Je zur Hälfte der Bodensee und Donauried stillen den Durst der Stuttgarter.
 Foto: StN-Grafik: Lange, Quelle: EnBW

Eine Flut wie am Samstag in Kaltental ist die Ausnahme. In der Regel rinnt das Trinkwasser in geregelten Bahnen. Es kommt je zur Hälfte vom Bodensee und Donauried.

Stuttgart - Lange ist es her, als für die Versorgung der Stadt mit Trinkwasser der Nesenbach ausreichte. Bereits 1490 ließ Graf Eberhard im Bart von Quellen in Kaltental eine fünf Kilometer lange Holzleitung in seine Residenz bauen. Heute sind die Versorgungsleitungen für das Wassermangelgebiet Stuttgart mit Durchmessern bis anderthalb Meter deutlich dicker und mit einer Gesamtlänge von fast 2500 Kilometer auch wesentlich länger.

Seit 1958 bezieht Stuttgart einen großen Teil seines Trinkwassers aus dem Bodensee über die Bodenseewasserversorgung (BWV). Die zweite Bezugsquelle, die im Bewusstsein der Menschen weniger präsent ist, sind das Donauried nordöstlich von Ulm mit dem Wasserwerk Langenau und die Ostalb nahe Dischingen. Dort wird das Nass teils aus dem Grundwasser gewonnen, teils strömt es aus einem gewaltigen Karstquelltopf. Lieferant ist die Landeswasserversorgung (LW), deren Vorläufer 1912 von König Wilhelm II. als staatliches Unternehmen gegründet wurde.

Die BWV und die LV liefern pro Jahr jeweils etwa 21 Millionen Kubikmeter Wasser in die Landeshauptstadt. Das Bezugsrecht der Stadt für Wasser liegt mit 115 Millionen Kubikmetern deutlich höher. Werden weniger als 38 Prozent des Bezugsrechts ausgeschöpft, sind Extrazahlungen an die Versorger fällig.

Versorgungszonen mit Wasser aus dem Donauried und vom Bodensee teilen Stadtgebiet

Die Hauptübergabepunkte der Wasserlieferanten liegen im Nordosten und Südwesten des Stadtgebiets. Der Hauptwasserspeicher in Rotenberg mit einem Volumen von 34.000 Kubikmeter wird laufend von der Landeswasserversorgung LW gefüllt, den Hochbehälter in Rohr mit 100.000 Kubikmeter flutet die Bodenseewasserversorgung (BWV).

Von diesen beiden Punkten wird über ein kompliziertes Verteilernetz mit 44 Hochbehältern das gesamte Stadtgebiet versorgt, das je nach Höhenlage in 63 Wasserzonen gegliedert ist. Meist reicht das natürliche Gefälle der hoch gelegenen Übergabepunkte in Rohr und in Rotenberg für den Wassertransport aus. Wo das nicht der Fall ist, müssen 48 Pumpstationen einspringen.

Die Versorgungszonen mit Wasser aus dem Donauried und vom Bodensee teilen das Stadtgebiet. Im Gebiet östlich des Neckars und in den tiefer gelegenen Bereichen westlich des Flusses sprudelt LW-Wasser aus den Hähnen, auf den Fildern und den benachbarten Bezirken stammt das Trinkwasser vom Bodensee.

Gesteuert wird das Wasser im Rohrnetz von einer Leitzentrale, die früher im Wasserwerk Berg untergebracht war und seit etwa einem Jahr gemeinsam mit der Zentralwarte für die Gasversorgung im Gaswerk in Gaisburg betrieben wird. Im Dreischichtbetrieb sind dort fünf Mitarbeiter im Einsatz. Ein modernes Leitsystem kontrolliert rund um die Uhr alle Betriebszustände. Sämtliche Pumpen und Turbinen können zentral gesteuert werden. Störungen werden sofort angezeigt.

Sämtliche Wasserleitungen sind im Boden vergraben

Das Überwachungssystem erfasst 4800 relevante Wasserobjekte mit insgesamt fast 68.000 Datenfunktionen. Täglich werden zwischen 8000 und 12.000 Ereignisse sowie 800 bis 1000 Alarme gemeldet und weiter verarbeitet.

Sämtliche Wasserleitungen sind im Boden vergraben. Hauptleitungen liegen in einer tiefe von zwei bis sechs Metern. Das schützt zum einen vor Frostschäden, zum anderen wird im Sommer eine zu starke Erwärmung des Wassers verhindert. „Bei Temperaturen über 25 Grad Celsius vermehren sich die Legionellen“, sagt Hermann Löhner, der bei der EnBW Regional AG für die Wasserversorgung und Infrastruktur in Stuttgart zuständig ist.

Das Vergraben der Leitungen schützt zudem vor unzulässigen Eingriffen in die Wasserversorgung durch Dritte. Dieser Vorteil wird allerdings durch den Nachteil erkauft, dass der Zustand der Leitungen nur schwer zu kontrollieren ist.

„Die jetzt gebrochene Wasserleitung in Kaltental stand bei uns nicht auf der Prioritätenliste“

Auf Grundlage einer seit 2007 vorliegenden Zustandsanalyse des Leitungssystems werden seither nach einer Prioritätenliste die zum Teil in die Jahre gekommenen Leitungen saniert oder erneuert. Beispiele sind die Transportleitung Birkenwäldle mit der Unterquerung der Heilbronner Straße im Jahr 2008 für 4,5 Millionen Euro oder die Zubringerleitung zwischen Wasserwerk Berg und Urachplatz für 2,3 Millionen Euro im selben Jahr.

„Die jetzt gebrochene Wasserleitung in Kaltental stand bei uns nicht auf der Prioritätenliste“, sagt Löhner. Man kenne zwar den Zustand der Leitungen, „aber die Eintrittswahrscheinlichkeit von Schadensfällen kennen wir nicht“. Der aktuelle Schadensfall werde nun aber über ein standardisiertes Rechenprogramm analysiert und vermutlich der betroffenen 9,4 Kilometer langen Transportleitung von Rohr nach Degerloch einen höheren Platz in der Prioritätenliste bringen.

Seit 2003 hat die EnBW etwa 50 Millionen Euro in das bestehende Wasserversorgungssystem investiert, versichert Löhner. Als ­Indiz für den hohen Standard des Leitungssystems in Stuttgart nennt er einen Wasserverlust von 10,5 Prozent, wovon nur etwa die Hälfte undichten Stellen geschuldet sei. In anderen Kommunen läge der Wasser­verlust bei 14 bis 15 Prozent. „In London ­betragen die Wasserverluste sogar 30 Prozent“, sagt Löhner.

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