Engagieren sich für Frauenrechte – und auch für Frauen in Not: die Damen vom Kulturzentrum Sarah im Westen Foto: Nina Ayerle

Das Sarah an der Johannesstraße ist das älteste Frauenkulturzentrum Deutschlands – inzwischen auch das letzte noch existierende in Stuttgart. Am 10. November feiern die Frauen den 40. Geburtstag des Zentrums – einer Mischung aus Kulturtreff, Café und Wohnhaus.

S-West - In letzten 40 Jahren waren in dem Haus kaum Männer. „Allenfalls der Vermieter, mal ein Fotograf oder ein Handwerker“, sagt Patrizia Schanz, Vorsitzende des Fördervereins.

Das Frauenkulturzentrum Sarah an der Johannesstraße im Westen ist, wie der Namen schon sagt, Frauen vorbehalten. Das soll auch so bleiben. Ein Ort für Frauen, an dem sie sich alleine treffen konnten – das gab es Ende der 1980er Jahre nicht. Die Gründerin Odile Laufner und ihre Freundinnen trafen sich zu dieser Zeit, der ersten aufkommenden Frauenbewegung, noch in einem ungeheizten Hinterzimmer. Der Architektin Laufner schwebte aber ein eigenes Haus vor. In dem ehemaligen Landeskriminalamt wurden sie nach langer Suche fündig.

Das Haus vereinte Wohnen und Arbeiten unter einem Dach – nur für Frauen allerdings

Die Frauen hatten das angemietete Haus mit viel persönlichem Einsatz, aber auch eigenem Geld, für ihre Zwecke umgebaut – mit Erlaubnis des Vermieters. Seine Mutter hatte sich für die Damen eingesetzt. „Das war ein früher Akt von Frauensolidarität“, sagt Ingrid Keilbach, zweite Vorstandsfrau des Vereins. Sie ist seit 2012 im Sarah dabei.

Ein Ort nur für Frauen – warum war das nötig? Viele Frauen, die damals im Sarah ein uns aus gingen, waren lesbisch oder alleinerziehend, erzählt Schanz. Sie haben deshalb alle einen geschützten Raum gesuchht, wo sie als Frauen unter sich sein konnten. Sie engagiert sich seit über zehn Jahren für das Sarah, erst im Ehrenamt, inzwischen ist sie hauptberuflich angestellt.

Frauen hatten in der Regel kein eigenes Leben, nicht allzu viel eigene Rechte. Deshalb wollten die Gründerinnen des Frauenkulturzentrums nicht nur ein Ort zum Wohnen und Arbeiten bieten, sondern sich auch vernetzen. Politisch engagiert war man im Sarah nämlich von Anfang an: „Das Ziel war Frauen, eine Stimme zu geben“, sagt Keilbach. „Das gab es ja vorher gar nicht.“

Eine Frauenbewegung ist notwendiger denn je

Es gab kulturelle Veranstaltungen im Haus wie Lesungen, Vernissagen und Vorträgen zu Frauenthemen. Zusätzlich gab es ein Fotolabor im Keller, eine Töpferei, eine Goldschmiede-Werkstatt und eine Bücherei für Frauen, die heute noch existiert. Zugleich haben die Frauen für ihre Rechte gekämpft, gingen auf Demonstrationen. „Bis Ende der 80er/90er waren wir noch sehr politisch“, sagt Schanz.

Danach wurde es etwas ruhiger. Das hatte auch gesellschaftliche Gründe: Die Frauenbewegungen der 70er und 80er Jahre haben viel erreicht. Viele Frauen sind mit dem bisher Erreichten zufrieden.

Braucht es da überhaupt noch ein Frauenzentrum wie das Sarah? „Mehr denn je“, sagen Schanz und Keilbach. Weltweit, nicht nur in Deutschland, gebe es weiterhin Ungerechtigkeiten, Sexismus und Gewalt gegen Frauen. „Daran hat sich bis heute nichts geändert“, sagt Schanz. Und: „Die Maskulinisten haben in den letzten Jahren wieder Zulauf bekommen.“ Je mehr die Frauen in alle Gesellschaftsbereiche vordringen, desto mehr gibt es Gegenwind von denen, die sich in ihrer männlichen Vormachtstellung bedroht fühlen. „Vor allem die rechten Kräfte sind wieder umtriebiger geworden“, sagt Schanz. Außerdem weist sie auf die Debatte um Abtreibungen hin. „Das ruft viele Frauen auf den Plan, die sich fragen, wo wir eigentlich leben. Wir haben 2018.“ Dieses Glorfizieren von alten Zeiten mancher Herren hat bei vielen jungen Frauen den Kampfgeist geweckt. Die vernetzen sich zwar besonders stark über das Internet, wie Schanz beobachtet, aber vielen kommen auch ins Sarah.

Maskulinisten fühlen sich plötzlich wieder stark – dagegen kämpfen die Frauen an

Auch, weil es mit der AfD wieder eine Partei gebe, die sich Frauen zurück an Herd wünsche. „Die rückwärtsgewandten Meinungen werden wieder hoffähig“, betont Keilbach. Diese Haltungen haben es zwar immer gegeben. Sie waren nie weg. „Aber man hat sich lange nicht mehr getraut, sie laut auszusprechen.“ Je mehr sich diese Meinungen ausbreiten, desto mehr müsse man dagegen kämpfen. Inzwischen gibt es ein großes Engagement für geflüchtete Frauen in Form von Kaffeetreffs und Deutschkursen. Es gibt einen Jugend-Islam-Talk, der so regen Zulauf fand, das die Gruppe inzwischen in größere Räume umziehen musste. Auch die Sisters, ein Verein der Frauen aus der Prostitution hilft, hat im Sarah Unterschlupf gefunden.

Doch zu alldem kommt noch etwas anderes: „Das Sarah, das war Heimat“, sagt Sabine Constabel. Die 59-Jährige hattedamals „ihre Tochter hinter der Theke großgezogen“, sagt sie augenzwinkernd. Man habe Feste gefeiert, Gruppen gegründet, ja, die komplette Freizeit oft im Sarah verbracht. „Wenn man sich getroffen hat, ist man ins Sarah“, erzählt sie. „Das war nicht Fortgehen. Das war Heimkommen. Das war Familie.“ Das ist bis heute geblieben.

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