Manuel slackt bereits seit acht Jahren. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Ob kurz, lang, hoch oder tief – ein schlaffes Seil bewirkt Erstaunliches an Körper und Geist. Der Verein Slackline Stuttgart baut für Freunde der Balance wacklige Strecken aus Kunstfaserbändern.

Stuttgart - Langsam schwingt das Kunstfaserband unter Christians Gewicht hin und her. Der Blick des Sportlers richtet sich auf einen festen Punkt in der Ferne. Das unterstützt seine Konzentration und sein Gleichgewicht beim Surfen. Christian ist kein Wassersportler. „Surfen“ heißt einer der vielen Tricks, mit denen Könner auf der Slackline beeindrucken.

Mehr als 40 Menschen treffen sich jede Woche im Rahmen von Sport im Park zum Slacken, wie man im Fachjargon sagt. Der Verein Slackline Stuttgart baut dafür mehrere Strecken mit unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad im Stadtpark an der Universität auf. Die Vereinsmitglieder befestigen zahlreiche Stützen und große Holzrahmen, zwischen denen sie die Kunstfaserbänder spannen, im Boden. Denn in Stuttgart ist es verboten, Slacklines an Bäumen anzubringen.

Je weniger Spannung, desto schwieriger

Christian ist ein Naturtalent auf der Slackline. „Vor vier oder fünf Jahren habe ich es zum ersten Mal ausprobiert und konnte gleich drüber laufen“, sagt er. Richtig losgelegt hat der 21-Jährige aber erst vor zwei Jahren. Gemessen an der kurzen Zeitspanne ist er heute ein richtiger Profi. „Am liebsten mag ich Lines mit so wenig Spannung wie möglich, die man hoch aufhängt“, sagt er. Je weniger gespannt eine Slackline ist, desto schwieriger ist es, sie zu kontrollieren. Denn dann hat das Band mehr Möglichkeiten, sich zu bewegen und zu wackeln. Die geringe Spannung gab dem Sportgerät überhaupt erst seinen Namen: „Slackline“ bedeutet wörtlich etwa „schlaffes Seil“.

Anfänger sollten jedoch auf so viel Spannung wie möglich setzen. „Alle haben auf einer fest gespannten Drei- bis Fünf-Meter-Line angefangen“, sagt Manuel Moser, Gründungsmitglied des Vereins Slackline Stuttgart. Ihm fiel der Einstieg in den Sport nicht so leicht wie Christian. „Am Anfang scheint es unmöglich“, sagt er. Doch der Ehrgeiz habe ihn nach dem ersten Versuch gepackt. Heute kennt Manuel alle Lines, besonders angetan haben es ihm die Longlines. „Es ist immer wieder eine Herausforderung, wenn die Line fünf Meter länger ist“, sagt er.

Slackliner müssen Ruhe bewahren

Balance, Konzentration und Ruhe sind für Slacker das A und O. Im Verein Slackline Stuttgart ist man sich einig: Slacken ist Kopfsache. „Eigentlich ist ein Adrenalinjunkie genau das Gegenteil von dem, was man fürs Slacken sein sollte“, sagt Manuel, „weil man extrem ruhig werden muss, um die Line zu kontrollieren und nicht abzustürzen.“ Die Bändigung der eigenen Unruhe weiß Manuel ganz besonders zu schätzen: „Wenn man einmal die Ruhe und den Fokus hat, dann bleibt das und schwingt auch in den Alltag mit über.“

Seit Jahren kämpft der Verein dagegen, dass man in der Stadt keine Lines an Bäumen befestigen darf. Einen kleinen Erfolg können die Mitglieder nun feiern: Die Stadt will bald Säulen, an denen die Lines gespannt werden dürfen, in einem Park errichten. Da die Maximalhöhe aber 1,50 Meter beträgt, profitiert Manuel davon nicht. Die langen Lines, mit denen er unterwegs ist, müssen viel höher aufgehängt werden, damit sie in der Mitte unter dem Gewicht des Slackers nicht auf den Boden durchhängen. „Aber die Bedürfnisse von Anfängern sind mit dem Angebot gut abgedeckt, und das freut uns“, sagt er. So kann künftig jeder den wackeligen Sport ausprobieren. Egal, ob man sich so leichttut wie Christian oder so viel Disziplin braucht wie Manuel.

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