Martin Kurrle legt Wert auf eine gute Qualität seiner Trollinger. Foto: Lg/Christoph Schmidt

Die Stuttgarter Wengerter halten an ihrer Traditionsorte Trollinger fest, auch wenn die Anbaufläche überall kleiner wird. Entscheidend seien neue Kreationen auch für junge Leute.

Stuttgart - Die Nachrichten aus Cannstatt sind in den Weinbergen der Stadt mit Sorge aufgenommen worden. Vor allem die Gründe für die Fusion der Cannstatter Genossenschaft Weinfactum mit der Felsengartenkellerei Besigheim beschäftigen die Wengerter. Dass Trollinger schwer zu vermarkten sei, liege nicht an der Rebsorte, lautet der Tenor der Experten, sondern an der Menge davon.

Bei den Genossenschaften, der Weinmanufaktur Untertürkheim und dem Collegium Wirtemberg, herrscht die ­Sorge, das Image des hiesigen Flaggschiffs der Vergangenheit könne leiden. „Wir sollten den Trollinger nicht schlecht reden“, sagt etwa Stefan Hübner von der Weinmanufaktur Untertürkheim. Kollege Martin Kurrle vom Collegium Wirtemberg sieht die Sorte ebenfalls ins falsche Licht gerückt: „Wir haben kein Problem damit“, sagt der Geschäftsführer, „aber wir haben uns auch immer schon um die Sorte bemüht, wollten ihr ein Profil geben.“ Sämtliche Weine seien auf der Maische vergoren, neben dem Premiumprodukt aus dem Holzfass gibt’s auch funktionierende Marken wie den Grad 6, bei dem schon auf der Flasche steht, dass er kühl getrunken werden sollte.

Der Trollinger-Bestand wurde um die Hälfte reduziert

Was beide Unternehmen allerdings eint: Sie haben ihre Trollinger-Anbaufläche deutlich reduziert. Während in Cannstatt die Probleme darin liegen, dass auf 38 Prozent der Rebfläche Trollinger steht, sind die Nachbarn längst am Umstrukturieren. Der Trollinger nimmt in beiden Betrieben nur noch gut 20 Prozent der Fläche ein, wurde in den vergangenen Jahren um mehr als 50 Prozent reduziert. Weil man vor den Tatsachen die Augen nicht verschließen dürfe. „Klar ist der Trollinger momentan kein steigender Markt“, sagt Martin Kurrle.

Bei den Privatweingütern der Region stellt sich die Lage noch deutlicher dar. Beim Weingut Aldinger in Fellbach nimmt der Trollinger nur noch sechs Prozent der Rebfläche ein. „Was manche jetzt erkennen, hat mein Vater schon vor 25 Jahren kommen sehen“, sagt Matthias Aldinger, der dennoch große Stücke auf die Rebsorte hält. Er baut selbst einen Premiumwein aus, dessen Nachfrage er nicht mehr bedienen kann. „Ich denke, man muss eben auf die Qualität schauen – und was die Sorte hergibt“, sagt Matthias Aldinger. „Aus einem Langstreckenläufer sollte man auch keinen Bodybuilder machen.“

Furcht vor einem Imageschaden des Württemberger Weins

Kollege Johannes Bauerle vom Weingut Johannes B. in Fellbach sieht die Sache ähnlich. Dort stehen noch auf zehn Prozent Trollinger. „Der Markt verlangt einfach nicht mehr“, sagt er, „aber ohne Trollinger? Das geht als schwäbisches Weingut gar nicht.“ Klaus-Dieter Warth aus Untertürkheim ist gemeinhin bekannt als absoluter Trollingerfreund, er produziert auch noch auf 33 Prozent seiner Fläche diese Trauben. „Trollinger ist einfach eine tolle Sorte, die auch bei jungen Leuten ankommt“, sagt er. Man müsse den Wein aber kommunizieren, und das sei nicht so einfach.

Der Initiator des renommierten Deutschen Lemberger-Preises befürchtet in Anbetracht der Trollinger-Krise ein grundsätzliches Imageproblem des Württemberger Weins. Um dessen Erscheinungsbild stehe es ohnehin „nördlich der Main-Linie nicht zum besten“, konstatiert Ferry Wittchen. Der Vorsitzende des Vereins „Der Lemberger e.V.“ hält die vom Chef der Württembergischen Zentral-Genossenschaft (WZG) in unserer Zeitung beschriebene Strategie, den Wein den Bedürfnissen des Marktes anzupassen und auch in einer fruchtig-süßen Variante anzubieten, für falsch. Er befürchte, „dass dies für den Verbraucher auf den gesamten Wein aus Württemberg abfärbt“. Dem Württemberger Wein fehle „ein klarer Markenkern“.

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