bill McDermott ist zuversichtlich (Archivbild): Der SAP-Chef sieht das Unternehmen vor der Konkurrenz. Foto: dpa

SAP hat 2015 einen Umsatz von 20,8 Milliarden Euro erzielt und stellt 2500 Mitarbeiter ein. Das Problem: Viele der Firmenkunden nutzen die neueste Software nicht.

Walldorf -

Die Muskelspiele

SAP-Chef Bill McDermott Chef weilt am Freitag beim Weltwirtschaftsforum in Davos, doch die Stimme klingt über die Schalte bestimmt und tatendurstig: „Wir machen es besser als andere – und wir verdienen mehr Geld damit“, tönt er und teilt einen Seitenhieb auf Konkurrenten wie Oracle und Salesforce aus. Die Konkurrenz habe häufig davon gesprochen, sich neu zu erfinden – „wir warten noch immer darauf“.

Es sind ungewohnt markige Worte, die die Vorstandsmitglieder und Besucher von Deutschlands größter Software-Schmiede bei der Vorstellung der Jahreszahlen 2015 in Walldorf erreichen. Früher setzte man eher auf Ingenieurkunst und Understatement, doch ein US-Amerikaner an der Spitze und SAPs ungewöhnlich erfolgreicher Strategiewechsel deuten auch beim Marketing einen Wandel an. Tatsächlich bietet SAP glänzende Jahreszahlen: Der Umsatz stieg im Vergleich zu 2014 um 18 Prozent auf 20,8 Milliarden Euro. Vor allem das Geschäft mit der Mietsoftware im Internet – Cloud-Computing genannt – schnellte um 110 Prozent auf 2,3 Milliarden Euro nach oben. Besser noch: Dies schadete dem traditionellen Geschäft mit dem Verkauf von Software-Lizenzen und der gewinnträchtigen Wartung nicht. Dieses legte um satte 13 Prozent auf 14,9 Milliarden Euro zu. Nur das Betriebsergebnis schrumpfte um zwei Prozent auf 4,3 Milliarden Euro, was SAP verschmerzen kann. Hier flossen unter anderem Unternehmenskäufe ein, mit denen die Walldorfer in die Geschäftsfelder der Zukunft investieren.

Die Zukunftsgeschäfte

Vor allem mit dem Cloud-Geschäft erfindet sich SAP derzeit neu. Verbraucher nutzen Cloud-Anbieter wie web.de oder Amazon, wenn sie E-Mails schreiben oder Musik oder Filme aus dem Internet abspielen. Unternehmen nutzen die SAP-Cloud, um ihre Geschäftsprozesse günstiger und flexibler über SAP-Rechner laufen zu lassen. Die Software wird also nicht gekauft, sondern gegen eine Abogebühr gemietet. Immer mehr Branchen setzen dabei auf die Technik made in Germany, wie McDermott betonte – darunter Daimler, Bosch, Coca-Cola, L’Oréal, Heineken oder die National Football League.

Kern der neuen Geschäftssoftware – S/4 Hana genannt – ist die Turbodatenbank Hana, die eine Art Matrix für die Software bildet und zur DNA jeder Neuentwicklung geworden ist. Mit Hana lassen sich Daten binnen Sekunden statt Stunden verarbeiten. Hana ist ganz auf die Cloud abgestimmt – auch deshalb hat sich die Zahl der Neuaufträge in diesem Bereich verdoppelt. SAP hob am Freitag die Prognosen an: Bereits 2017 soll das Cloud-Computing bis zu vier Milliarden Euro Umsatz machen. Insgesamt soll er auf 23 bis 23,5 Milliarden Euro steigen.

Die Südwest-Kunden

Der Datenturbo bringt auch die Geschäfte der SAP-Kunden auf Touren. So können zum Beispiel Wartungsarbeiten viel genauer und täglich statt nur monatlich durchgeführt werden. Im Idealfall hat ein Geschäftsführer in Echtzeit Einblick in alle wesentlichen Entwicklungen und kann sein Unternehmen von unterwegs mit dem Tablet steuern. Die schnelle Datenverarbeitung ermöglicht auch neue Geschäftsmodelle: Ein Hersteller von Kompressoren könnte künftig statt Maschinen nur die Dienstleistung verkaufen, also die tatsächlich komprimierte Luft. Im Zukunftsgeschäft mit neuen Dienstleistungen konkurrieren die traditionellen Mittelständler im Südwesten mit Existenzgründern, viele von ihnen kommen aus den USA.

Nur: Obwohl vier von zehn SAP-Kunden mittelständische Unternehmen sind, haben nur wenige die neuen Geschäftsmodelle für sich erschlossen. „Die meisten stehen noch am Anfang“, sagt Dirk Sonntag, Sprecher der Filderstädter All 4 One Steeb AG. Das Unternehmen betreut derzeit rund 2000 – vor allem mittelständische – Firmen im deutschsprachigen Raum, darunter WMF, Coperion und Trumpf. Bisher hätten nur 50 der Firmen den Umstieg auf die neue SAP-Software beschlossen. SAP zwinge sie nicht zur Umstellung, betont Sonntag. „Die Unternehmen im Südwesten stehen aber durch die Digitalisierung der Märkte unter Druck“, warnt er. „Künftig muss man eine Firma schneller und genauer steuern als bisher. Außerdem basieren die Geschäfte viel stärker als früher auf Daten.“

Das bereitet auch SAP-Vorstand Michael Kleinemeier Sorgen, der für das globale Geschäft mit Service und Support zuständig ist. Das Geschäft mit Dienstleistungen werde immer wichtiger, betont er. Neue Wettbewerber könnten mit einer guten Idee und viel Kapital weltweit den Markt aufrollen. „Die Unternehmen im Südwesten müssen sich mit den neuen Geschäftsmodellen beschäftigen. Wenn sie das nicht machen, werden sie zu Lieferanten des Service-Partners.“

Die Mitarbeiter

Die Unruhe bei den SAP-Mitarbeitern scheint sich wieder zu legen, denn die Abfindungsrunde ist abgeschlossen. Rund 600 der Beschäftigten in Deutschland haben das Abfindungsprogramm angenommen, dazu kommen rund 400, die in den Vorruhestand gehen. Weltweit sind es circa 3000. Sie kommen vor allem aus Bereichen, die weniger gefragt sind, wie das traditionelle Service- und Wartungsgeschäft. „Etliche Mitarbeiter fragen sich, ob sie mit ihrer jetzigen Qualifikation bei SAP eine Zukunft haben“, kritisiert Christine Muhr von der Gewerkschaft Verdi. „Die Entwicklung wird immer schneller.“

Anderen ermöglicht der Wandel Chancen. Vor allem im Cloud-Computing hat SAP neue Stellen aufgebaut – unter dem Strich stieg in Deutschland die Mitarbeiterzahl deshalb um 380 auf knapp 18 000. Weltweit nahm die Zahl gar um gut 2500 auf rund 77 000 zu. Neue Abfindungsrunden, wie sie erst diese Woche aus dem Betriebsrat vermutet wurden, sind offiziell vom Tisch. Finanzchef Luka Mucic betonte, es seien keine weiteren Abfindungen geplant.

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