Jette Bischoff und Melina Schill lernen in Gärtringen den Beruf der Bestatterin und damit auch den Umgang mit dem Tod. Die jungen Frauen wissen sogar, wie sie bestattet werden wollen.
Für die meisten Menschen, die das Bestattungsinstitut Rühle im Finkenweg betreten, ist es der wohl schwerste Gang ihres Lebens. Sie haben einen nahen Verwandten oder Freund verloren und müssen sich nun mit der Beerdigung des geliebten Menschen befassen. Für Jette Bischoff und Melina Schill ist der Gang ins Bestattungshaus nicht mehr außergewöhnlich. Die beiden jungen Frauen machen eine Ausbildung zur Bestattungsfachkraft – eine der wenigen Branchen, die mehr Nachfrage haben, als Ausbildungsplätze.
Jette Bischoff und Melina Schill, 22 und 19 Jahre jung, arbeiten in einem Bereich, der für viele Menschen undenkbar wäre. Weshalb? „Ich hatte schon als Kind den Berufswunsch. In der Jugend habe ich Praktika beim Bestatter gemacht“, erzählt Schill. Die Oberjesingerin hat zunächst eine Pflegefachausbildung gemacht – etwas, was ihr heute in der hygienischen Versorgung, früher Waschung, – des Toten hilft. Seit September ist die 19-Jährige Teil im Team von Inhaberin Simone Linzenbold-Rühle.
Die junge Frau wollte in einen Familienbetrieb
So vorgezeichnet wie bei Schill war der berufliche Weg von Jette Bischoff nicht. Die Sauerländerin hatte es erst mit einem Lehramtsstudium probiert, sattelte dann aber auf die Ausbildung zur Bestattungsfachkraft um. „Ich wusste, ich möchte etwas Soziales machen. In der Schule habe ich Praktika in der Pathologie und einem Bestattungshaus gemacht. Daran habe ich letztlich angeknüpft“, erläutert die 22-Jährige. Trotz räumlicher Trennung von Familie und Freunden hat die Auszubildende im zweiten Lehrjahr mit dem Wegzug nach Gärtringen offenbar die richtige Entscheidung getroffen: „Ich wollte in einen Familienbetrieb, in dem Zwischenmenschlichkeit und praktisches Arbeiten groß geschrieben werden.“
Unter Anleitung erfahrener Kollegen lernen die Frauen drei Jahre lang das Einmaleins des Bestatterberufs: Beraten zu Särgen und Urnen, zu Dekoration, Blumenschmuck und Musik. Während dieser Teil leichter von der Hand gehe, müsse man in andere Tätigkeiten reinwachsen, erklärt Bischoff: „Ich habe Respekt vor Trauergespräche gehabt. Die richtigen Worte zu finden, ohne Floskeln zu sagen und Angehörige professionell und empathisch zu führen, ist herausfordernd.“ Mit Chefin Simone Linzenbold-Rühle übe sie daher regelmäßig, wie man tröstet, ohne abgedroschen zu klingen.
Das Schlimmste: junge Menschen im Sarg
Professionelle Distanz und Empathie – das sind bestatterische Grundtugenden. Doch es braucht auch Widerstandskraft, wenn man täglich mit belastenden Inhalten konfrontiert ist. „Herausfordernd ist es, wenn junge Menschen vor einem liegen. Bei Kindern ist es besonders schwer“, erklärt Bischoff. In Extremsituationen und schrecklichen Anblicken helfe es ihr „alles auszublenden und sich auf das Tun zu konzentrieren“. Das war so, als sie mit ihrer Chefin zu einem Einsatz an Bahngleisen gerufen wurde.
Weil Fälle von toten Kindern, vor Trauer schreienden Angehörigen und unter Umständen entstellten verstorbenen Menschen durchaus auch Arbeitsalltag sein können, haben die Azubis ihre Ventile zum Abbau von Stress und Sorgen. „Wenn ich mich mit meinen Ponys beschäftige, verarbeite ich das Erlebte“, sagt Melina Schill. Auch Jette Bischoff hat ihren Ausgleich: „Ich spiele Klarinette und mache Sport. Und Reden hilft auch.“ Über emotional besonders belastende Einsätze werde regelmäßig gesprochen: „Unsere Chefin fragt uns immer, wie es uns geht – auch nach einer gewissen Zeit“, erzählen die beiden. Und trotz aller Professionalität – auch Bestatterinnen und Bestatter dürfen ein Tränchen verdrücken, sagt Simone Linzenbold-Rühle.
Verstorbene dürfen alles anhaben: auch ein VfB-Trickot
Suizide oder wochenlang vor sich hin verwesende Verstorbene in Wohnungen gebe es im Kreis Böblingen glücklicherweise nicht so häufig. Die Regel ist die Betreuung von Familien und Verstorbenen, bei der keine extreme Sondersituation vorliegt. Täglich zum Beispiel ist die hygienische Versorgung des Verstorbenen – eine der Lieblingstätigkeiten von Melina Schill. Dafür steht die 19-Jährige dann stundenlang in einem kühlen Raum mit Metallbahre, Waschbecken und Katafalk. „Hier werden die Toten hygienisch versorgt und angezogen“, sagt Schill. Ankleidewünschen sind jedenfalls keine Grenzen gesetzt, weiß Jette Bischoff: „Wir haben schon VfB-Trikots, Feuerwehruniformen oder Hochzeitskleider angezogen.“ Wenn die Verstorbenen würdevoll hergerichtet sind, besteht für Angehörige die Möglichkeit, sich ein letztes Mal von ihnen zu verabschieden.
Klar ist, das Arbeiten mit dem Tod hat die jungen Frauen geprägt. „Man lebt bewusster, wenn man weiß, wie schnell es vorbei sein kann“, betont Bischoff. Sogar über ihre eigene Beerdigung haben die 19 und 22 Jahre alten Azubis schon nachgedacht: „Ich möchte in eine Urne bestattet werden, nicht aber in einem Kolumbarium“, sagt Jette Bischoff. Melina Schill ist sicher trotz ihres Alters sicher: „Ich möchte eine ganz klassische Erdbestattung in einem Sarg.“
Weil das Bestatterwesen ein sich ständig verändernder Berufszweig ist, ist er bei jungen Menschen wie Jette Bischoff und Melina Schill beliebt. „Wir mögen die Abwechslung und die Sinnhaftigkeit. Wir können Menschen in den schwersten Stunden Halt geben und den Verstorbenen mit Würde verabschieden“, sagen die Frauen und sind sich sicher, ihren persönlichen Traumjob gefunden zu haben.
Der Beruf des Bestatters
Trend
Der Anteil der Azubis der Bestattungsfachkraft hat sich deutschlandweit in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt – von 393 im Jahr 2014 auf 888 im Jahr 2024.
Zahlen im Land
In Baden-Württemberg belegen laut Bestatterinnung aktuell 108 Menschen die Ausbildung. Davon sind 43 männlich und 65 weiblich. In 2025 haben 30 Auszubildende die Abschlussprüfung erfolgreich abgeschlossen.