Trotz Frauenquote Warum Frauen es nicht nach oben schaffen

Von Daniel Gräfe 

Positivbeispiel: Sabine Frischle verbindet in der Stuttgarter Staatsgalerie Kunst und Controlling und  ist mit 32 Jahren schon Abteilungsleiterin  Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Positivbeispiel: Sabine Frischle verbindet in der Stuttgarter Staatsgalerie Kunst und Controlling und ist mit 32 Jahren schon Abteilungsleiterin " Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Mit Hilfe einer Kontaktbörse wollte die Landesregierung vor zwei Jahren Frauen in die Aufsichtsräte von Unternehmen vermitteln. Obwohl die Datenbank 265 Kandidatinnen versammelt, haben nur drei das Ziel erreicht. Wie kann das sein?

Stuttgart/Pforzheim - Stuttgart/Pforzheim - Wenn es um das Thema Frauen in Aufsichtsräten geht, ist Barbara Burkhardt-Reich nicht gut auf die Unternehmen zu sprechen. Je weiter die Karriereleiter nach oben führe, umso mehr Hemd- und Anzugträger versammelten sich auf den obersten Sprossen. „Für Frauen geht es viel zu langsam voran“, sagt die Honorarprofessorin der Hochschule Pforzheim. ­„Immer wieder behaupten Firmen, dass sie keine qualifizierten Frauen für Aufsichtsgremien finden. Warum nutzen sie dann nicht unsere Datenbank?“

Die Internet-Datenbank ist ihre Herzensangelegenheit. Burkhardt-Reich leitet sie ebenso wie das Steinbeis-Innovationszentrum Unternehmensentwicklung, das die Datenbank konzipierte. 265 Frauen sind dort gelistet. Sie alle trauen sich zu, einen Aufsichtsratsposten in einem Südwest­unternehmen zu übernehmen. „Spitzenfrauen in Gremien!“ ist die Datenbank überschrieben. Das ist auch das politische Ziel, für das das Finanz- und Wirtschaftsministerium des Landes das Portal unterstützt. Doch das Ziel liegt noch in weiter Ferne – obwohl es die Datenbank seit gut zwei Jahren gibt.

Erst zehn Anfragen von Unternehmen und Institutionen habe es bis jetzt gegeben, sagt Burkhardt-Reich. Und nur zwei Frauen sind in den Aufsichtsrat einer Südwestfirma eingezogen, eine weitere Frau in einen Hochschulrat. „Ich bin enttäuscht. Mittlerweile bin ich eine Verfechterin der Quote, weil ich die Geduld verloren habe. Schauen Sie sich doch an, wie wenige Frauen in den Vorständen oder Aufsichtsräten sitzen.“

Tatsächlich steht es bei Frauen nicht gut bei den Spitzenpositionen. Im August lag die Frauenquote in den Aufsichtsräten der 30 Dax-Unternehmen bei 26,7 Prozent. Nach inoffiziellen Zahlen der Initiative Frauen in die Aufsichtsräte liegt sie Ende 2015 sogar noch darunter. Auch die Frauenquote für Führungspositionen, die ab dem 1. Januar gilt, wird das nicht schnell ändern. Das entsprechende Gesetz verpflichtet rund 100 börsennotierte, voll mitbestimmungspflichtige Unternehmen, bei Neubesetzungen im Aufsichtsrat künftig sicherzustellen, dass mindestens 30 Prozent der Posten von Frauen gehalten werden. Wird dieser Anteil nicht erreicht, bleiben die Stühle unbesetzt.

