Tropenmedizin Malariafieber und Elefantenbeine

Von Regine Warth 

So sah früher eine Krankenstation in den Tropen aus. Foto: Archiv  der Landeskirche
So sah früher eine Krankenstation in den Tropen aus. Foto: Archiv der Landeskirche

Was hat Tropenärzte bei Reisen vor hundert Jahren erwartet? Eine Ausstellung in Tübingen gibt Antworten.

Tübingen - Das Tropenhütchen sitzt – beim Massageunterricht bei den Papua im indonesischen Teil von Neuguinea oder beim Überprüfen der Herztöne im ostafrikanischen Mwakaleli in Tansania. Wer sich im Bonatzbau der Universitätsbibliothek Tübingen durch die Ausstellung „Vom Chininbaum zur Ebola-Impfung“ und damit auf eine „Eine Reise durch 100 Jahre Tropenmedizin“ begibt, erkennt schnell: Als Missionsarzt ist man in den 1920er Jahren ganz schön in der Welt ­herumgekommen – und hatte teilweise mit Krankheiten zu tun, die in keinem Lehrbuch standen. Denn im heißen Klima längs des Äquators gedeihen Pilz- und Parasiten-, Bakterien- und Viruserkrankungen in kaum überschaubarer Fülle, wie die Fotografien und Berichte aus dem Fundus des Deutschen Instituts für Ärztliche Mission (Difäm) zeigen.

In China etwa wurde eine eitrige ­Entzündung der Ohrspeicheldrüse auf einem Schwarz-Weiß-Bild dokumentiert: Da war die Wangenpartie des Patienten so heftig angeschwollen, dass man meinen könnte, er habe eine Pampelmuse im Mund. Oder die Männer, die in Nicaragua und Britisch-Indien wegen ihrer Elefantenbeine Hilfe bei den deutschen Ärzten suchten: Parasiten hatten ihre Lymphgefäße so verstopft, dass sich die Gewebeflüssigkeit in den Beinen staute. Eine Reise in diese Länder war vor hundert Jahren ein Abenteuer, zu dem in der Kolonialzeit deutsche Ärzte gerne aufbrachen: Die Tropenmedizin war gerade als neue Disziplin entstanden, und die christlich geprägten Mediziner verbanden damit den Wunsch, am Beispiel der westlichen Medizin und Pflege christliche Nächstenliebe zu üben.

Tübingen als Tropenzentrum

Der schwäbische Unternehmer Paul Lechler war es dann, der 1906 das Difäm gründete. Standort sollte Tübingen sein, ebenso für das Tropengenesungsheim, das 1916 folgte. In dem kleinen Studentenstädtchen sollten Ärzte, aber auch Pflegekräfte auf ihre Reisen vorbereitet werden.

Das scheint eine ungewöhnliche Ortswahl gewesen zu sein. Üblicherweise waren die großen Institute für Tropenmedizin alle in Großstädten wie Hamburg oder Berlin. Der heutige Chefarzt der Tropenklinik Paul-Lechler-Krankenhauses, Johannes-Martin Hahn, erklärt: „Tübingen ist von den Mittelmeerhäfen, die den Verkehr nach Ostafrika und Ostasien vermittelten, leicht zu erreichen gewesen.“ Die Balkanzüge und auch die Verbindung in den Irak – die „Bagdad-Bahn“ – führten alle am 60 Kilometer entfernten Plochingen vorbei. Ein Knotenpunkt, um vor den Reisen in Tübingen Station zu machen und sich das Wissen über Malaria, Dengue-Fieber und Co. anzueignen. Gottlieb Olpp war es, dem diese Aufgabe zuteil wurde: Der erste Professore für Tropenmedizin an der Uni Tübingen war ein 39-jähriger Arzt aus dem Rheinland mit hübschem Bart, dessen Spitzen sich in die Höhe zwirbeln. Schon seine Kindheit hatte der Sohn eines Missionars aus dem Rheinland in Namibia verbracht. Nach seinem Medizinstudium war er selbst in China unterwegs und schrieb seine Erfahrungen in dem Lehrbuch „Tropenheilkunde“ nieder, nach dem auch in Tübingen unterrichtet wurde. Drei Wochen dauerte der „Tübinger Tropenkurs“. Und wie auf den Schwarz-Weiß-Fotografien zu sehen ist, vertieften die angehenden Missionsärzte ihre Köpfe angestrengt in die Lehrbücher und prägten sich Schaubilder über die Verbreitung des Malaria-Erregers ein.

Anerkanntes Spezialzentrum

Anschauungsmaterial für die Mikroskope gab es ebenfalls schon – dank der Missionare und Ärzte im Tropengenesungsheim, die sich nach ihrem Auslandaufenthalt auskurierten: Wer sich einen Darmkeim eingefangen hatte oder unter chronischer Verstopfung litt, kam in den Genuss der subaqualen Darmbäder, die der Assistenzarzt von Gottlieb Olpp so beschrieb: „Der Patient liegt dabei in der warmen Badewanne und erhält dann durch eine spezielle Apparatur eine Darmspülung mit 25 Liter Kamillenlösung.“ Diese Methoden waren wohl erfolgreich. So sagt Chefarzt Hahn: „Das Tropengenesungsheim war als Spezialzentrum weit über Missionskreise bekannt und hatte einen ausgezeichneten internationalen Ruf.“

Heute bildet die Tropenklinik Paul-Lechler-Krankenhaus das Zentrum für Alters- und Palliativmedizin in Tübingen. Und doch werden die Ärzte die fremdländischen Erreger nicht los: Urlauber mit krank machenden Souvenirs von ihrer Fernreise kommen regelmäßig vorbei, ebenso Leute, die ihren Impfschutz auffrischen wollen. Und als vor drei Jahren die Ebola-Epidemie drohte von Westafrika auch nach Europa zu schwappen, waren es die Ärzte des Difäm, die hierzulande und in Liberia sowie Sierra Leone Kollegen schulten und mit medizinischem Material und Wissen unterstützten. „Es gibt in Sachen Tropenmedizin immer viel zu tun“, so der Direktor des Instituts für Tropenmedizin an der Uni Tübingen, Peter Kremsner. Vor wenigen Monaten hat er mit seinem Team eine neue Malaria-Impfung getestet, die in der höchsten Dosierung vollständigen Schutz gegen die Tropenkrankheit bietet.

Den Tropenkurs gibt es heute noch

Bald braucht es vielleicht nicht einmal eine Reise nach Afrika oder Asien, um sich Chikungunya-Fieber oder Dengue einzufangen: Auch in Europa sind die exotischen Krankheitsüberträger bereits gesichtet worden, beispielsweise die Asiatische Tigermücke in Baden-Württemberg. Gemeinsam mit Importgütern gelangen Mückeneier und Larven in Schiffscontainern und Flugzeugen nach Europa. Wie sollen sich Ärzte und Kliniken nun auf diese Situation einstellen? Wo sollen sie die Erfahrung nehmen, die der Umgang mit einer tropischen Krankheit erfordert? Hier könnten die Tübinger Tropenmediziner wichtige Arbeit leisten, so Chefarzt Hahn. Den Tropenkurs zumindest, den Gottlieb Olpp einführte und in dem Ärzte ausgebildet werden, gibt es heute noch.

Lesen Sie jetzt