Trotz Juchtenkäfer-Verdachts Bahn darf in Stuttgart 100 Bäume fällen

Von Jürgen Bock 

Der streng geschützte Juchtenkäfer wird in sechs Bäumen am Rande des Rosensteinparks vermutet – jetzt dürfen sie dank einer Ausnahmegenehmigung gefällt werden. Foto: dpa
Der streng geschützte Juchtenkäfer wird in sechs Bäumen am Rande des Rosensteinparks vermutet – jetzt dürfen sie dank einer Ausnahmegenehmigung gefällt werden. Foto: dpa

Dem Projekt Stuttgart 21 hat am Neckar erneut ein großer Verzug samt Kostensteigerung gedroht. Doch jetzt hat die EU-Kommission einer Fällung von Bäumen, in denen der streng geschützte Juchtenkäfer vermutet wird, in letzter Minute zugestimmt.

Stuttgart - Die ersten Bauzäune stehen bereits. Die Bahn wird rund um den Hang unterhalb des Schlosses Rosenstein das Gelände abriegeln. Die Zeit drängt: Etwa 100 Gehölze müssen bis Ende des Monats gefällt sein, sonst würde dem Projekt Stuttgart 21 die nächste teure Verzögerung drohen, weil Ende Februar die Fällperiode endet. Deshalb ist mit einem Beginn der Arbeiten in den nächsten Tagen zu rechnen.

Am Rosensteinhang kommen künftig die neuen Röhren für den S-Bahn- und den Fernbahntunnel ans Tageslicht. Von den beiden nebeneinander liegenden Portalen führen die Gleise auf die neue Neckarbrücke in Richtung Bad Cannstatt. Dafür muss die Bahn den Hang roden. Und genau das hat dazu geführt, dass der Zeitplan einmal mehr ins Rutschen geraten ist. Denn unter den Gehölzen finden sich auch sechs sogenannte Juchtenkäfer-Verdachtsbäume. Dort kann ein Vorkommen der streng geschützten Tiere, die im Zuge von Stuttgart 21 schon mehrfach von sich reden gemacht haben, nicht ausgeschlossen werden. Nachgewiesen sind sie zwar nicht, aber einfach fällen lassen sich die Bäume trotzdem nicht. Dafür braucht es Ausnahmegenehmigungen – bis hin zu höchster Stelle.

Auf den letzten Drücker hat die Bahn jetzt grünes Licht bekommen – und zwar aus Brüssel. Die EU-Kommission stimmt dem Abholzen der Bäume an dieser Stelle zu. Damit wird das Eisenbahn-Bundesamt (Eba) die Maßnahme voraussichtlich genehmigen. „Das positive Votum der EU ist bei uns eingegangen“, sagt Eba-Sprecherin Heike Schmidt. Sobald noch „Zuarbeiten“ der Bahn vorlägen, könne „der Planänderungsbescheid zeitnah erlassen werden“. Die Projektgesellschaft hält sich noch bedeckt. „Am Rosensteinportal finden derzeit vorbereitende Maßnahmen statt, um das Baufeld für dort anstehende Bautätigkeiten im Rahmen des Projekts Stuttgart 21 frei zu machen“, sagt ein Sprecher. Dabei sei die Fällung der allermeisten Bäume bereits planfestgestellt. „Darüber hinaus sind wir zuversichtlich, dass das Eisenbahn-Bundesamt die Fällung der dort identifizierten sechs Juchtenkäferverdachtsbäume so rechtzeitig genehmigt, dass das Baufeld nach der bis Ende Februar andauernden vegetationsarmen Zeit für den Beginn der Baumaßnahmen am Rosensteinportal zur Verfügung steht.“

16 Jahre währende Hängepartie

Damit endet eine Hängepartie, die 16 Jahre gedauert hat. „Die Historie ist beeindruckend“, sagt Florian Bitzer. Der Verkehrsingenieur, der bei der S 21-Projektgesellschaft für Umweltbelange zuständig ist, hat eine mehrseitige Liste mit verschiedenen Zeitpunkten vor sich liegen. Das erste erwähnte Datum ist das Jahr 2002. Damals hatte man im Rosensteinpark die ersten Erhebungen für den Bau der Tunnel gemacht. Das Ergebnis: Wahrscheinlich ist nur ein Baum an der Ehmannstraße mit dem Juchtenkäfer besiedelt. Im Oktober 2006 erfolgt der Planfeststellungsbeschluss: Die Bahn könnte bauen.

