Trends in Stuttgart „Gastronomie drängt Wohnen zurück“

Von Jan Sellner 

Alles strömt nach draußen. Das verändert die Stadt und das Zusammenleben. Veronika Kienzle, Bezirksvorsteherin von Stuttgart-Mitte, hat sich Gedanken gemacht, wie Event-Stadtgesellschaft und Anwohner zusammenfinden können.

Stuttgart - Die Stadt verändert sich. Summer in the City heißt heute: Open-Air-Veranstaltungen und Außengastronomie an jeder Ecke. Als Bezirksvorsteherin von Stuttgart-Mitte sieht Veronika Kienzle das mit einem lachenden und einem kritischen Auge. Ein Gespräch mit der Stuttgart-Kennerin – mitten in der City.

Frau Kienzle, die City boomt. In diesem Sommer ganz besonders. Freut Sie das?
Ja, ich freue mich darüber. Stuttgart ist in den letzten Jahren viel offener und gastfreundlicher geworden. Die Menschen suchen Gemeinschaft im öffentlichen Raum. Ich bin keine Spaßbremse, wenn ich darauf hinweise, dass damit auch Probleme verbunden sind.
Probleme? Wo hört der Spaß auf?
Anwohner und Gastronomie leben in einem Spannungsverhältnis. Die Klagen von Nachbarn nehmen in der Innenstadt zu. Da geht es um Lärm und Müll oder auch um brummende Abluftröhren in den Hinterhöfen von Lokalen. Das nervt Anwohner, denn nicht jeder Ort eignet sich, um nachts um drei Platten aufzulegen. In manchen Straßen ziehen dann die Anwohner weg, und wir haben ein Umfeld, das außer Gastronomie und Büros nichts mehr zulässt.
Zum Beispiel wo?
Nehmen Sie den Platz um den Hans-im- Glück-Brunnen, wo wir gerade sitzen. Hier haben bis vor wenigen Jahren mehr als 100 Menschen gewohnt, inzwischen gibt es nur noch sehr wenige richtige Wohnungen, der Rest sind Airbnb-Wohnungen oder Büros. Wohnen ist hier durch das Nachtleben fast nicht möglich, denn es gibt keine Ruhe mehr. Ein Stadtzentrum, das nur noch aus Airbnb-Nutzung besteht, ist am Ende auch für Touristen nicht mehr interessant. Da entstehen keine Nachbarschaften und kein gesellschaftlicher Zusammenhalt. Eine ähnliche Entwicklung beobachte ich in der Calwer Straße, der Eberhardstraße und in der Sophienstraße. Durch die Gastronomie wird das Wohnen immer stärker zurückgedrängt.
Wann hat diese Entwicklung eingesetzt?
Anfang der 1980er Jahre. Einer der Pioniere war das bis heute sehr beliebte La Concha am Wilhelmsplatz. Ich hab’ das selbst erlebt. Wir hatten damals richtige Glücksgefühle: Endlich wurden an einer Stelle in der Stadt abends mal nicht die Bürgersteige hochgeklappt. Diese grundsätzlich positive Entwicklung hat sich rasant beschleunigt. Inzwischen erleben wir einen anhaltenden Trend zur Szene- und Eventgastronomie – mit positiven und negativen Seiten. Zu Letzteren gehört auch, dass der Einzelhandel verdrängt wird. Die Pacht, die Gastronomen heute bezahlen, verdient man mit Knöpfen, Brillen und Mode nun mal nicht.
Es fehlen vielerorts die kleinen besonderen Läden in der City . . .
Ja, so ist es. Es gibt noch einzelne wunderliche Solitäre, bei denen man jeden Tag hofft, dass sie am anderen Tag auch noch da sind. Die Wahrscheinlichkeit ist aber groß, dass sie irgendwann einem Burger-Lokal weichen. Beim Thema Gastronomie geht es also um ganz viel – nämlich um das Zusammenleben und die Struktur einer Stadt. Das muss zwischen den Beteiligten ständig neu ausgehandelt werden.
Mannheim hat jetzt als erste Stadt in Deutschland einen ehrenamtlichen Nachtbürgermeister eingeführt, der sich den nächtlichen Themen und Problemen widmen soll. Was halten Sie davon?