Die Seeburger AG suchte gezielt nach einer „Spitzenfrau“

Bei der Brettener Seeburger AG blieb der Stuhl nicht leer: Der IT-Dienstleister ­bestellte im Sommer dieses Jahres Simone Zeuchner als Aufsichtsratschefin. Die Hochschuldozentin erfüllte das Wunsch­profil, das Firmenchef Bernd Seeburger in die „Spitzenfrauen“-Datenbank eingegeben hatte. Fünf Vorschläge wurden ihm unterbreitet, alle fünf Damen wären infrage gekommen, lobte er anschließend auf einer Pressekonferenz. Frauen seien sehr ehrgeizig, neue Themen zu erkennen und ergründen zu wollen, betonte der Firmengründer. „Für mich war die Motivation, vorhandene Pfade zu verlassen.“

Simone Zeuchner ist auch das Paradebeispiel der „Spitzenfrauen“-Plattform. Ein Vorbild, das anderen Frauen Mut machen soll, dass die Datenbank funktioniert und der Aufstieg nach ganz oben möglich ist. Das Vorbild ist an diesem Tag im Stress. An der Hochschule Esslingen hat die Endvierzigerin sechs Stunden lang Wirtschaftsvorlesungen gehalten, eine Prüfung abgenommen und mit dem Fakultätsrat getagt. Dazwischen hat sie sich für ihre Aufsichtsratsmandate vorbereitet, drei sind es derzeit.

„Für die Männer ist es eher gewöhnungsbedürftig, dass die Sitzungen bunter werden“, sagt sie. „Zum Glück geht der Trend dahin, Aufsichtsräte mit deutlich qualifizierteren Leuten zu besetzen. Die Bewerber werden auch nach ihren Lebensläufen gefragt – das war früher wenig der Fall. Noch immer landen viele Freunde oder Familienmitglieder in den Positionen.“

„Es hat ein Umdenken stattgefunden“, sagt Zeuchner

Zeuchner weiß, wovon sie spricht. Sie hat 20 Jahre Berufserfahrung in der Wirtschaft und bietet Aus- und Weiterbildungen für künftige Aufsichtsräte an. Sie simuliert Sitzungen, lässt die Kunden Vorsitzender, Vorstand oder Protokollant spielen, Einladungen entwerfen und die Agenda aufstellen. „Das wichtigste Instrument ist aber immer die Kommunikation“, sagt sie. „Und dass die Zusammensetzung des Aufsichtsrats möglichst diversifiziert ist – zum Beispiel nach Geschlecht, Alter, kulturellem Hintergrund und Branchenwissen.“ Deshalb unterstütze sie auch die Quote: „Wenn wir sie nicht hätten, würde auch niemand die Diskussion darüber führen. Es hat ein Umdenken stattgefunden, aber es braucht Zeit.“

Vielleicht ist es dann Zeit für Sabine Hirsch­le. Die 32-Jährige leitet seit kurzem eine Abteilung der Staatsgalerie Stuttgart und hat zuvor über das Controlling in Museen promoviert. Rund 200 Mitarbeiter führt sie, darunter die Leiter in Bereichen wie Buchhaltung, Controlling, EDV und Besucherservice. Der Kontakt zu anderen Karrierefrauen der Plattform habe ihr geholfen, ihren eigenen Führungsstil zu finden. „Ich habe gemerkt, wie Frauen unterschiedlich auftreten. Man braucht Vorbilder, die zeigen, wie es geht – und die einem Mut zusprechen. Das hat mich in meinem Weg bestärkt“, sagt Hirschle. Wohl auch nur deshalb habe sie den Mut gehabt, sich für die Aufsichtsrat-Datenbank zu bewerben – auch wenn sie sich in den nächsten fünf bis zehn Jahren noch nicht in der Rolle sehe. Sträuben werde sie sich sicherlich bei einer Anfrage nicht. „Es ist wichtig, dass man zeigt, dass es genügend qualifizierte Frauen gibt.“

Doch auch wenn Hirschle in Fünf-Jahres-Plänen denkt, was ihre Karriere angeht, scheint sie es im Grunde entspannt anzugehen, Freunde und Freizeit bedeuteten ihr viel – wie auch anderen ihrer Generation. „In meinem Freundeskreis arbeiten wir alle mit viel Herzblut – und nicht nur, um Geld zu verdienen. Das Geschlechterspezifische ist für meine Generation kein Thema.“

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