Er macht offenbar alles richtig. Foto: /imago/Konstantin Postumitenko

Früher war man Sonderling, wenn man gesund leben wollte. Heute muss man es auf die ungesunde Art treiben, um aufzufallen, meint unser Kolumnist Jörg Scheller

Heute will ich Ihnen, geschätzte Leserschaft, einmal mein Herz ausschütten. Ausnahmsweise geht es nicht um große Themen wie Weltpolitik oder Kulturkämpfe, von denen hier sonst oft die Rede ist. Nein, eine banale narzisstische Kränkung ist der Anlass: Der gesellschaftliche Wandel hat mich meiner Alleinstellungsmerkmale beraubt!

 

Eine durch und durch paradoxe Essenz

Lange Zeit war ich ein Exot. Ich trinke keinen Alkohol. Ich rauche nicht. Ich konsumiere keine sonstigen Drogen. Ich höre und spiele brachialen Heavy Metal, schreibe aber auch über Kunst, Politik, Philosophie. Ich gehe als Professor für Kunstgeschichte einer eminent bürgerlichen Tätigkeit nach, treibe mich als Kraftsportler aber auch in dubiosen Milieus herum. So war ich die perfekte Kombination aus idealem Schwiegersohn und ein bisschen Nervenkitzel. Eine, wie man im Marketingsprech zu sagen pflegt, „Paradessenz“, eine paradoxe Essenz. Ich sonnte mich im Lichte meiner Besonderheit. Damit ist jetzt Schluss.

Überall um mich herum hören die Leute auf zu trinken und zu qualmen. Plötzlich sind alle clean oder „sober curious“. Die Absätze der allgegenwärtigen Alkoholdealer brechen ein. Früher musste ich mich für mein Abstinenzlertum rechtfertigen. Nun nickt man reihum verständig. Klar, Gesundheit, Selbstliebe, Achtsamkeit. Doch darum ging es mir nie. Mein Verzicht war Rebellion gegen die pichelnden und paffenden Mehrheitsspießer, keine Longevity-Religion. Aber das sieht man dem Nichtraucher, Nichtkiffer, Nichttrinker halt nicht an.

Kapitalismuskritik auf der Hantelbank

Und dann erst der Kraftsport, das Pumpen im Gym! Als ich im Heiligen Korntal aufwuchs, war ich der Erste in meiner Schulklasse, der ins Gym ging. Und es nie wieder verließ. In bildungsbürgerlichen Kreisen war das Gym noch verpönt. Die Achtundsechziger sahen darin einen Hort neoliberaler Selbstzurichtung. Arnold Schwarzenegger galt als kulturindustrieller Kretin. Heute hockt selbst der verbissenste Kapitalismuskritiker auf der Hantelbank.

Selbst Heavy Metal ist in die Mitte der Gesellschaft gerückt. Spitzenpolitiker wie Japans Ministerpräsidentin Sanae Takaichi hören und spielen ihn, Hochschulen unterrichten ihn, die Philharmonie de Paris richtete 2024 gar eine monumentale Metal-Ausstellung mit dem Titel Diabolus in Musica aus. Heavy Metal ergeht es wie einst den Impressionisten in der Kunst: Erst Bürgerschreck, dann Museumsgut. Damit bin auch ich museal geworden.

Was soll ich nur tun? Ich wäre so gerne wieder etwas Besonderes. Etwas Interessantes. Avantgarde! Vielleicht sollte ich mit dem Trinken anfangen. Die Weltlage spricht ohnehin dafür.