Ich bin da sehr skeptisch. Das Beauftragtenwesen führt oft dazu, dass sich die Hauptamtlichen weniger zuständig fühlen. Für mich ist für das Thema Sicherheit, Ordnung und Anwohnerbeschwerden immer noch der Ordnungsbürgermeister zuständig, also der hauptamtliche „Tagbürgermeister“. Er muss das strukturieren und organisieren. Beauftragte sind oft wie Könige ohne Reich, sie haben keine eigene Verwaltung, keinen Etat und keine Weisungsbefugnis. Auf Anregung des Bezirksbeirats Mitte hin gibt es seit einigen Jahren einen Runden Tisch Gastronomie. Leider nehmen nicht alle Gastronomen teil. Das wäre für mich der Ort, an dem man solche Fragen zwischen Verwaltung, Gastronomen und Anwohnern diskutieren sollte. Die Stadt muss die Dinge in die Hand nehmen. Wir brauchen eine klare Haltung: Was lassen wir zu? Wo drücken wir ein Auge zu und wo nicht?
Klingt nach Kritik an Ordnungsbürgermeister Martin Schairer?
So scharf würde ich es nicht formulieren, aber ich finde schon, dass die Verwaltung deutlich sichtbarer werden sollte. Es gibt ein Tag- und ein Nachtgesicht dieser Stadt, und es gibt eine Verwaltung, die den Auftrag hat, darüber zu wachen. Die Anwohner dürfen nicht das Nachsehen haben.
Sie wollen klarere Regeln?
Regeln sind wichtig. Sie dürfen aber nicht starr sein, weil sich die Stadt sonst entsetzlich langweilig und rein kommerziell entwickeln würde. Ein Beispiel: Am Mozartplatz hat kürzlich eine WG abends Tische, Sofa und Stühle rausgestellt und ein spontanes Abendessen veranstaltet. Am Ende saßen dort viele Nachbarn zusammen. Wir brauchen kreative Köpfe, die auch mal über die Stränge schlagen und so etwas Innovatives wagen, wir brauchen aber auch einen kontinuierlichen Dialog darüber, wie das Zusammenleben aussehen soll.
In Stuttgart gibt es rund 3000 Gastronomiebetriebe, davon etwa 500 in der Innenstadt. Wird die Verwaltung dem gerecht?
Es bräuchte mehr Personal im zuständigen Amt für öffentliche Ordnung. Mit der gleichen Wucht, mit der sich der neue Lebensstil etabliert, müssen wir über das Thema Organisation nachdenken. Auch für die Bewältigung der vielen Großveranstaltungen. Dass ganze Zonen in der City komplett abgeriegelt sind, geht nicht. Wir wollen diese Feste ausdrücklich – wie aktuell das Sommerfest –, aber die Stadt muss für die Bürger durchlässig bleiben. Wir müssen auf ein Maß des Erträglichen zurückkommen. Die Sondernutzung darf nicht zur Hauptnutzung werden. Der öffentliche Raum ist nämlich für alle da – auch für Kinder und Ältere . . .
(Wenige Meter entfernt stürzt eine alte Frau über ein Loch im Asphalt. Die Interviewte und der Interviewer springen auf und helfen. Nach einigen Minuten setzen sie das Gespräch fort.) Das war ein Schreck . . .
Diese Stolperfallen sind selbst gemacht und nicht hinnehmbar. Wir haben Sorge zu tragen, dass die Leute sicher durch die Stadt kommen, gerade auch Ältere und Menschen mit Behinderungen. Verantwortlich für die vielen Schäden im Bodenbelag sind vor allem schwere Lkw, die die Lokale und die Veranstalter in der Innenstadt morgens beliefern. Das kann so nicht weitergehen. Ich bin für ein striktes Einfahrtsverbot für Lkw ab 7,46 Tonnen auf historischen Plätzen und neu gestalteten Straßen. Diese Lkw müssen außerhalb halten. Für die Reststrecke müssen Hubwagen eingesetzt werden. Auch da ist die Stadtverwaltung gefordert.

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