An der Dürnitz im Alten Schloss führt kein Weg vorbei – wenn man in der City nach einem Treffpunkt sucht. Begegnungsräume, wie diesen, braucht es mehr. Ein Kommentar von Jan Sellner.
Ein Fünf-Jahr-Jubiläum ist eigentlich nicht der Rede wert. In diesem Fall ist das anders. Dabei spielt es gar keine Rolle, ob es die Dürnitz im Alten Schloss, diesen modernen Raum mit dem altertümlichen Namen, drei vier oder fünf Jahre gibt, denn es fühlt sich so an, als sei er immer schon da gewesen. In mittelalterlichen Burgen und Schlössern bezeichnete Dürnitz den zentralen, beheizbaren Speise-, Wohn- und Gemeinschaftsraum. Die vom Landesmuseum Württemberg runderneuerte und im September 2021 eröffnete Dürnitz steht in dieser Tradition und ist doch auch anders, nämlich kein kein exklusiver Ort für eine wie immer geartete Schlossgesellschaft, sondern ein Treffpunkt für die Stadtgesellschaft. Ein Raum, der allen offen steht.
Mehr als 390 000 Besucher im vergangenen Jahr
Begegnungsräume schaffen, das wollen heute eigentlich alle. Gleichzeitig tun sich viele Institutionen und Einrichtungen noch immer schwer damit, das auch umzusetzen. Das Landesmuseum jedoch, so gilt es anerkennend festzustellen, hat dieses Versprechen durch den von der früheren Museumschefin Cornelia Ewigleben angeschobenen Umbau vollumfänglich eingelöst. Bald fünf Jahre nach der Einweihung fragt heute keiner mehr: Warst Du schon mal in der Dürnitz? Die Frage lautet vielmehr: Wann warst Du zuletzt dort? Im vergangenen Jahr zählte das Museum dort mehr als 390 000 Besucherinnen und Besucher. Dazu kamen 114 Veranstaltungen. „Das Konzept eines öffentlichen Raumes inmitten der Stuttgarter Innenstadt ist vollends aufgegangen“, hört man Christina Haak, die Museumsdirektorin beglückt sagen.
Zu diesem Konzept gehören – bildhaft gesprochen – niedrige Türschwellen, ein Wohlfühlambiente und ein großes Maß Ungezwungenheit. Wer hier herkommt, kann, muss aber nicht, konsumieren. Nach dem Vorbild bayerischer Biergärten sind Besucher eingeladen, Essen mitzubringen. Im Museumscafé wird dennoch fleißig geordert, weil das Gesamtangebot in Stuttgarts schönstem Pausenraum stimmt. Die Dürnitz ist aber noch mehr: Sie ist gleichermaßen Treffpunkt, Lounge, Wohnzimmer und Working-Space. Wann immer man den Raum betritt, sind da Leute. Junge und alte große und kleine – und ganz kleine. Hier wird gespielt, gegessen, geplauscht, gelesen, gearbeitet, gewickelt (Babys), sich gewärmt und sich verabredet. Ein mustergültiger „Dritter Ort“, wie der US-Soziologe Ray Oldenburg jene sozialen Treffpunkte beschreibt, die außerhalb der vertrauten vier Wände (des ersten Ortes) und des Arbeitsplatzes (des zweiten Ortes) für Menschen wichtig sind.
Das Phänomen Dürnitz zeigt, wie sich der Charakter von Räumen durch kluge Planung wandeln kann – von abweisend zu einladend. Jahrzehntelang hatte sich der Raum in einer Art Dornröschenschlaf befunden. Nicht Dornen, sondern Dunkelheit verunmöglichten den Aufenthalt. Schwere Vorhänge verhängten die Sicht. Dieser Gruft wollte man entfliehen und nicht sich darin niederlassen. Heute ist die Dürnitz ein lichtdurchflutetes Beispiel dafür, wie man tote Foyers beleben kann.
Davon gibt es einige in der Stadt. Das Haus der Geschichte fällt einem ein. Auch Foyers, die für die Öffentlichkeit nicht oder noch nicht zugänglich sind. Man stelle sich vor – eine Idee des Stuttgarter Gestalters Johannes Milla aufgreifend –, das Neue Schloss würde sich Besuchern öffnen und ähnlich einladend gestaltet sein, mit Öffnung hin zum Schlossgarten. Das Alte und das Neue Schloss, zwei große, helle Wohnzimmer in der City – das hätte Charme!