Schlussbild mit Akteuren des Staatstheaters Stuttgart Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Alles neu – wird jetzt auch alles anders? Beim Treffpunkt Foyer unserer Zeitung in der Stuttgarter Liederhalle gibt das neue Leitungs-Quartett des Staatstheaters Stuttgart einen Ausblick, wie mutig es die Zukunft des Dreispartenhauses gestalten will.

Stuttgart - Das Staatstheater Stuttgart ist für seine Spitzenleistungen international beachtet. In Tamas Detrich (Ballett), Viktor Schoner (Oper) und Burkhard C. Kosminski (Schauspiel) gibt es seit September drei neue Intendanten an der Spitze des größten Dreispartenhauses in Europa. Sie verantworten gemeinsam mit dem Geschäftsführenden Intendanten Marc-Oliver Hendriks einen künstlerischen Neustart.

Wie dieser gelingen kann? 900 Leserinnen und Leser unserer Zeitung wollen am Donnertagabend beim Treffpunkt Foyer im ­Hegelsaal der Liederhalle Stuttgart mehr erfahren. Befragt von Titelautor Nikolai B. Forstbauer skizzieren die Gesprächsgäste ihre ersten Pläne. Überlagert wird ihr Neustart von der Suche nach einem attraktiven Interimsstandort für die Zeit der Generalsanierung des Opernhauses und der Erweiterung des Staatstheater-Areals. Noch immer befinden sich Künstler und Mitarbeiter im Ungewissen, in einer Art Schwebezustand.

Tamas Detrich gefällt die Wagenhallen-Idee

Dabei schien in dem früheren Paketpostamt in der Ehmannstraße schon ein ge­eigneter Standort für die Interimsbühne ­gefunden – bis Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) aus Kostengründen auf die Bremse trat. Angesichts der ­Entscheidung gesteht Ballettintendant Detrich, einst selbst Absolvent der Stuttgarter John-Cranko-Schule: „Ich habe die Hoffnung verloren in letzter Zeit.“ Dass sich nun bei den Wagenhallen eine kostengünstigere und nachhaltigere Alternative herauskristallisiert, gibt neuen Mut. „I like it“, der neue Ballett­intendant mag die Wagenhallen-Idee. Er könne sich vorstellen, was er auf dem Papier sehe.

Der geschäftsführende Intendant Hendriks hält sich mit einer Bewertung des Vorschlags zurück. Man habe „ein Gefühl“, müsse jetzt aber noch überprüfen, ob die Ergebnisse der städtischen Task Force und das Raumprogramm des Staatstheaters in Deckung gebracht werden können. „Erst dann können wir eine verbindliche Aussage treffen“, sagt er.

Viktor Schoner will eine Gesprächskultur etablieren

Dass seine Mitarbeiter hinter den Kulissen enttäuscht sind, weil sie mindestens sechs weitere Jahre warten müssen, bis die Sanierungsarbeiten im Opernhaus und damit auch die Anpassungen ihrer Arbeitsplätze an geltendes Recht beginnen, lässt Hendriks nicht unruhig werden. Eine Abwanderungswelle fürchtet er nicht. Er sei „therapeutisch unterwegs“ in seinem Haus. Man müsse eben sehen, was für alle die sinnvollste Lösung sei.

Aus der freien Kulturszene regt sich allerdings bereits Kritik und Widerstand gegen den neu ins Spiel gebrachten Standort. Opernchef Schoner kann das verstehen. Man müsse eine Gesprächskultur etablieren. „Wir müssen uns miteinander beschäftigen – nicht über Bande, sondern direkt“, sagt er – und räumt ein: „Da waren wir zuletzt nicht so begabt.“

Und sowieso, Schoner will zwar möglichst optimale Rahmenbedingungen. Er sagt ­jedoch:„Ich rede nicht so gerne über die ­Steine, ich rede lieber über die Kunst, die in diesen Steinen stattfindet.“ So erzählt er zum Beispiel begeistert, wie der neue, erst 38 Jahre alte Generalmusikdirektor Cornelius Meister mit seinen Qualitäten und seiner Präsenz in seiner Sparte eine Kultur schaffe, die „von innen heraus“ wirke.

Burkhard C. Kosminski stellt die Frage der Identität

Auch die künstlerischen Pläne werden an diesem Abend besprochen. Als Intendant in eine Stadt wie Stuttgart zu kommen, sei „ein Privileg auf Zeit“, sagt Schauspiellenker Kosminski. Seine Ankündigung, er wolle in die Stadtgesellschaft hineinwirken, erklärt er so: Man müsse sich auf die Stadt einlassen, in der man lebe, und mit der Gesellschaft, mit dem Publikum in einen Dialog treten.

„Wir suchen uns Themen, von denen wir glauben, dass sie für die Stadt wichtig sind“, sagt er. Für diese Spielzeit ist dies „die Frage der Identität“. Man habe eine Vielfalt im ­Ensemble, die auch die Vielfalt in der Gesellschaft widerspiegele. „Wenn es optimal läuft, werden die Besucher von unserer Vorstellung berührt, bewegt. Aber vielleicht ­gelingt es auch, sie zum Nachdenken zu ­bewegen“, sagt Kosminski. „Das ist mein Anspruch!“

Neues braucht Zeit

Schoner wiederum skizziert den schmalen Grat zwischen klassischen und modernen Operninszenierungen. Man habe die Möglichkeit, Oper zu machen – einerseits „hochemotional“ – und andererseits zu überlegen, wie man Themen diskursiv angehe. Für ihn ist klar: „Gesellschaft braucht auch unterhaltsame Aspekte.“ Ballettintendant ­Detrich, der am Sonntag mit der Kompanie zu einer Tournee nach Japan aufbricht, weist darauf hin, dass sein „Aufbruch!“ mit einem Ausrufezeichen keine komplette Abkehr vom Bisherigen ist. „Wir gehen Neues an“, sagt er. Aber dafür brauche es auch Zeit.

Einen Vorgeschmack auf das, was die Besucher in dieser Spielzeit erwartet, präsentieren die Künstler aus den drei Sparten an diesem Treffpunkt Foyer-Abend zudem. Mehr geht nicht.

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