Der Treppentreff vor der Friedenskirche fand zum hundertsten Mal statt. Zu diesem Anlass gab es ein Fest und Pastor Holger Panteleit verteilte Blumen. Foto: Roberto Bulgrin

Aus der Givebox und dem Fairteiler an der Esslinger Friedenskirchen kann sich jeder holen, was andere übrig haben. Aus diesem nachhaltigen Umschlagplatz ist ein wichtiger sozialer Treffpunkt geworden.

Angefangen hat alles mit Dingen, die andere loswerden möchten. Wie ein Magnet, der viele unterschiedliche Menschen anzieht, wirke die Givebox vor der Esslinger Friedenskirche, sagt Beate Latendorf, die in der evangelisch-methodistischen Gemeinde für Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. Jeder kann in diese Box Bücher, Geschirr, Spielsachen oder andere nützliche Dinge legen, die er selbst nicht mehr braucht, die aber zu schade zum Wegschmeißen sind. Die Kiste wurde bei einem Projekt im Esslinger Kulturzentrum Komma gezimmert, zur Einweihung 2014 kam sogar der damalige Umweltminister Franz Untersteller (Grüne). Wer etwas haben möchte, greift einfach zu. Das gilt genauso für den Fairteiler, in diesem Fall ein grüner Holzschrank, in den ehrenamtliche Foodsharer die vor der Vernichtung geretteten Lebensmittel legen.

 

Ganz im Sinne der Nachhaltigkeit ist so vor der Friedenskirche ein reger Austausch entstanden – nicht nur von Gegenständen. Denn viele, die in den Boxen stöberten, sind noch etwas geblieben und haben sich zum Plaudern auf die Eingangstreppe der Kirche gesetzt. „Jetzt fehlt eigentlich nur noch eine Tasse Kaffee“, hat irgendwann mal jemand gescherzt. Zwei Gemeindemitglieder griffen diese Idee auf und es entwickelte sich daraus der „Treppentreff“. Jeden Mittwoch von elf bis 15 Uhr bietet ein Team von fünf bis sechs Ehrenamtlichen um den angehenden Pastor Benedikt Hanak vor der Friedenskirche gratis Kaffee oder Tee an, dazu gibt es selbst gebackenen Kuchen und manchmal auch Gebäck aus dem Fairteiler. In dieser Woche fand der Treppentreff zum hundertsten Mal statt, gefeiert wurde das mit einem kleinen Fest.

„Es ist ein Kommen und Gehen und die unterschiedlichsten Leute aus dem Quartier lernen sich kennen“, beschreibt Beate Latendorf das Projekt, auch viele Migrantinnen und Migranten würden kommen. Jede Woche seien es rund 50 Personen. „Es ist auch ein Angebot für den sozialen Frieden, hier werden Vorurteile abgebaut“, ist sie überzeugt. „Wir sind bewusst nach draußen gegangen, als christliche Gemeinde wollen wir auch vor der Kirche sichtbar sein, das Umfeld in den Blick nehmen und für die Menschen ein offenes Ohr haben“, sagt Pastor Holger Panteleit. Sprachbarrieren gibt es kaum. „Man verständigt sich mit Händen, Füßen oder Handyübersetzer – es findet sich immer ein Weg“, berichtet die Gemeindevertreterin Monika Kümmerer.

Ob es regnet oder schneit – der Treppentreff findet statt

Ausgefallen ist der Treppentreff praktisch noch nie – egal, ob es draußen geschneit, geregnet oder gestürmt hat. „Wir sind immer da, das wird sehr honoriert“, sagt Holger Panteleit, „diese Anteilnahme hat etwas Integrierendes und Stabilisierendes für die Menschen“. Zwar gibt es die Möglichkeit, sich drinnen in der Kirche aufzuwärmen. Aber die meisten würden selbst im Winter lieber draußen Platz nehmen. Gegen Regen oder zu viel Sonne hat die Kirchengemeinde inzwischen einen Pavillon angeschafft.

Ob jemand religiös ist, einem anderen Glauben angehört oder mit der Kirche nichts am Hut hat, spielt keine Rolle. „Wir halten uns bewusst zurück, aber wenn jemand das Gespräch sucht, sind wir da“, sagt der Pfarrer der Freikirche. Es komme immer wieder vor, dass Besucher beim Treppentreff noch zurückhaltend sind, ihn aber Tage später im Büro besuchen und um Rat fragen. Einige Menschen, die mittwochs zum Kaffeetrinken kommen, ziehe es inzwischen auch in die Gottesdienste. So geht es auch Moujan Taher, die ursprünglich aus Persien stammt. Sie sei nicht religiös, sagt die 44-Jährige, aber jetzt gehe sie häufiger in die Kirche. „Für mich ist das hier wie Familie. Die Menschen sind offen und das ist das Entscheidende“, berichtet sie. Auch für Okab Alsaid, der aus Syrien flüchten musste, ist der Treppentreff zu einem Stück Heimat geworden. „Ich bin verloren in Deutschland“, sagt der 40-Jährige. Vor der Kirche treffe er aber immer wieder Menschen, die ihn unterstützen würden. Es ist ein Geben und Nehmen. So hat Sigrid Cremer ein Paar aus Afghanistan kennengelernt. Seitdem hilft die 77-Jährige den beiden beim Lernen für die Deutschprüfung. Im Gegenzug hat der Mann den platten Reifen ihres Fahrrads repariert. „Ich würde es jedem empfehlen, es ist die beste Gelegenheit, um seinen Horizont zu erweitern und offener zu werden“, sagt der 63-jährige Michael Grosse, regelmäßiger Gast beim Treppentreff.

Ein Stück Heimat in der Fremde

Ein offizielles Quartierzentrum ist der Treppentreff der Friedenskirche zwar nicht, verfolgt werden freilich ähnliche Ziele wie bei der Esslinger Quartiersarbeit: das Zusammenleben im Stadtteil bereichern und soziale Hürden überwinden. Edda Leimbach, Leiterin der Koordinierungsstelle Quartier, begrüßt das Projekt deshalb sehr und kann sich weitere Kooperationen vorstellen.

Fairteiler als Anlaufstelle

Foodsharing
Die Plattform Foodsharing, die 2012 online gegangen ist, setzt sich für einen verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen und ein nachhaltiges Ernährungssystem ein. Die Initiative strebt nach eigenen Angaben an, die Verschwendung von Lebensmitteln bis 2030 zu halbieren und in der Folge dann zu beenden.

Fairteiler
Täglich landen tonnenweise Lebensmittel im Müll, darunter vieles, was noch genießbar ist, der Handel aber nicht mehr verkaufen kann oder will. Gleichzeitig wächst hierzulande die Zahl bedürftiger Menschen. Dagegen wollen die Ehrenamtlichen etwas tun, die sich der Foodsharing-Bewegung angeschlossen haben. Als Foodsaver betreuen sie die Fairteiler, das sind Schränke oder Boxen, in denen noch essbare Lebensmittel abgelegt werden. Jeder darf sich kostenlos bedienen. Neben dem Fairteiler an der Friedenskirche, Friedensstraße 6, gibt es laut Foodsharing-Homepage in Esslingen einen an der Flandernstraße.