Wenn der Wasen lockt, führt der Weg häufig über Wernau. Das dortige Unternehmen Krüger Dirndl zeigt die Trends für Dirndl und Tracht. Mancher sucht auf den letzten Drücker noch ein fesches Outfit.
Eher brav und züchtig kommen die neuesten Dirndl-Modelle daher. Das berichten Dominik und Benjamin Henne, die in Wernau das Unternehmen Krüger Dirndl leiten. Wer vor dem Frühlingsfestbesuch noch schnell ein Outfit besorgen möchte, hat bei dem Familienunternehmen, das seit mehr als 60 Jahren spezialisiert ist auf modern interpretierte Trachtenmode, dazu Gelegenheit. Krüger versteht sich als Anlaufpunkt für alle Generationen – selbst trachtige Babymode liegt in Wernau im Regal.
Auf den letzten Drücker hat auch Julian Grözinger den Weg nach Wernau angetreten. Der Tisch im Festzelt ist fürs Wochenende schon reserviert, erzählt der Auszubildende aus Berglen (Rems-Murr-Kreis), der sich kurz vor dem Festbesuch noch zünftig einkleiden möchte.
Die erste eigene Lederhose fürs Festzelt
Gerade hat er eine Lederhose anprobiert. „Das ist die erste eigene“, erklärt der 19-Jährige schmunzelnd, der sich bei früheren Volks- und Frühlingsfestbesuchen das gute Stück im Freundeskreis ausleihen musste – immerhin waren für ihn Preise von 200 Euro aufwärts als Schüler nicht bezahlbar. Erst jetzt als Auszubildender könne er sich so ein gutes Stück leisten.
„Lederhosen sind in dieser Saison eher kurz“, beschreibt Dominik Henne den aktuellen Trend für die trachtenfreudigen Herren, während er im Showroom über die neuen Kollektionen berichtet. Zusammen mit seinem Bruder Benjamin führt der 38-Jährige das Wernauer Unternehmen.
Auch bei Kunde Julian Grözinger kommt die kurze Lederhose gut an: „Da habe ich im Festzelt beim Tanzen mehr Bewegungsfreiheit als bei den längeren Hosen“, stellt der junge Mann pragmatisch fest.
Von der Wiesn auf den Wasen
Mit Dirndl und Lederhose sind die Gäste auch beim diesjährigen Frühlingsfest gut und passend angezogen, davon sind Dominik und Benjamin Henne überzeugt. Das Brüderpaar sieht einen ungebrochenen Trend zur Tracht beziehungsweise zur „inspirierenden Eventmode“, wie es die beiden Hochdorfer formulieren.
Was man auf der Münchner Wiesn schon im vergangenen Jahr immer häufiger beobachten konnte, ist nun auch im Schwäbischen als klarer Trend festzustellen: „In den neuen Kollektionen haben wir kaum noch Glitzer, Perlen, Strass und Spitze. Die Mode hat sich um 180 Grad gedreht. Früher wären das Ladenhüter gewesen“, sagt Dominik Henne, während er und sein Bruder Dirndl der neuen Linie zeigen. Tatsächlich kommen diese neuen Modelle eher schlicht daher, wobei Rock, Mieder und Bluse gerne Ton in Ton kombiniert werden. Verschiedene Abstufungen von Schilf- bis Dunkelgrün, aber auch zahlreiche bordeaux- und auberginefarbene Dirndl hängen in dem großzügigen Raum, in dem die Brüder ihre Geschäftspartner empfangen.
Auf Schnäppchen-Suche im Outlet-Bereich
Gehalten hat sich der Trend zu eher hochgeschlossenen Blusen – und wenn schon mit Ausschnitt, dann fielen diese nicht mehr ganz so tief aus, wie noch vor Jahren, erklären die Trachtenfachmänner. Außerdem habe Krüger wieder mehr längere Röcke im Programm, bei denen das Knie bedeckt ist. Und während Samt als Material weiter eine Rolle spiele, werde auch Leinen immer häufiger im Trachtenbereich verarbeitet. Das Thema Rocklänge treibt auch zwei Freundinnen aus Kernen um. „Probier doch mal das längere Modell“, rät die eine und hält die Anprobe per Handyvideo fest. Eine Etage höher – im Outletbereich – lässt sich eine junge Stuttgarterin von ihrer Mutter filmen, wie sie eine graue Trachtenstrickjacke anprobiert. Nein, die Jacke sei nicht für sie, aber ihr Bruder, der per Videoanruf verbunden sei, habe daran Interesse, erklärt sie.
Hochzeit in Tracht ist auch ein Thema
Dieser Donnerstag sei bisher ein ruhiger Tag, berichtet die Filialleiterin Brigitte Weinmann. Jeder Tag sei anders, aber samstags stehe die Kundschaft vor den Umkleidekabinen Schlange, obwohl es 75 davon im Haus gebe. Auf ihrem Weg durch den großen Laden unterstützt sie kurz Kolleginnen bei der Beratung und erklärt nebenher, wo die Schleife der Schürze sitzen muss, wenn eine Frau noch Single ist (links) oder bereits vergeben (rechts). Dann führt Weinmann an einen besonderen Ort.
„Sag Ja in Tracht“ ermuntert ein Schild am Eingang zu einem verglasten Separee, in dem die Hochzeitsdirndl hängen. In allen Längen, allen Stilen und alle in Weiß. Hier glitzern Schürzen und Mieder noch festlich mit den Krönchen um die Wette, und Weinmann präsentiert den staunenden Besucherinnen ein Modell in Tüll samt Schleppe.
„Wir sind extrem damenlastig“, beschreibt Dominik Henne den Umstand, wonach zwei Drittel der Kundschaft weiblich sind. Viele kauften sich ein zweites oder ein drittes Outfit – was sich positiv aufs Geschäft auswirke. Immerhin habe Krüger 2024 mit einem mittleren zweistelligen Millionenbetrag sein bisher umsatzstärkstes Jahr in der Firmengeschichte verzeichnet.
Und das allen Krisen zum Trotz, wie Benjamin Henne betont. Alle wollten feiern. Die Menschen wollten den Alltag wenigstens für ein paar Tage vergessen und es sich auf dem Wasen gut gehen lassen. Das erlebe er auch live im Festzelt, wo das Unternehmen eine enge Partnerschaft mit Wilhelmers Schwabenwelt pflege. Seine Lieblingskooperation sei übrigens die mit dem VfB. Dafür habe man vor wenigen Jahren eigens eine VfB-Kollektion aufgelegt, mit der die VfB-Spieler ausgestattet werden.
Alles begann mit einer Änderungsschneiderei
Entwicklung
Die Unternehmensgeschichte begann mit der Änderungsschneiderei, in der Lisa und Erwin Henne von 1961 an in Plochingen Blusen und Röcke fertigten. 1964 erfolgte der Umzug nach Wernau, wo später die Brüder Thomas und Fritz Henne Schwäbische Landhausmode unter der Hauptmarke „Perry“ herstellten.
Familienbetrieb
2007 wurde die Firma unter Thomas Henne in die Krüger Dirndl GmbH umbenannt. Heute wird der Betrieb von den Brüdern Dominik (38) und Benjamin Henne (40) geführt.