Szene aus „Woke Up Blind“ von Marco Goecke Foto: Rezvani

Für das Nederlands Dans Theater in Amsterdam hat der Stuttgarter Hauschoreograf Marco Gocke jetzt das Stück „Woke Up Blind“ entwickelt, eine Hommage an den 1997 verstorbenen amerikanischen Songschreiber Jeff Buckley.

Amsterdam - Um sein Licht leuchten zu lassen, braucht es nicht viel. Marco Goecke, Hauschoreograf des Stuttgarter Balletts,­ ­genügt in seiner jüngsten Uraufführung ­gerade mal eine Lampe, um den sonst dunklen Raum auf wundersame Weise zu er­hellen. „Woke up Blind“ nennt sie sich, nur wenige Tage nach „Lucid Dream“ in Den Haag vorgestellt: ein Kammerballett von gerade mal 15 Minuten Dauer, das sich innerhalb von „Somos“ höchst eindrucksvoll ­behauptet.

„Wir sind“ (so die Übersetzung aus dem Spanischen), das heißt in diesem Falle nicht nur die beiden profilbestimmenden Persönlichkeiten des Nederlands Dans Theater (NDT), die in dem sogenannten Programm mit zwei ­älteren Arbeiten vertreten sind, sondern auch die beiden „associate choreographers“, die ganz unterschiedlich das ­Erscheinungsbild des NDT mitgestalten. Kurz: nicht nur Sol León und Paul Lightfoot, die immer ­gemeinsam am Werke sind, sondern eben auch Crystal Pite und Marco Goecke, die diesmal die Kreationen beisteuern.

Zweisamkeit in der Dunkelheit

Marco Goecke interpretiert zwei Songs des früh verstorbenen Jeff Buckley und ­fächert dabei wenigen Minuten das ganze Gefühlsspektrum zwischenmenschlicher Beziehungen auf. „You & I“, das sind in ­diesem Fall zunächst einmal Anne Jung und Jorge Nozal: ein starkes Paar, dessen ­Zweisamkeit selbst dann spürbar ist, wenn der eine oder die andere in der Dunkelheit verschwindet.

Wie immer bei Marco Goecke, reiht sich wie beim Dominospiel ein Solo ans andere, auch wenn sich zwischendurch die Choreografie vielleicht in einem gleich laufenden Duo verdichtet. Raumgreifend sind dabei immer wieder die Arme, muskulös und doch voller Fantasie. Mal lassen sie an eine Bet­geste denken, mal haben sie etwas von einem Nasenstüber. Schulterzuckend scheint sich einer der Tänzer aus seinem Dasein zu ­verabschieden, während ein anderer ent­weder mit kleinen Sprüngen die Bühne durchmisst oder sich ganz ruhig auf sich selbst konzentriert.

Den Assoziationen freien Lauf lassen

Mehr Lichter steckt Goecke seinem zweiten Song auf, „The Way Young Lovers Do“, und dieses „Mehr“ braucht seine Cho­reografie eigentlich nicht. Rote, samtige ­Hosen genügen ihm, um sich von dem ­Vorangegangenen auch optisch abzusetzen. Schneller ist er ohnehin, schon von Musik wegen, die hier weniger in Vokalisen verhallt als zuvor. Goecke bleibt ihr stets auf der Spur, ohne jeden Gitarrengriff sichtbar ­machen zu müssen. Er reizt sie vielmehr auf seine Weise aus und schafft so einen Spannungsbogen, der seinen Gestenreichtum ­immer wieder anders erscheinen lässt. Das kann in einzelnen Soli geschehen, von denen es hier nicht wenige gibt. Das passiert aber auch in Duos, die durchaus einen Erotik-Touch haben können, wenn sich die Bewegungen ineinanderschieben. Goecke lässt allen Assoziationen freien Lauf. Traumhaft choreografiert, entzieht sich sein Tanz einer Eindeutigkeit, und das ist gut so.

Gut getanzt wird „Woke up Blind“ vom NDT ohnehin, und ihrer Einzigartigkeit ­wegen müsste man deshalb alle Tänzer ­nennen: Aram Hasler und Prince Credell, ebenso Thiago Bordin, Olivier Coeffard, ­Anne Jung, Rupert Tookey und ganz besonders den Ex-Stuttgarter Jorge Nozal, der sich als einziger am Schluss wieder in das Schwarz des ersten Teils kleidet und mit einem ausgestreckten Arm an die Zuschauer wendet. Und die reagieren auf seine Avancen wie erwartet: mit Ovationen.

Das ist übrigens auch bei den anderen „Somos“-Stücken so. Wie gebannt folgt das Publikum dem Diskurs, den Crystal Pite ebenso wortreich wie wendig in „The ­Statement“ inszeniert. Und ist ebenso aufmerksam, wenn sich Sol León und Paul Lightfoot in „Same Difference“ und „Shoot the Moon“ ganz kryptisch geben, ohne dass die Faszination darunter leidet. Denn so wünscht man sich nicht nur in den Niederlanden Tanz: tiefgründig, vielschichtig, sprachmächtig und virtuos zugleich. So wie beim NDT eben.

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