In Berlin kümmern sich viele – vor allem junge – Menschen nicht um die Corona-Pandemie. Ihre Argumente sind bizarr. Doch auch der Senat wirkt alles andere als entschlusskräftig.
Berlin - Der Frühling macht eine kleine Pause in Berlin, und im Volkspark Friedrichshain sieht es so aus, als helfe das kühle Lüftchen mehr als jede Verhaltensregel gegen Corona. Es wird mal nicht in Gruppen gepicknickt. Vielleicht trifft man sich aber auch nur ein bisschen später und schläft noch aus. Denn in nicht wenigen Bars und Kneipen der Hauptstadt wurde fröhlich gefeiert. 154 Lokale, Bars und Läden hat die Polizei am Abend kontrolliert – und 97 waren verbotenerweise geöffnet.
„Und täglich grüßt das Murmeltier . . .“ – so betitelte die Polizei ihren Tweet zum Thema. Die Einsicht der Kneipenbetreiber und des Partyvolks scheint seitdem wenig Fortschritte zu machen. Auch die Landesregierung brauchte länger als andere Länder: Schon das Verbot von Veranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmern erließ Berlin mit Verzögerung. Und als der Senat am vergangenen Freitag beschloss, Bars und Clubs zu schließen, wollte er sich noch ein ganzes Wochenende Zeit lassen, um eine Verordnung zu erlassen. Erst nach wütenden öffentlichen Reaktionen kam das Verbot dann für Samstagabend. Da hatten manche Clubs längst aus Eigeninitiative dichtgemacht. Wie gefährlich die Partyorte sein können, zeigen die Clubs Trompete und Kater Blau: Dort infizierten sich Dutzende Menschen.
Abklatschen beim Sport
Auch bei den Schließungen von Läden und Spielplätzen wich die Hauptstadt von den Leitlinien des Bundes und der Länder ab. „Ich denke, mit Kindern kann man reden“, begründete die Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci die Entscheidung, die 1900 Spielplätze offen zu lassen. Tatsächlich sind im dicht besiedelten Berlin viele Familien auf den öffentlichen Raum angewiesen. Vollends verwirrend wurde die Lage aber, weil sich einzelne Bezirke auf eigene Faust entschieden, ihre Spielplätze zu schließen. Während Familien in Mitte keine Spielplätze nutzen dürfen, war es am Donnerstag im benachbarten Prenzlauer Berg möglich.
Und auch wenn die Mehrheit der Berliner sicher umsichtig ist: Vielen scheint die Gefahr der Pandemie völlig egal zu sein. Basketballer spielen eine muntere Partie im Volkspark und klatschen einander ab, auf der Wiese lagern junge Leute und feiern. Ein ähnliches Bild auf der Freifläche des ehemaligen Tempelhofer Flughafens. Auf dem Markt am Maibachufer drängeln sich die Kunden dicht an dicht, auch Buchläden bleiben offen, und die Öffnung der Friseurläden scheint auch für Nagelstudios und Sonnenstudios zu gelten.
Die Kreuzberger Notärztin Christiane Feldmann berichtete auf Twitter von ihrem Tag im Notarztwagen: „Viel zu tun. Sonne! Die Straßen und Parks gefüllt. Trauben fröhlicher Menschen vor Dönerläden und Eisdielen. Straßenmusiker. Die Dealer am Kotti voller Elan.“ Berlin hat also anhaltend Probleme mit dem Social Distancing – und wie in vielen anderen Großstädten auch fallen viele junge Menschen auf, die sich nicht um die Regeln kümmern. Ben, 18, der mit Freunden im Gras sitzt , lacht bei der Frage nach Corona verlegen. „Ich bin fit und werde wahrscheinlich nicht viel von dem Virus merken.“ Die Nachrichten verfolge er nicht. „Widerspricht sich doch alles.“
Keine Lust auf Nachrichten
Ein paar Meter weiter sitzt Sergej. Er ist 29, stammt aus der Ukraine und arbeitet als Programmierer. „Ich konsumiere seit eineinhalb Jahren keinerlei Nachrichten“, sagt er. Sergej folgt einem Trend, der sich vor allem unter jungen Menschen durchsetzt – bewusster Nachrichtenabstinenz. Das Ziel: negative Gefühle von sich weghalten. In Deutschland stieg die Zahl der Menschen, die Nachrichten meiden, weil sie das Gefühl von Hilflosigkeit erzeugen, laut Digital News Report der Universität Oxford auf 26 Prozent. Hat Sergej kein Interesse daran zu erfahren, wie die aktuelle Lage ist? „Nein. Meine Eltern haben immer Nachrichten gesehen. Das änderte nichts an der Katastrophe.“
Wenn eine Ausgangssperre komme, werde er das auch so erfahren. Genau damit droht jetzt Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller: Er könne das nicht ausschließen.