Laut einer Studie ziehen Menschen aus großen Städten vermehrt aufs Land. Auch Arne Wintermeier, Hotelier, Heilpraktiker und ehemaliger Bahnhofsmanager in Ludwigsburg, entscheidet sich für diesen Schritt. Warum? Und ist Stadtflucht ein neuer Trend?
Wenn Arne Wintermeier in gut drei Monaten Ludwigsburg den Rücken kehrt und in den Nordschwarzwald zieht, dann wird er vor allem die Menschen vermissen, die ihm in den vergangenen 20 Jahren ans Herz gewachsen sind. Künftig muss er in die Barockstadt anderthalb Stunden mit dem Regionalzug fahren. Ihm fallen dennoch viele Gründe ein, warum er sich auf den Neuanfang in Freudenstadt freut. Weniger Stau. Mehr Ruhe. Bessere Luft. Weniger Anonymität. „Ich bin 45 Jahre alt. Jetzt ist der richtige Moment, wenn ich umsteuern will“, sagt er.
Ludwigsburg bedeutete anfangs viel für ihn
Arne Wintermeier ist im Kreis Böblingen und in einem Dorf bei Rottweil aufgewachsen – also eher ländlich. „Als Jugendlicher wollte ich unbedingt raus.“ Nach seiner Ausbildung in Herrenberg zog er 1998 nach Ludwigsburg. „Für mich hat die Stadt viel bedeutet.“ Er schätzte die mittlere Größe, die Kultur, den inhabergeführten Einzelhandel, die engagierte Stadtverwaltung und die ausgewogene soziale Stadtgesellschaft. „Leider hat sich das alles die letzten Jahre in meinen Augen erheblich geändert“, sagt er. Und er findet, Sicherheit und Sauberkeit in Ludwigsburg hätten nachgelassen.
In Freudenstadt will der Hotelier, ehemalige Ludwigsburger Bahnhofsmanager und Heilpraktiker gemeinsam mit Kollegen ein Hotel mit einem Fokus auf Gesundheit eröffnen: Fasten nach Buchinger soll dort möglich sein, außerdem naturheilkundliche Behandlungen als Ergänzung zur Schulmedizin. Ein solches Konzept sei schon wegen der Naturnähe in Freudenstadt besser vorstellbar als in Ludwigsburg, argumentiert Wintermeier.
Hohe Immobilienpreise sind nur ein Grund
Arne Wintermeier folgt damit einem gewissen Trend. In den vergangenen vier Jahren sind zunehmend mehr Menschen aus größeren Städten in den ländlichen Raum gezogen. Das hat eine Auswertung der Firma Empirica Regio ergeben, die Zahlen des Statistischen Bundesamts analysiert hat. Wanderten im Jahr 2018 mehr als 47 000 Menschen aus den sieben größten deutschen Städten – darunter Stuttgart – in direkt angrenzende Landkreise oder kreisfreie Städte ab, waren es 2021 bereits 56 600.
Die offensichtlichste Ursache für die Abwanderung sind die hohen Immobilienpreise in Großstädten. Doch das sei nicht der einzige Grund, sagt der Geograf Olaf Kühne, der an der Universität Tübingen den Lehrstuhl für Stadt- und Regionalentwicklung innehat. „In den Städten wurde in den vergangenen Jahren so viel nachverdichtet, dass es kaum mehr Platz gibt.“ Seit dem Ende des zweiten Weltkriegs nehmen die Menschen immer mehr Wohnfläche in Anspruch; im Jahr 2021 lag der Schnitt bei 47,7 Quadratmeter pro Kopf. Und im ländlicheren Raum besteht eben noch die Möglichkeit, ins Einfamilienhaus zu ziehen.
In den 60er und 70er Jahren zogen viele aufs Dorf
Durch die Coronapandemie und die Zunahme an flexiblen Arbeitsmodellen sei bei vielen außerdem der Zwang weggebrochen, fünfmal pro Woche an einem bestimmten Ort zu erscheinen, sagt Kühne. Wenn man nur noch an wenigen Tagen ins Büro fährt, ist es nicht weiter tragisch, wenn das etwas länger dauert. Einen weiteren Grund für die Stadtflucht sieht Olaf Kühne in schnellen Zugverbindungen sowie verhältnismäßig niedrigen Kosten fürs Pendeln. Es ist beispielsweise nichts Besonderes mehr, aus der Region Stuttgart nach Frankfurt zu pendeln oder aus Mannheim in die Landeshauptstadt.
Doch Wanderungsbewegungen zwischen Stadt und Land seien kein neuer Trend, Olaf Kühne spricht von „langfristigen Zyklen“. So seien im 19. Jahrhundert viele Menschen in die Städte gegangen, weil es dort Arbeit in der Industrie, im Bauwesen oder im Handwerk gab. In den 1960er und 1970er Jahren kehrten dann vor allem vermögende Menschen den Städten den Rücken, „das lag auch am Auto, nun wurden sehr lange Wege zur Arbeit gependelt“.
Diejenigen, die es sich leisten konnten, zogen in Einfamilienhäuser in kleineren Orten. In den Städten blieben vorwiegend weniger vermögende Menschen. „In den 2000er und 2010er Jahren hat sich das stark verändert“, sagt Kühne. Städte wurden attraktiver, Wohnviertel modernisiert, teils wurden dadurch langjährige Anwohner durch steigende Preise verdrängt – Stichwort Gentrifizierung. „Die Menschen ziehen immer dorthin, wo sie sich die besten Verhältnisse erwarten“, sagt Olaf Kühne. Und ein echtes „Landleben“ gebe es in Deutschland kaum mehr, die heutigen Dörfer seien nicht mehr vorwiegend von Landwirtschaft geprägt, sondern „multifunktionale Siedlungen“, in denen es maximal noch ein oder zwei Bauern gebe. Sofern das Internet dort gut ausgebaut sei, könnten die Menschen in „peripheren Räumen“ eben oftmals genauso gut arbeiten wie in Städten, erklärt er.
Mensch sei nicht für Großstadt gemacht
Zwei Jahre lang, 2015 und 2016, hat der Noch-Ludwigsburger Arne Wintermeier übrigens in einer richtigen Großstadt gelebt: Während seiner Ausbildung zum Heilpraktiker war er in Berlin. „Ich bin dort täglich Armut, Kriminalität und Gleichgültigkeit begegnet.“ Die Anonymität in der Großstadt trage dazu bei, dass Menschen sich maßlos verhielten, glaubt er. Ihm sei in Berlin klar geworden, dass der Mensch nicht dafür gemacht sei, in einer Großstadt zu leben. Zumindest er nicht.
Im März kommenden Jahres kehrt Arne Wintermeier der 92 000-Einwohner-Stadt Ludwigsburg den Rücken. Freudenstadt habe mit seinen knapp 24 000 Einwohnern eine gute Größe, findet er. Zwar glaube er nicht, dass dort „alles von Sonnenschein geprägt“ sein werde, betont er. Doch er freue sich vor allem auf die Naturnähe: „Auch wenn es nach einem Werbeslogan klingt: Arbeiten und leben, wo andere Urlaub machen.“ Das habe definitiv Vorteile gegenüber: Wohnen, wo andere im Stau stehen.