Erst schwimmt Jan Frodeno 3,8 km im eigenen Pool, dann setzt er sich aufs Rad und strampelt 180 km auf der Rolle, schließlich absolviert er einen Marathon auf dem Laufband. Foto: dpa/Felix Rüdiger

Sportprofis werden in der Corona-Krise erfinderisch. Ironman-Star Jan Frodeno absolviert einen kompletten Wettkampf zu Hause, die Radprofis starten demnächst virtuell in die Tour de Suisse in fünf Etappen.

Stuttgart - Was macht 42 195 geteilt durch sieben? Leicht aufgerundet 6028. So oft ist der Franzose Elisha Nochomovitz von einer Ecke seines Balkons in die andere gelaufen, bis er schließlich die Distanz von 42,195 Kilometern absolviert hatte. Der Freizeit-Läufer, der in einem Vorort von Toulouse lebt, war sechs Stunden und 48 Minuten unterwegs, seine Frau unterstützte ihn in dieser Zeit als Verpflegungs- und Streckenhelferin – wobei es wichtiger gewesen sein dürfte, dem Gatten Getränke und Energieriegel zu reichen, es sollte nahezu unmöglich gewesen sein, sich auf dem sieben Meter langen Balkon zu verlaufen. „Ich wollte die Anweisungen der Regierung befolgen“, begründete Nochomovitz, „ich wollte nicht rausgehen, um den Leuten zu zeigen, dass man zu Hause auch Sport treiben kann. Der Balkon ist sieben Meter lang – ich fand, das reicht.“ Was seine Nachbarn vom fast siebenstündigen Balkonien-Marathon hielten, teilte der Hobbyläufer allerdings nicht mit.

Menschen kommen auf die irrwitzigsten Ideen, um sich in der Corona-Krise fit zu halten, ohne die Verhaltensregeln zu verletzen. Jan Frodeno lebt in Girona an der Costa Brava, in Spanien gilt ebenfalls die strikte Ausgangssperre. Der gebürtige Kölner hat im Vergleich zum lauffreudigen Franzosen ein Plus: Er besitzt ein Haus. Mehr noch: Der Triathlon-Star und dreimalige Gewinner des Ironman Hawaii hat in das Domizil einen Pool mit Gegenstrom-Anlage einbauen lassen, so dass er jederzeit sein Schwimmpensum abstrampeln kann. Zudem hat sich der 38-Jährige ein persönliches „pain cave“ eingerichtet, ein Zimmer der Schmerzen, in dem sich aber keine obskuren Geräte und Vorrichtungen befinden, sondern lediglich eine Rolle fürs Radtraining sowie ein Laufband.

Die anvisierte Zeit beträgt zehn Stunden

Wettkämpfe finden nicht statt, die Ironman-Events in Roth und Frankfurt wurden abgesagt wie viele in aller Welt, andere verschoben – noch weiß niemand, wann wieder ein Startschuss fällt. Also macht Jan Frodeno diesen Samstag den Ironman dahoam. Um 8 Uhr geht’s ins Wasser. Er schwimmt 3,8 km im Pool, fährt 180 km mit dem Rad auf der Rolle und läuft 42,195 km auf dem Band – alles läuft live auf seiner Facebook-Seite im Netz. Über die Internet-Plattform Zwift fährt der Triathlet eine virtuelle Strecke, ambitionierte Fans können sich auf der Plattform in Echtzeit dazu schalten und gegen den Star fahren. Spätestens nach zehn Stunden will Frodeno im Ziel sein.

Durch Spenden von Sponsoren und Fans will er mit der Aktion Tri@home für einen guten Zweck sammeln. „Mittlerweile sollten die Leute ja wissen, dass ich eine kleine Meise habe“, sagt der Olympiasieger von 2008, „ich will zeigen, dass man sehr viel daheim machen kann.“ Er betont, dass es ihm nicht darum geht, eine Fabelzeit aufzustellen oder eine Sensationsleistung hinzulegen. „Mein Fitnessstand ist ohnehin auf einem anderen Level, als es eigentlich der Fall wäre“, sagt er.

Radprofis fahren Tour de Suisse virtuell

Die Fußballer, die nun in Deutschland wieder real trainieren dürfen, forderten sich davor mit der Toilettenpapier-Challenge heraus. Es galt, eine Rolle wie einen Ball zu jonglieren, Jérôme Boateng vom FC Bayern legt sie sich sogar kurz in den Nacken. Bei den Radprofis steckt mehr Seriosität im Duell. 13 Fahrer traten auf einer Trainingsplattform auf den letzten 32 Kilometern der abgesagten Flandern-Rundfahrt gegeneinander an – es siegte der Belgier Greg van Avermaet. Nun geht es für die Radstars in die Schweiz. Virtuell. Da die reale Tour de Suisse ausfällt, wird die Rundfahrt eben auch indirekt ausgetragen – als digitales Rennen in fünf Etappen. Gefahren wird auf Ergometern mit Internetverbindung, als Kulisse dienen gefilmte Originalstrecken. Die Rennfahrer sehen auf dem Monitor die Strecke und ihre Position in Echtzeit, das Ergometer regelt je nach Rennverlauf den Widerstand der Pedale – wie bei der Flandern-Rundfahrt. Die Corona-Krise macht Sport neu erlebbar.

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