Konzertmeister Martin Joop ist ein Geiger mit ­geschmeidigem Ton Foto: Orchester

Das Barockorchester Il Gusto Barocco unter der Leitung von Jörg Halubek (vom Cembalo aus) hat am Freitagabend in der gut besuchten, extrem halligen Stuttgarter Johanneskirche am Feuersee eine Konzertreihe eröffnet: In fünf Konzerten will es die experimentellen Farben der Orchesterbesetzungen Vivaldis zum Klingen bringen.

Stuttgart - „Er war ein langweiliger Mensch, der ein und dasselbe Konzert 400-mal geschrieben hat.“ Igor Strawinskys Spott, auf Antonio Vivaldi gemünzt, zeugt aus heutiger Sicht von wenig Werkkenntnis. Obendrein schätzte etwa der Musikforscher Alfred Einstein Bachs Vivaldi-Bearbeitungen weit höher ein als die ihm ­damals bekannten Originalkompositionen. Geringschätzung entgegenwirken will die am Freitagabend in der gut besuchten, extrem halligen Stuttgarter Johanneskirche am Feuersee eröffnete Konzertreihe mit dem Barockorchester Il Gusto Barocco unter der Leitung von Jörg Halubek (vom Cembalo aus). In fünf, von Vorträgen begleiteten Konzerten will sie die experimentellen Farben der Orchesterbesetzungen Vivaldis zum Klingen bringen. Hinzu kommen Bildungsprojekte für Schüler und mitwirkende junge Instrumentalisten.

Was spieltechnischen Schwung, Sturm und Drang und gestalterische Finesse bis in die langsamen Sätze hinein anbetrifft, machte das Barockensemble Il Gusto Barocco gleich im ersten Konzert seinem Namen alle Ehre als eine auf historisch informiertes Musizieren abonnierte Barock-Instanz – ohne jenes ­exzessive Tosen und Toben, mit dem sich vorzugsweise italienische Ensembles am „rot(haarig)en Priester“ Vivaldi abarbeiten und ihn nicht selten dabei erlegen. Die Solokonzerte bieten zweifellos nahezu alles auf, was man von Vivaldi erwartet. Ariose Stimmungskontraste gehören zum guten, mit verhaltener Virtuosität ausgespielten Ton. Konzertmeister Martin Jopp als Solist im Violinkonzert RV 277 e-Moll „Il Favorite“ ist ein Geiger, der – wie Jonathan Pesek als Solist im Cellokonzert des Vivaldi-Zeitgenossen Leonardo Leo – die Kantilenen vorzüglich ausgestaltet und mit geschmeidigem Ton etwa die rhythmischen Reverenzen an das „Herbst“-Finale aus Vivaldis „Die Jahreszeiten“ markiert. Klanglich etwas im Hintergrund agierten Daniele Caminiti, Solist im wegen seines Mittelsatzes geradezu süchtig machenden d-Moll-Konzert RV 93 für Laute, und Claire Gennewein als Solistin im Flötenkonzert von Nicola Porpora.

Völlig anders als bei der kontrapunktischen Komponierkunst Johann Sebastian Bachs dominieren bei Vivaldi nicht selten Klangbänder, wie im Konzert für vier Violinen zu erleben war – eben ein „Karneval der Instrumentalfarben“ (Eigenwerbung). Tatsächlich hört man von Ensembles aus der ­Region selten ähnlich aufregend und farbig dargebotene Barockmusik.

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