Das allerdings verzögert sich. Und weil so eine Erhebung maximal fünf Jahre alt sein darf, werden 2012, 2013 und 2014 mehrere Büros mit neuen Untersuchungen beauftragt – bis hin zur Kartierung des gesamten Rosensteinparks. Es werden mehrere Juchtenkäferbäume und Verdachtsbäume im Bereich der Ehmannstraße und des Hangs zum Neckar hin gefunden. „Da haben wir mit einem teuren Gutachten wertvolle Arbeit für das Land geleistet“, sagt Bitzer mit einem Schmunzeln. Doch die Folgen sind weniger amüsant: Obwohl im Park flächendeckend Juchtenkäfer gefunden werden, mehr als erwartet, kommt ein Gremium aus Umweltexperten zum Schluss, dass das Fällen der vorgesehenen Bäume einen erheblichen Eingriff in den Bestand bedeuten würde.

Damit geht vieles, was vorher geregelt schien, von vorne los. „Wenn zwischen dem Planfeststellungsbeschluss und dem Baubeginn neue Erkenntnisse vorliegen, ist der Beschluss in diesem Punkt hinfällig“, sagt Bitzer. Den „behördlichen Schwergang“, den die Bahn speziell dem Eba gerne vorgehalten hat, will er nicht mehr gelten lassen: „Der einzige Weg zur Genehmigung ist ein Planänderungsverfahren durch das Eba.“ Und das beinhaltet bei diesem Thema auch eine Stellungnahme der EU. Alles andere könnte ein Vertragsverletzungsverfahren gegen die Bundesrepublik Deutschland nach sich ziehen. Und möglicherweise Haftstrafen für die Verantwortlichen wegen der Verstöße gegen den Artenschutz.

20 Millionen Euro extra

Um wenigstens ein Stück weit voranzukommen, teilt die Bahn das Problem in zwei getrennte Abschnitte auf. An der Ehmannstraße weicht man von der offenen Bauweise ab und gräbt unter den betroffenen Bäumen durch, um sie stehen lassen zu können. Das kostet 20 Millionen Euro zusätzlich, spart aber Zeit. Am Rosensteinhang ist das nicht möglich. Dort hofft man auf die Ausnahmegenehmigung, weil es keine Alternativen zur Fällung gibt. Die wird jetzt, zweieinhalb Jahre nach Eröffnung des Planänderungsverfahrens und zehn Monate nach Einreichung des Antrags bei der EU, erwartet.

Ob die Arbeiten schnell und geräuschlos oder von Protesten begleitet über die Bühne gehen werden, wagen die Experten vorher kaum einzuschätzen. Klar ist nur, dass gemeinsam mit der Polizei ein Sicherheitskonzept erarbeitet worden ist. Über das gesamte Verfahren von der ersten Untersuchung 2002 bis heute sagt Bitzer nur: „Das ist kein Spaß. Aber alle Beteiligten müssen mit den gesetzlichen Voraussetzungen umgehen, auch wenn sie eng ausgelegt werden.“

300 Jahre Waldpflege?

Dazu gehören übrigens auch Ausgleichsmaßnahmen. Die werden in diesem Fall im Schönbuch stattfinden. Eine Waldfläche, die bisher nicht zu einem Schutzgebiet gehört, wird in dieses eingegliedert und für den Juchtenkäfer präpariert. Dazu gehört unter anderem, dass bei jüngeren Laubbäumen gezielt einzelne Äste herausgebrochen werden, damit diese anfangen, Höhlen auszubilden. „Der Optimalzustand für den Käfer wird sich dort allerdings erst nach 300 Jahren einstellen“, sagt Bitzer. Ursprünglich sollte die Bahn mit Forst BW einen Vertrag über die Pflege des Gebiets abschließen, der genau über diesen Zeitraum läuft. Eine weitere Absurdität in der Geschichte der Rosenstein-Verdachtsbäume.

Inzwischen hat sich die Bahn aus dieser Verpflichtung herausgekauft. Und will sich nun auf die weiteren Bauarbeiten am Übergang zur Neckarbrücke konzentrieren. Dort soll nach dem Fällen die Verlegung von Leitungen fortgesetzt werden. „Zudem werden für die Dauer der Bauzeit die Fußwege verlegt sowie die Baustraßen und Baulogistikflächen angelegt. Im Laufe des Jahres 2018 wird dann der Voreinschnitt mit der Tunnelanschlagswand für beide Röhren erstellt“, sagt der Sprecher der Projektgesellschaft.

Lesen Sie jetzt